Einmal angenommen, hoch im Himmel über unseren Köpfen würden Straßen gebaut. Breite, feste Straßen, an denen die schönsten Häuser stehen. Noch ist die Technik nicht so weit, dort oben, vielleicht auf Matterhornhöhe, eine zweite Welt zu errichten. Doch sollte es irgendwann dazu kommen, wird es dann so etwas geben wie ein Himmelskataster? Ein Himmelsbuch, so wie es unten ein Grundbuch gibt? Und würde darin erfasst, wer welches Stück des luftigen Blaus bebauen darf?

Noch steht der Himmel allen offen. Er gehört zwar theoretisch demjenigen, der das Grundstück darunter besitzt. Rein praktisch aber gehört er niemandem und allen zugleich. Keiner käme auf die abstruse Idee, den Himmel in Parzellen zu zerlegen und meistbietend zu verkaufen.

Anders auf Erden. Da wird diese Abstrusität schulterzuckend hingenommen und gilt als naturgegeben. Dabei gehören auch Grund und Boden eigentlich niemandem und jedem. Bloß haben die meisten das vergessen. Und damit die Wohnmisere der Gegenwart erst ausgelöst.

So wie Sonnenlicht keine Ware ist oder Luft oder Wind, so sind auch Grund und Boden kein Handelsgut. Kein Mensch kann sie erschaffen, in Kisten verpacken und nach Übersee verschiffen. Niemand wird sie, bodenflüchtig, in seinem Offshore-Konto deponieren. Und so waren sich die Philosophen der Weltgeschichte einig – von Platon über Thomas von Aquin bis zu Karl Marx –, dass die Erde mit Geld nicht zu bezahlen ist: Denn ein jeder muss sich darauf bewegen und braucht sie zwingend, um eine Bleibe zu finden. Ohne Grund keine Gründung. Ohne Boden kein Leben.

Was aber passiert? Der Boden unserer Existenz, um es pathetisch zu sagen, wird zum Objekt globaler Spekulanten. Zu einer Bitcoin-artigen Irrealität. Mit der Folge, dass erstens viele Neubauten genau so aussehen: auf irreale Weise abstrakt und wahllos. Und zweitens, dass das Wohnen in diesen Häusern kaum mehr zu bezahlen ist.

In München hat sich der Preis für Grundstücke verdreifacht – in nur zehn Jahren. Und so sind es nicht bloß teure Handwerkerrechnungen oder aufwendige Dämmstoffe, nicht allein Arbeit und Material und der deutsche Vorschriftenwahn, die eine Wohnung zum Luxusgut machen. Es ist vor allem der Boden. Er lässt die Baupreise so weit steigen, dass bei einem neuen Haus bis zu 70 Prozent des Budgets allein für das Grundstück draufgehen. Selbst wenn die Bauherren so gut wie alles schwarz ausführen ließen – günstige Wohnungen würde es nicht geben. Auch für Genossenschaften oder Baugruppen nicht, die ohne jede Gewinnabsicht planen.

Damit erweist sich die Wohnkrise als großer Motor der Ungerechtigkeit. Wäre die Gesellschaft nicht gespalten – in Grundbesitzer und Grundlose –, würde die Kluft zwischen Reich und Arm nicht so weit aufspringen, wie sie es gerade tut. Und viele beschliche nicht das Gefühl, im schönen Wohlauf-Deutschland laufe etwas ganz grundverkehrt.

Die Bürger sprechen davon, dass ihre Stadt nicht mehr die ihre sei

Was da verkehrt läuft? Die Bodenreichen verdienen etwas Unverdientes: Sie haben ihre Liegenschaft erworben, weil sie das Geld dafür hatten, sie waren also vorher schon reich. Nun aber werden viele sprunghaft noch reicher, ohne das Mindeste dafür zu tun. Es verdankt sich ja nicht ihrer Tatkraft, dass die großen Städte so viele Menschen anziehen und diese nach Bau- und Wohnflächen suchen, die es kaum gibt. Nicht sie, die Bodenreichen, sorgen dafür, dass es in ihrem Quartier sauber und sicher und schön ist, dass es genug Schulen, Cafés und Ärzte gibt. All das aber, die Sorge für das städtische Leben, für die Kultur des Urbanen, macht den Wert der meisten Liegenschaften erst aus. Und wenn eine Autoschneise untertunnelt wird und obendrauf ein neuer Park entsteht, dann schnellt zugleich der Preis für die anliegenden Grundstücke empor – ohne dass der Besitzer auch nur einen Finger gekrümmt hätte. Die Ökonomen nennen es eine "leistungslose Leistung". Eine Leistung, die sich lohnt, ohne dass sie erbracht worden ist.

Eine lebensfeindliche Logik

Wobei, erbracht wird sie ja durchaus, aber eben zu großen Teilen von jener Allgemeinheit, die nicht nur nichts von der Bodenwertsteigerung hat, sondern mit immer rabiateren Mieten noch dafür büßen muss. Diese Allgemeinheit hat außerdem für Wohngeld und andere soziale Leistungen in Millionenhöhe aufzukommen, die ja keinesfalls schicksalhaft anfallen, sondern nur deshalb, weil die Mieten für eine wachsende Zahl von Menschen unerschwinglich werden. Warum aber werden sie unerschwinglich? Weil die Bodenreichen immer noch reicher werden. Und das Tollste: Nicht einmal Steuern zahlt derjenige auf seinen Gewinn, der mehr als zehn Jahre wartet, um sein Grundstück mit Höchstgewinn wieder zu verkaufen. Denn dann ist die sogenannte Spekulationsfrist abgelaufen.

Mit Mietpreisbremsen und Milieuschutzregeln wird nun seit geraumer Zeit versucht, an den Symptomen der staatlich subventionierten Boden- und Gerechtigkeitsmisere herumzudoktern. Zugleich taten viele Kommunen während der letzten Jahre ihr Bestes, um die Ungleichheit noch zu verschärfen, indem sie ihr Land und ihre Wohnhäuser, also den Besitz ihrer Bürger, an Investmentgruppen oder Immobilienfonds verkauften, bloß um die nächste Stromrechnung bezahlen zu können. Stück für Stück haben sie den Körper der Stadt amputiert, hier ein paar Zehen, dort einen Oberarm – und nun wundern sich die Stadtväter, dass ihre Bürger über Phantomschmerzen klagen. Sie sprechen von Ausverkauf, von Entfremdung und davon, dass ihre Stadt nicht mehr die ihre sei.

Doch seltsam, obwohl kaum ein anderes Thema die Menschen stärker umtreibt, kommt es in den Wahlkämpfen kaum vor. So gut wie nichts ist von der SPD zur Wohnfrage zu hören. Lieber diskutiert sie emsig über die Bartlänge ihres Vorsitzenden, statt endlich radikal gegen das Spekulantentum vorzugehen. Auch aktuell in den Sondierungsverhandlungen der Groko wird das Thema wohl bestenfalls am Rande diskutiert. Bodenpolitik? Dafür fühlt sich niemand zuständig. Hört sich furchtbar abstrakt an. Und doch könnte sie zum Schlüssel werden für jene gesellschaftliche Neubesinnung, auf die viele hoffen.

Fast alle Parteien haben ja "die Heimat" für sich entdeckt. Sie sagen, sie wollten etwas tun für all jene, die sich zurückgelassen und nicht mehr behütet fühlen. Heimat aber beginnt mit dem Heim, damit, dass der Einzelne sich aufgehoben weiß: nicht nur in seinem Zuhause, sondern zugleich in einem Gemeinwesen, das nicht fremdgesteuert oder von globalen Renditeinteressen unterhöhlt wird. Ohne eigenen Grund ist daran nicht zu denken. Hätte die Republik also einen Heimatminister, er müsste der Bodenminister sein.

Wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine sinnvolle Antiglobalisierungsstrategie, so muss sie auf Rückgewinnung zielen. Darauf, den Grund gerecht zu verteilen. Und das heißt: ihn möglichst niemandem zu geben und möglichst allen. Ohne Enteignung wären Paris, Barcelona oder Wien nicht die großartigen Städte, die sie heute sind. Doch gibt es auch andere Möglichkeiten, das Wohndesaster zu beenden.

Es geht darum, Wucher und kalte Renditearchitektur zu verhindern

Die neue Bundesregierung könnte Großes leisten: Sie müsste nur neben der Klima- und Agrarwende endlich eine Bodenwende einleiten. Bislang hat der Bund nach Kräften den Verkauf und damit die Fremdbestimmung der Städte befördert. Viele Grundstücke in seinem Besitz hat er zum Maximalgebot veräußert, egal, ob darauf günstige, einfallsreiche Häuser entstehen oder Spekulantendepots mit Klo hinter kalten Beliebigkeitsfassaden. Es herrschte und herrscht die Logik des Marktes, die hier eine lebensfeindliche Logik ist, eine, die urbane Quartiere zu Geisterstädten werden lässt und schon deshalb von vielen Verbänden, Architekten, Forschern, selbst vom Bundesverfassungsgericht kritisiert wird. Das mahnte schon vor fünf Jahrzehnten, "die Interessen der Allgemeinheit beim Boden in weit stärkerem Maße zur Geltung zu bringen als bei anderen Vermögensgütern". Es verbiete sich, "seine Nutzung dem unübersehbaren Spiel der freien Kräfte und dem Belieben des Einzelnen vollständig zu überlassen". Ebendieses Binden der freien Kräfte hatten Politiker wie Hans-Jochen Vogel (SPD) in den siebziger Jahren vor. Sie wollten mit neuen Grundsteuern und Bodengesetzen die Städte verändern. Nicht um den Kleinsparern ihr Häuschen wegzunehmen, sondern um Wucher und Renditearchitektur zu verhindern. Wären sie durchgedrungen, das Leben in München, Berlin oder Hamburg wäre heute beschwingter, heimatlicher.

Die Bodenwende muss kommen

Dank der Wohnkrise sind nun zum Glück viele aufgewacht. Es gibt zahllose Initiativen, und allen gemein ist der Wille, dem Hochpreiswahnsinn ein Ende zu machen. Manche schlagen vor, der Bund möge seine Flächen in eine Bodenstiftung einbringen, die nichts verkauft, sondern den Grund in Erbpacht vergibt, um nicht nur erschwingliche, sondern auch unerprobte Wohnformen zu ermöglichen. Warum nicht Dachgärten für alle (damit Familien nicht in die Vorstädte flüchten)? Weshalb nicht eine dichte, ökologische Stadt (um Verkehr zu vermeiden)? Weshalb nicht alles mit allem verbinden: im Erdgeschoss einen Supermarkt, darüber Arztpraxen und eine Kita und auf dem Dach eine kleine Siedlung mit Einfamilienhäusern? Vereinzelt gibt es derartige Experimente schon. Doch obwohl sie sich im Alltag bewähren, greift der Immobilienmarkt lieber nach den ewig gleichen Grundrissen und mag sich auf die Durchdringung der Arbeits- und Wohnwelt nur selten einlassen. Da könnte eine Stiftung des Bundes einspringen – und nebenher die Kommunen ermutigen, endlich selbst aktiv zu werden, nach Kräften freie Liegenschaften zu kaufen und in Erbpacht zu vergeben, um die Übermacht der Immobilienkonzerne zu brechen. Es wäre eine Investition in die eigene Stärke.

In manchen Städten, in Ulm zum Beispiel, geht diese Strategie grandios auf. Sie horten eigenen Grund und Boden und steuern so, was wo und in welchem Ausmaß entsteht – um die Preistreiberei zu verhindern, Flächenfraß und Zersiedlung zu stoppen und selbst darüber zu bestimmen, wie sozial und genossenschaftlich das Wohnen sein soll. In Basel besitzen Genossenschaften und Stiftungen schon zehn Prozent aller Wohnungen – und vermieten sie 30 Prozent billiger als der Durchschnitt.

Die gewaltige Neubauwelle, die gerade übers Land zieht, könnte zur Chance werden. Sie könnte das Dasein vieler Menschen bereichern, wie es etwa in Tübingen geschieht, wo die Kommune keine Riesengrundstücke vergibt, weil auf solchen oft nur Investoren-Monotonie gedeiht. Die Stadt soll wieder von Städtern gebaut werden, auch von solchen, die wenig Geld, dafür aber Ideen mitbringen. Sie bekommen den Boden, den sie brauchen, auch wenn es vielleicht nur eine schmale Parzelle ist. Einzige Auflage: Im Erdgeschoss muss es Gewerbeflächen geben. Das macht die Stadt lebendig: Aus der Boden- wird Wohn- und aus der Wohn- wird Wirtschaftspolitik.

"Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höchsten Sittlichkeit", sagte einst Konrad Adenauer, Bundeskanzler (CDU). Und Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) fragte fast schon verzweifelt: "Wann endlich erfüllt der Gesetzgeber bei dem Bodenrecht seine verfassungsmäßige Pflicht?" Der gemeinsame Grund für die Bodenwende einer großen Koalition war damals schon abgesteckt. Jetzt muss sie kommen.

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