In den vergangenen Wochen besuchten junge ostdeutsche Autoren für diese Seiten ihre Familien. Daraufhin schrieben viele Leser ihre eigenen Geschichten auf – und schickten sie uns. Eine Auswahl, in sechs Kategorien

Manchmal – ohne dass man es planen oder auch nur ahnen könnte – kommt etwas ins Schwingen. Manchmal erzählt man eine Geschichte, und es entsteht eine Atmosphäre, von der offenbar viele, viele andere sich angeregt fühlen. Sich daraufhin endlich trauen, auch ihre Geschichte zu erzählen.

Wir hatten in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass das passiert ist – dank mehrerer junger Autorinnen, die auf diesen Seiten von sich erzählten. Sie alle kommen aus Ostdeutschland, aber haben inzwischen in Berlin gelebt, in München oder Paris. Für ihre Texte sind sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Und sie fragten sich: Was hat sich dort verändert? Und was habe ich mit den Dagebliebenen eigentlich noch gemeinsam?

Unter jeden dieser Texte schrieben wir, in kleiner Schrift: "Möchten Sie auch Ihre Geschichte erzählen? Mailen Sie uns!"

Die Texte, die uns erreichten, waren mehr als Leserbriefe. Es waren anrührende Lebensgeschichten. Es meldeten sich Jüngere ebenso wie Ältere, Dagebliebene und Fortgegangene genauso wie Rückkehrer. Manche schrieben mit Wut im Bauch, andere mit Kloß im Hals – aber ehrlich, so wirkte es auf uns, ehrlich und offen schrieben und erzählten sie alle. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, die Serie "Rückkehr nach Hause" in den kommenden Monaten in loser Folge fortzusetzen. Und hier Auszüge aus den Geschichten unserer Leser zu veröffentlichen, sortiert in sechs Rubriken.

Anne Hähnig

1. Die eigene Ost-Identität begleitet einen ein Leben lang – ob man das möchte oder nicht

Nicole Breithaupt, 1982 in Halle geboren:

"Wie sehr ich mit meinen jungen Jahren ostdeutsch und ein Kind der DDR war, wurde mir im Studium in Göttingen bewusst. Die Stadt erschien mir hübsch und liebenswert, aber befremdend bieder. Dass die Professoren hier einen Habitus pflegten und in den großzügigen Villen des Ostviertels lebten, verwunderte mich. Ich vermisste das vitale, weniger bürgerliche Kultur- und Kunstleben, das ich aus Halle kannte. Die Studierenden waren so erwachsen und gut gekleidet; viele schienen jedoch weniger von Aufbruchswillen und Reformgeist als von der Aussicht auf einen sicheren, privilegierten Arbeitsplatz motiviert zu sein. Die etablierte Volkskirche im Westen blieb mir fremd.

Unwissenheit und Ignoranz trafen mich zunehmend: Es gab schlicht kaum Wissen über 'den Osten', die ehemalige DDR und ihre Geschichte – ein seltsam weißer wilder Fleck auf der Landkarte, der nun vom Westen gefüllt und erklärt wurde. (...) Plenzdorf oder Maxi Wander waren so unbekannt wie die Defa-Filme, wie Gerhard Schöne oder Keimzeit. (...) Gelegentlich entwickelte ich missionarischen Eifer, verschenkte Gunter de Bruyns 40 Jahre oder Reiner Kunzes Die wunderbaren Jahre. Mir wurde bewusst, wie viel ostdeutsche Identität nicht nur in meinem Bücher- und Musikregal lebte, sondern auch in mir. Vieles davon im Westen kaum wahrgenommen, in den Medien unerwähnt. (...)

Seit dem Herbst 2015 beschäftigt mich der Osten noch mal neu und anders. Wie mit den folgenden Veränderungen, Umwälzungen umgehen, angesichts weniger tragender Strukturen, mangelnden Traditionen und gekappten Wurzeln, gerade in Sachsen-Anhalt? Die Nachfragen aber, was denn da bitte los sei im Osten, erlebe ich auch als Chance. Der Osten ist mein Schicksal. Er gehört zu mir, die Wunden, gebrochenen Identitäten und der Charme."

Katrin Hertel, 1978 in Zwickau geboren, schreibt aus Guangzhou, China:

"Nach der 10. Klasse war ich ein Jahr in Massachusetts als Austauschschülerin, dort über andere Austauschschüler eigentlich zum ersten Mal mit dem 'Ossi-Sein' konfrontiert worden, auch weil ich eben die einzige aus unserer gesamten Gruppe war. Und nach dem derzeitigen Stand meiner Auslandsaufenthalte setzt sich diese Erfahrung auch fort."

Diana Hellwig, 1970 in Erfurt geboren:

"Dass die DDR-Vergangenheit ihre Wirkung bis ins heutige Leben entfalten würde, hätte ich zu der Zeit, als die Mauer fiel, nicht für möglich gehalten. Ich war damals 19 Jahre alt. Beinahe genauso lange arbeite ich nun schon in Erfurt als Angestellte im Wissenschaftsbereich. Und ich frage mich, warum so wenige meiner Generation Karriere machen. (...) Es lag wohl mit daran, dass sie den neuen Institutionen ebenso wenig trauten wie den alten. Sie hielten sich zurück, beobachteten zunächst die Situation – bis es zu spät war."