Vor 40 Jahren, am 8. und 9. Januar 1978, begannen in der heiligen Stadt Ghom jene Demonstrationen gegen den Schah, die kaum zwölf Monate später zur Gründung der Islamischen Republik Iran führten. Diese Republik ist nun in ihr Jubiläumsjahr mit der Niederschlagung von Protesten gestartet. Die Unruhen erfassten viele Provinzen, die als loyal galten; sie hatten weder prominente Anführer noch ein klares Programm. Wirtschaftliche Sorgen standen am Anfang, dann ging es gegen das islamische System, das seinen eigenen Bürgern als korrupte, repressive Klassenherrschaft gegenübertritt. Zum Jubiläum der Revolution erschütterte deshalb ein Aufstand der Namenlosen die iranische Klepto-Theokratie. Seine brutale Niederschlagung zeigt: Die Herrschenden in Teheran verstehen ihr Volk nicht mehr.

Aber auch die ebenso überraschten westlichen Beobachter müssen sich fragen, was die Begriffe taugen, mit denen sie die Blackbox namens Iran seit je zu durchdringen versuchen. Ist dieses Land noch durch den Grundsatzkonflikt zwischen Reformern und Hardlinern geprägt? Die Aufständischen revoltierten gegen beide Fraktionen. Ist der Iran so stabil, wie er im Vergleich mit Nachbarn wie Syrien und dem Irak erscheint?

Von den landläufigen Weisheiten der Iran-Experten ist nicht viel übrig: dass der Atomdeal das Land öffnen würde; dass Präsident Ruhani ein Mann des Wandels sei; dass die gut ausgebildeten Mittelschichten die Agenten dieses Wandels seien; dass die Konservativen eine feste Basis in der religiösen Landbevölkerung hätten – nichts davon stimmt. Wenn die Unruhen der vergangenen Woche eine Gewissheit hinterlassen haben, dann diese: Die Iranpolitik ist an einem Nullpunkt angelangt. Ausgerechnet jetzt, da sie in den kommenden Tagen auf eine Grundsatzentscheidung zusteuert.

Der amerikanische Präsident wird an diesem Donnerstag bekannt geben müssen, ob der Iran seiner Meinung nach die Vereinbarungen über das Atomprogramm einhält. Und in den folgenden Tagen muss Donald Trump dann entweder die amerikanischen Sanktionen gegen den Iran weiter aussetzen (und damit den verhassten Deal retten) – oder sie (mit Blick auf die Proteste) wieder in Kraft setzen.

Erhebung in der Provinz

Quelle: Economist © ZEIT-Grafik

Letzteres würde von Teheran mit Sicherheit als Kündigung des Atomdeals betrachtet. Die Europäer wollen dies um beinahe jeden Preis verhindern, darum treffen sich am selben Donnerstag, an dem Trump darüber entscheidet, Sigmar Gabriel und seine Kollegen aus Großbritannien und Frankreich mit dem iranischen Außenminister Mohammed Sarif in Brüssel. Wenn Trump nun den Vertrag torpedieren sollte – was zu seinen harschen Reaktionen auf die jüngste Repressionswelle durchaus passen würde – und die Europäer sich ihm entgegenstellten, dann wäre dies ein beispielloses transatlantisches Zerwürfnis auf offener Bühne.

Niemand weiß, ob diese Spaltung zu verhindern ist. Trumps Außenpolitik ist so schwer vorherzusagen wie die chaotische Dynamik des Mittleren Ostens. Höchste Zeit also, das Bild des Iran auf den Stand der Ereignisse zu bringen. Das ist nicht ganz einfach, denn dabei trifft außenpolitische Stärke auf innenpolitische Schwäche.

Vier Jahrzehnte nach dem Beginn von Ajatollah Chomeinis Revolution reicht Teherans langer Arm vom Jemen über den Libanon und Syrien bis in den Irak hinein. Angefeuert durch die gescheiterten Kriege des Westens in Afghanistan und Irak und durch die Schwäche der arabischen Staatenwelt nach der Arabellion, betreibt Teheran eine neo-imperialistische Außenpolitik. Zu den bemerkenswertesten Entwicklungen der jüngsten Proteste gehört, dass ebendieses imperiale Projekt deutlich kritisiert wurde. "Raus aus Gaza, Syrien und dem Libanon – kümmert euch um uns", riefen die Demonstranten.

Immer wieder haben Aufstände und Proteste das iranische System seit der Revolution erschüttert, doch jedes Mal bekamen die Sicherheitskräfte die Lage mit äußerster Brutalität in den Griff. Das war so bei der Studentenbewegung von 1999, bei der Grünen Bewegung von 2009, und es gilt anscheinend auch für die Proteste von 2018. Sprecher der mächtigen Revolutionsgarden – eine paramilitärische Organisation mit massiven wirtschaftlichen Interessen – haben den Aufstand für beendet erklärt. Mindestens 20 Menschen sind getötet, an die tausend verhaftet worden. Das Regime steht als stabilste Diktatur des Mittleren Ostens da. Die Frage ist allerdings: wie lange noch?

Dass im Iran so viele Menschen auf die Straße gegangen sind, hat viel mit der Wirtschaft des Landes zu tun – und vor allem damit, wer an ihr beteiligt ist. "Brot, Arbeit, Freiheit", schreiben die Protestierenden daher auf ihre Plakate. Sie wollen, dass es gerechter zugeht in ihrem Land. Die meisten von ihnen sind jung. Viele stammen aus der Provinz und sind arbeitslos. Schätzungen zufolge liegt die Jugendarbeitslosigkeit im Iran zwischen 25 und 40 Prozent.