"Hast du dich schon wieder auf meinen Parkplatz gestellt?", mahnt Makis Anagnostou seinen Kollegen Spiros, der gerade den Kontrollraum der Fabrik betritt. "Du meinst meinen Parkplatz", entgegnet der mit breitem Grinsen. Solche Running Gags, um Meins oder Deins, wem hier was gehört, die hört man oft in Viome, der riesigen Fabrik am Stadtrand von Thessaloniki, die von Anagnostou und seinem Kollegen besetzt wird, seitdem die Eigentümer nach der Insolvenz 2011 getürmt sind.

Hinter dem Scherz verbirgt sich jedoch eine viel grundsätzlichere Frage: Wem gehört Viome? Uns, den Arbeitern, meint Makis, ein großer, vollbärtiger Mann mit gezwirbeltem Schnauzer, der mit seinem roten Käppi und dem blauen Jeanshemd ein bisschen wie ein lebensgroßer Super Mario daherkommt. Er und seine Kollegen haben in Viome die Produktion am Laufen gehalten, auch nachdem die griechische Wirtschaft in den Krisenjahren so katastrophal zusammengebrochen war. Doch noch immer ist die Besetzung der Fabrik illegal. Noch immer ist es möglich, dass der Insolvenzverwalter sich Zutritt verschafft und die Halle mit den Maschinen zwangsversteigert.

Viome steht für Viomichaniki Metalleftiki, was übersetzt "Industrieminerale" bedeutet. Früher war Viome ein Tochterunternehmen von Philkeram Johnson, dem einst größten Hersteller für Keramikfliesen in Griechenland. Viome produzierte den Kleber für die Fliesen. Nach dem Bankrott des Mutterkonzerns 2011, auf dem Höhepunkt der griechischen Wirtschaftskrise, sollten auch die Arbeiter von Viome ihre Jobs verlieren. Stattdessen aber besetzten sie die Fabrik. Und leiten sie seitdem gemeinschaftlich. Einen Chef gibt es nicht. Der britische Guardian nennt das, was hier passiert, eines der "derzeit spannendsten Sozialprojekte" Europas.

Leere Fässer dienen als Barrikaden zum Nachbargelände

Es ist 7 Uhr in Thessaloniki. Und wie jeden Morgen versammeln sich die Kollegen im Kontrollraum zur Besprechung, brühen Kaffee, frühstücken grob geschnittene Wurst, Käse, Brot. Die Überwachungskamera zeigt, wie einer nach dem anderen von draußen durch das Metalltor tritt. Graffitis schmücken das 5.000 Quadratmeter große Industriegelände, leere Fässer dienen als Barrikaden zum Nachbargelände. Drinnen an den Wänden hängen Poster mit Slogans wie "Wir sind keine Sklaven mehr". Für Makis Anagnostou ist das nicht nur ein Slogan. Er fühlt sich heute unabhängiger. Auch die Arbeit sei kreativer geworden, sagt er.

Es gibt in Viome keine Hierarchien, alle bekommen das gleiche Gehalt. Die rund 20 verbliebenen Arbeiter, darunter zwei Frauen, produzieren heute in einem kleinen Teil der Fabrik Handseife aus Olivenöl, nach Lavendel duftendes Waschpulver oder Reinigungsmittel für Fußböden. Sie beliefern damit vor allem griechische Wochenmärkte, schicken ihre Seifen aber auch nach Italien, Frankreich und Spanien oder Deutschland.

Anagnostou, 50 Jahre, Vater von drei Kindern, erinnert sich, wie vor sechs Jahren plötzlich die Lohnzahlungen stoppten. "Vier Monate lang." Er ging trotzdem weiter in die Fabrik, stellte Kleber, Putz und chemische Reinigungsmittel für die Fliesen her. Doch da war ihm schon klar, wie es wohl weitergehen würde: Schließung, Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Armut. Zu viele dieser Geschichten hatte er seit Beginn der Krise 2009 gehört. Ein Unternehmen nach dem anderen schloss. Griechenland hat seitdem ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren. Mehr als 150.000 kleine und mittlere Firmen gaben auf, die Arbeitslosenquote stieg von sieben auf nahezu 30 Prozent.

Anagnostou erinnert sich, wie er und die Arbeiter ängstlich beieinandersaßen, sich fragten: Was wird mit uns geschehen, mit unserer Arbeit, unserer Zukunft? Was tun, wenn einem die Lebensgrundlage entrissen wird? 70 Mitarbeiter waren bei Viome angestellt, einige gingen in Rente, wenige fanden andere Arbeit, Makis und die anderen blieben, wie "aus einem Überlebensinstinkt" heraus, so formuliert er es. Sie besetzten die Fabrik, berieten, womit man die Produktion fortsetzen könnte, entschieden sich für Seife. Schließlich gründeten sie die Viome Synergatiki, eine Genossenschaft. Nachts schiebt noch immer einer Wache, wer weiß, ob nicht irgendwer ihnen die Fabrik entreißen will. Formal gehört sie noch dem insolventen Mutterkonzern. Derzeit läuft ein Gerichtsverfahren. "Wir fordern die Legalisierung der Fabrik zugunsten der Viome Genossenschaft", sagt die Anwältin der Arbeiter, Olga Charpidou.

Neben dem Bildschirm mit der Überwachungskamera im Kontrollraum läuft der Fernseher. Kurzes Geplauder über das Wetter. Dann werden anstehende Aufgaben besprochen. Eine Kollegin liest die Anfragen per E-Mail laut vor. Einer trägt die Ausgaben der letzten zwei Monate vor, insgesamt 1483,70 Euro, etwa für Öle oder Duftzusätze.

Eine gewisse Energie gegen die Staatsgewalt

Die Arbeiter müssen haarscharf kalkulieren, bis auf Centbeträge wird alles berechnet. Sie diskutieren, welche Produktionen jetzt schon absehbar sind und mit den bestehenden Ressourcen zu bewältigen, um von den neuen Einnahmen wiederum die Substanzen für die noch anstehenden Produktionen kaufen zu können. Im letzten Jahr konnten sie Einnahmen von 120.000 Euro erzielen. Davon muss alles bezahlt werden: Steuern, der Strom, ein bisschen Geld für die Arbeiter.

"Guck mal, wie die auf die draufhauen", ruft plötzlich einer der Kollegen. Im Fernsehen laufen jetzt Nachrichten. Ein Gericht in Athen wird gerade von Protestlern gestürmt, und Polizisten setzen Knüppel und Tränengas ein. Ein anderer Kollege dreht den Ton lauter. Man freut sich kollektiv über eine gewisse Energie gegen die Staatsgewalt. Und als würde man ein Fußballspiel anschauen, kommentieren die Kollegen, die meisten etwa in Makis’ Alter, welcher Polizist von den aufrührerischen Bürgern wie getroffen wird. Alle lachen. Die Stimmung ist gelöst.