Haben Sie das vergangene Woche auch gelesen: dass innerhalb weniger Tage gleich neun Knastbrüder ausgeflogen sind aus der JVA Plötzensee, Berlin!? Lieblingsthema Berliner Versagen, Gefängnismisere, Geldmangel im deutschen Strafvollzug insgesamt, darüber wurde in der Folge dann öffentlich diskutiert.

Notwendig, sicher, aber doch sehr fad, die Geschichte bloß so abzuhandeln. Die Wahrheit ist doch, Gefängnisausbruch ist total romantisch, finden wir alle aufregend, macht irgendwas mit uns, siehe die Verfilmungen Papillon, Die Verurteilten, Gesprengte Ketten. Gefängnisausbruch ist ein Klassiker der Spezies Mensch. Vier der Geflohenen haben das auch wirklich filmreif gemacht, haben sich aus irgendeinem Keller mit Vorschlaghammer durch die Betonwand gekloppt und dann noch mit der Flex durch den Trägerstahl und dann über alle Berge, das muss man schon wollen.

Gut, die vier Typen, die da entkommen sind, das waren, anders als die Helden im Film, keine Unschuldigen, sondern vermutlich zu Recht verurteilte Straftäter, die saßen ein wegen bewaffnetem Raubüberfall, schwerer Körperverletzung und dergleichen, es ist natürlich schon ganz richtig, dass solche Leute bestraft werden, und man sollte bestimmt nicht einfach so ausfliegen können aus dem Gefängnis, das ist auch klar. Deswegen kann man sich jetzt auch nicht so ganz uneingeschränkt für die Ganoven freuen, dass sie raus sind.

Zugleich darf man feststellen, dass Gefängnis offenbar sehr gut funktioniert. Insofern zumindest, als die Insassen eben nicht gern drin sind. Vielmehr, und das ist doch erstaunlich, waren die übrigen fünf Dudes, die sich aus dem Staub gemacht haben, bloß im sogenannten offenen Vollzug, sie mussten sich also nur abends im Gefängnis melden und da übernachten, tagsüber durften sie raus. Das Schlafen im Knast fanden sie aber offenbar schlimm genug, um weglaufen zu wollen. Zwei von ihnen rüttelten gar idealtypisch die Stäbe aus dem Fenster, das sich zwischen ihnen und der Freiheit befand. Womit wir bei dem entscheidenden Wort wären, Freiheit. Irgendwie ist das doch sehr rührend und schön, dass der Mensch die offenbar wirklich braucht. Da wird einer eingesperrt, er kriegt ein beheiztes Zimmer, ein Bett, ein Klo, eine Dusche, er kriegt was zu essen und zu trinken, darf lesen, rauchen, fernsehen, mit anderen Leuten schwatzen, sogar ein paar müde Kröten verdienen oder eine Ausbildung machen. Da hat er doch alles, was er braucht, möchte man denken, und es gibt Leute, die sagen das sogar und finden, Gefängnis sei zu soft, keine echte Strafe. Man darf annehmen, dass solche Leute noch nicht selbst gesessen haben. Denn der Mensch lebt, wie heißt es noch so schön, nicht vom Brot allein.

Im Gegenteil wissen wir alle sofort und genau, dass Freiheitsentzug furchtbar sein muss. Es gibt ja zahllose Menschen, die sitzen überhaupt nicht im Gefängnis, sondern bloß in Festanstellung und geregelten Beziehungen, und sogar denen kann man das Versprechen auf Freiheit sehr einfach verticken. "Entkommen Sie dem Alltag" und so weiter. Wie unendlich viel schlimmer muss es dann erst sein, wenn man tatsächlich keinen Schlüssel hat zu der Tür, die aus dem Zimmer führt, und ständig gesagt bekommt, wo man wann sein darf und wo nicht. Gefängnis ist, wenn man es sich mal genauer ausmalt, eine entsetzliche Strafe, weil Freiheit ganz eng verwandt ist mit Würde. Damit das hier nicht in eine Gauck-Rede entgleist, führe ich diesen Gedanken nicht weiter aus. Ist ja sowieso klar, oder?

Wenn ich ganz ehrlich bin, bewundere ich die Ausbrecher auch (obwohl sieben schon wieder in Haft sind). Nicht bloß, weil ihr Freiheitsdrang offenbar sehr groß war. Sondern auch, weil ich bezweifle, dass ich jemals den Mut zu so einer Aktion aufbringen würde. Ich hätte viel zu große Angst, erwischt und bestraft zu werden. Zugleich saßen die Brüder ja überhaupt nur ein, weil sie diese Angst eben nicht zu kennen scheinen. Man darf eben keine Angst vor dem Eingesperrtsein haben, um fliehen zu können.