Wenn sich die Bedeutung eines Geheimnisses daran bemisst, wie lange der Schwur hält, es nicht zu enthüllen, dann muss das Geheimnis der Frau aus dem norwegischen Isdal sehr, sehr bedeutend sein. 47 Jahre ist es her, dass sie gefunden wurde, ein toter Mensch ohne Namen und ohne Nationalität, und in all den Jahren hat von denen, die etwas wussten, nicht einer geredet. Kein Wort, um das Rätsel zu lösen. Keines, um einer Toten ihre Biografie und einer Familie ihre Angehörige wiederzugeben.

Die Leiche, deren Geschichte tief in den Kalten Krieg zurückführt, zu sowjetischen U-Booten und geheimen Nato-Raketen, gehört zu den mysteriösesten Toten des 20. Jahrhunderts. Jetzt, nach fast 50 Jahren, beginnt sie quasi selbst damit, ihre Geschichte nach und nach preiszugeben. Wissenschaftler aus Norwegen, Österreich, Australien, Schweden lesen aus den menschlichen Überresten Spuren, die zuvor verborgen waren. Die Lösung des Rätsels, glauben sie, wird Hunderte Kilometer vom Isdal entfernt zu finden sein, in Westeuropa, in Frankreich, Belgien – und in Deutschland. Irgendwo dort könnte es sehr alte Eltern geben oder ziemlich alte Geschwister, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, die seit langer Zeit eine Verwandte vermissen und in diesem Artikel womöglich irgendetwas entdecken werden, was ihnen bekannt vorkommt.

Das ist die Hoffnung.

Das Isdal (deutsch: Eistal) ist ein dunkles, von Gletschern geformtes Tal bei Bergen, an der Südwestküste Norwegens. In der Talsohle ein schwarzer See, der Svartediket, das Wasserreservoir der Stadt. Rund um den See erheben sich Schieferberge. Ein Wanderweg führt aus der Stadt am See entlang. Nach einer halben Stunde Fußmarsch steigt ein Abzweig steil an, der Weg verliert sich zwischen Sträuchern, bemoosten Steinen und rutschigen Wurzeln. Mitten am Berg ein paar skelettierte Fichten, ein Ensemble von Steinblöcken. Bei gutem Wetter – das hier selten vorkommt und fast nie im Winter – wäre es ein schöner Platz für ein Picknick. Das ist der Ort, den die Frau sich zum Sterben aussuchte – oder den ein anderer für sie zum Sterben ausgesucht hat.

Es ist der 29. November 1970, als Carl Halvor Aas hierhergerufen wird. Er ist Bergens diensthabender Staatsanwalt an jenem Sonntag. Eine Zwölfjährige, mit Vater und Schwester querfeldein unterwegs, hat die Tote gefunden. Damals ist der Staatsanwalt noch jung, 31 Jahre, die letzten Meter legt er kletternd zurück. Schon bevor er die Leiche sieht, riecht er das verbrannte Fleisch.

Heute ist Carl Halvor Aas hager und weißhaarig. Zurückgezogen lebt er mit seiner Frau weit weg vom damaligen Fundort, nahe der Hauptstadt Oslo in einem Bungalow mit Seeblick. Seine Zeit als Staatsanwalt ist lange her, danach war er Rechtsanwalt, längst ist er in Pension. Über die Tote aus dem Isdal grübelt er noch immer: Er registrierte, dass die Frau auf dem Rücken lag, das Gesicht vom Feuer entstellt, die Arme brandopfertypisch angewinkelt, die Flammen hatten ihr lange Handschuhe übergestreift, wie aus schwarzem Samt. Bei der Leiche: das Gerippe eines Regenschirms, Fetzen eines grün-blau karierten Wollschals. Eine angebrochene Flasche Likör. Verbranntes Brot. Zwei weiße Plastikflaschen und ein Becher. Ohrclips und ein Ring lagen in der Nähe der Leiche, eine Uhr. Etwas abseits: Reste eines Gummistiefels und einer Socke.

Die Szenerie ließ den Schluss zu, die Frau habe ein paar Kleidungsstücke und ihren Schmuck abgelegt, einen Schuh ausgezogen und sich am Feuer gewärmt.

Die Ermittlungen von heute

Eine Isotopenanalyse zeigt: Wahrscheinlich lebte die Isdal-Frau im Alter von vier Jahren in oder bei Nürnberg.

Quelle: Vorlage von Jurian Hoogewer/National Centre for Forensic Studies/University of Canberra © ZEIT-Grafik

"Ich fand es gleich schwer vorstellbar, dass diese Frau Selbstmord begangen haben sollte", sagt Aas. Ein Unfall also? Andererseits: Die Feuerstelle, die vor der Toten am Boden erkennbar war, wirkte zu klein für so enorme Verletzungen. "Aber dass jemand an diesen entlegenen Ort gekommen sein sollte, um die Frau zu verbrennen, kam mir auch eigenartig vor. Alles an diesem Fall war seltsam."

Es wurde noch seltsamer.

In jenem November 1970 untersuchen Kriminaltechniker den Leichenfundort: Am Boden unter dem toten Körper weisen sie einen Tropfen Benzin nach. Sie stoßen auf eine Schachtel Streichhölzer des Erotik-Versandhauses Beate Uhse aus Flensburg in Deutschland, auf Reste verbrannten Papiers. Auch einen Metallring finden sie, möglicherweise die Befestigung eines Passfotos. Ein verschmortes Etui wie von einer Reisepasshülle. Und sie stellen fest: Aus sämtlichen Kleidungsstücken der Toten wurden die Etiketten herausgetrennt.

Wer auch immer die Identität dieser Toten verbergen wollte, er hat es sehr gut gemacht. Bis heute weiß man nicht, wer sie war, wie alt sie wurde, woher sie kam.

Am Tag nach dem Fund der Leiche läuft am Bahnhof in Bergen die Miete eines Schließfachs ab. Darin: zwei Koffer mit Kleidung ohne Etiketten, zwei Perücken, eine Sonnenbrille, ein Notizbuch mit Buchstaben- und Zahlenkolonnen, eine Landkarte Norwegens mit handschriftlich notierten Zahlen, Zeitungsausschnitte, Kosmetika, deren Beschriftung entfernt wurde. Geld in verschiedenen Währungen: 500 D-Mark, 50 belgische Centimes, 6 Pence, ein halber Schweizer Franken. Die Polizei gleicht die Fingerabdrücke auf den Gläsern der Sonnenbrille mit denen ab, die man von der Toten aus dem Isdal nehmen konnte: Es sind dieselben.

Im Koffer auch eine Plastiktüte mit der Aufschrift "Osc. Rørtvedt" – ein Schuhgeschäft in Stavanger, 200 Kilometer von Bergen entfernt.

Solche Gummistiefel trug die Unbekannte. Sie hatte sie erst kurz vor ihrem Tod gekauft. © Police/Bergen State Archives

"Ich muss aufpassen, dass ich meine Erinnerungen jetzt nicht mit dem vermische, was ich später über sie gelesen habe", sagt Rolf Rørtvedt. Er sitzt vor einer Wand aus Schuhkartons im Geschäft, das er vom Vater übernommen hat – längst ist er selbst der Seniorchef. Bald feiert er seinen 70. Geburtstag. Er war 23, als an einem Novembertag 1970 eine elegante Dame das Geschäft betrat, in seiner Erinnerung bloß ein paar Jahre älter als er selbst. Schulterlanges braunes Haar, braune Augen. "Die Frau war allein, sie sprach Englisch mit einem sehr starken Akzent, den ich nicht einordnen konnte." Sie suchte Gummistiefel und nahm sich viel Zeit zum Probieren. Am nächsten Tag habe sie die Stiefel noch einmal umgetauscht. Damals habe man auch Modelle für Jäger und Wanderer im Angebot gehabt, sagt Rørtvedt, sie aber habe eher etwas für die Stadt gewollt. Sie entschied sich für die Standard-Gummistiefel "Kjendis" der Marke Viking, in Blau mit Schnürung, für 189 Kronen.

Solche Stiefel verschmorten auf dem Stein-Ensemble im Isdal.

Nicht nur von den Stiefeln erzählte Rolf Rørtvedt den Beamten, sondern auch von einem strengen Geruch, den die Frau ausströmte. Als er Jahre später zum ersten Mal Knoblauch aß, musste er wieder an die seltsame Kundin denken, deretwegen die Polizei zu ihm gekommen war. Und an das Foto des verbrannten Körpers, das sie ihm zeigten, wobei sie einen Teil des Bildes abdeckten.

Nicht weit vom Schuhgeschäft liegt das Comfort Hotel, früher hieß es St. Svithun. Die Polizei fand heraus, dass die Stiefelkäuferin dort gewohnt hatte. Eine katastrophal Englisch sprechende, attraktive, aber streng riechende Belgierin mit Namen Finella Lorck.

Doch in Bergen, wo die Frau vor ihrem Tod gewohnt haben musste, war in keinem Hotel eine Finella Lorck bekannt. Wenn damals ein ausländischer Gast in ein norwegisches Hotel eincheckte, musste er seinen Ausweis oder Pass vorlegen und einen Meldezettel ausfüllen. Regelmäßig sammelte die Polizei die Meldezettel der Hotels ein.