Es klang fast ein wenig großväterlich, als der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in der traditionellen Neujahrsansprache seine Landsleute ermahnte: "Fraternité ist es, was uns zusammenhält." Gerade jetzt sei diese Tugend dringend nötig, um die Zerfallserscheinungen in der Gesellschaft zu stoppen.

Annähernd zur gleichen Zeit hielt auch seine Kollegin Angela Merkel eine Rede zum Jahreswechsel, in der rund ein halbes Dutzend Mal der soziale "Zusammenhalt" angesprochen wurde. Italiens Staatsoberhaupt Sergio Mattarella appellierte in seiner Grußadresse an die "Einigkeit" seiner Landsleute, und in Kopenhagen erinnerte die für ihren warmherzigen Ton bekannte Königin Margrethe die Dänen an ihre besondere Stärke, nämlich den starken Gemeinschaftsgeist. Schon lange haben sich nicht mehr so viele politische Führungskräfte so große Sorgen um das gesellschaftliche Miteinander gemacht.

Mit gutem Grund, wie die Arena Analyse 2018 Wir und die anderen nahelegt. Diese Studie, die auf Expertenbefragungen beruht, wird seit 2006 jedes Jahr vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners in Zusammenarbeit mit der ZEIT und dem Standard durchgeführt. Ziel ist es, künftige Trends aufzuspüren und ihre Hintergründe auszuleuchten. Insgesamt wurden dafür Tiefeninterviews und schriftliche Beiträge von über 50 Expertinnen und Experten ausgewertet.

Der nahezu einhellige Befund: Das gesellschaftliche Gefüge hat Risse bekommen, die immer größer werden. Was man für festes Packeis hielt, entpuppt sich nun als ein Puzzle nur mehr lose zusammenhängender Eisschollen, die scheinbar unaufhaltsam immer weiter auseinanderdriften. Die meisten Teilnehmer der Arena Analyse halten es für eine "bedrohliche Entwicklung, wenn gesellschaftliche Teilgruppen nichts mehr miteinander zu tun haben wollen".

Diese Einschätzung wird mehr und mehr zu einem bestimmenden Faktor im Bewusstsein der Menschen. Mehr noch als der Verlust traditioneller Zusammengehörigkeit prägt die Angst vor dem Verlust des sozialen Miteinanders das Lebensgefühl und zeitigt auf den ersten Blick paradoxe Folgen. Auf der Suche nach mehr Gemeinsamkeit schließen sich kleinere Gruppen zusammen, die sich daraufhin entschlossen nach außen abgrenzen. Die Bewohner der einzelnen Eisschollen – um im Bild zu bleiben – rücken enger aneinander und halten zugleich die anderen umso mehr auf Distanz. Auf der Suche nach innerem Zusammenhalt werden immer neue Zäune aufgerichtet.

In der EU gewinnen die nationalen Egoismen die Oberhand

Das Phänomen lässt sich auf mehreren Ebenen und in vielen Bereichen gleichzeitig beobachten: Die Einheit der EU ist in Gefahr, weil in den Mitgliedsstaaten die nationalen Egoismen die Oberhand gewinnen. Doch auch die Nationalstaaten selbst kommen durch Autonomiebewegungen unter Druck. Von Katalonien und dem Baskenland über Norditalien bis nach Schottland wird mit Eigenständigkeit und Austrittsdrohungen erfolgreich Politik gemacht. Innerhalb der kulturell nur scheinbar homogenen Regionen wächst die Entfremdung zwischen Stadt und Land. In den Städten entstehen soziale, ethnische und religiöse Ghettos, wie man sie früher nur aus den USA kannte. Und natürlich hat auch der ehemalige Facebook-Manager Chamath Palihapitiya mit seiner berühmt gewordenen Philippika recht: Nirgendwo wird derart hemmungslos abgeschottet und ausgegrenzt wie in den Echokammern der sozialen Netzwerke.

Zwei dramatische Veränderungen der letzten Zeit haben die in jeder Gesellschaft vorhandenen Bruchlinien so bedrohlich anwachsen lassen: zum einen Globalisierung und Digitalisierung mit ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebenswelt. Und zum anderen die Migrationsströme, die in ihrer Heftigkeit zwar fürs Erste gestoppt wurden, aber als Bedrohung weiterhin im Bewusstsein präsent bleiben. Ebenso birgt auch der Umgang mit den bereits anwesenden Asylwerbern ein brisantes Thema – nicht nur in Österreich.

Globalisierung und Digitalisierung beschleunigen einen Wandel, der traditionelle Berufe verschwinden lässt oder bis zur Unkenntlichkeit verändert. Vertraute Jobs werden gekillt, neue, mit denen zunächst niemand etwas anfangen kann, entstehen an ihrer Stelle. Mag sein, dass sie in Summe das Bruttoinlandsprodukt stark wachsen lassen, doch unter der Oberfläche dieser Statistik verlieren die Menschen ihren Halt und fühlen sich im Stich gelassen.