Der Mann, der das Islambild in Deutschland verändern soll, hat an diesem Montag eine lösbare Aufgabe vor sich: Klausurvorbereitung. Professor Serdar Kurnaz steht im Raum 211 im Seminargebäude der Universität Hamburg, tippelt zwei Schritte vor, drei Schritte zurück und schaut herausfordernd in die Runde. Es ist kurz vor halb elf. Es geht noch einmal um die Gefährten des Propheten Mohammed, darum, wie man die Normen und Quellen des Koran wissenschaftlich einordnet. Drei junge Männer in Trainingsjacken unterhalten sich über die Fußballer Luka Modrić und Lionel Messi und den Nahostkonflikt. Junge Frauen mit Kopftüchern in der anderen Ecke des Raumes nippen an ihren Coffee-to-go-Bechern.

Was hier aussieht wie ein gewöhnlicher Unialltag, ist das Ergebnis eines gut vorbereiteten Masterplans: Serdar Kurnaz, inzwischen Professor an der Uni Hamburg, ist einer von 16 Absolventen des Graduiertenkollegs Islamische Theologie, finanziert von der Duisburger Mercator-Stiftung. Das Bundesforschungsministerium und die Länder haben in den vergangenen sechs Jahren Millionen investiert, um eine universitäre Islamforschung und -lehre in Deutschland zu etablieren. Strukturen, die sich an den protestantischen und katholischen Fakultäten über Jahrhunderte entwickelt haben, sollen nun für die islamische Theologie innerhalb weniger Jahre aufgebaut werden: Inzwischen wird das Fach Islamische Theologie unter anderem in Münster, Erlangen-Nürnberg und eben in Hamburg gelehrt. Auch das Graduiertenkolleg ist Teil des Plans – es liefert den wissenschaftlichen Nachwuchs gleich dazu.

Vor wenigen Monaten feierten Serdar Kurnaz und die anderen Doktoranden das Ende ihres Kollegs. Es beginnt jetzt eine neue Phase. Die Islam-Institute und ihr Personal müssen sich beweisen. Das gesamte Projekt ist der Versuch, den mehrheitlich aus dem Ausland finanzierten islamischen Religionsgemeinschaften etwas entgegenzusetzen: eine Islamforschung unter deutschen, wissenschaftlichen Standards. Am Ende könnte es auch das Islambild der Deutschen verändern, wenn Kurnaz und seine Kollegen irgendwann dort sitzen, wo in Deutschland auch noch Meinung gemacht wird: in den Talkshows.

An diesem Montagmorgen an der Uni Hamburg ist es aber Serdar Kurnaz, der die Fragen stellt. Es geht um große Fragen – wir sind in einer theologischen Vorlesung. Und dort sitzen ein Dutzend Männer und zwei Dutzend Frauen: Nicht alle sind Muslime. Da das Fach in Hamburg religionsübergreifend angelegt ist, sitzen hier auch Christen, vermutlich sogar Atheisten, wer kann das schon so genau sagen? Sie folgen der Vorlesung "Einführung in den Islam und islamische Texte". Diese handelt von – wie es in der islamischen Theologie etwas hölzern heißt – "prophetenbiografischen Informationen", also der Frage: Was kann über das Leben Mohammeds gesagt werden?

Kurnaz will verdeutlichen, was die Gefährten des Propheten gesagt haben und wie man das wissenschaftlich bewerten kann. Dazu muss er erst einmal erklären, wie die Hadithe zu lesen sind. Die Hadithe sind die Sammlung von Berichten aus dem Leben Mohammeds und damit die zweite wichtige Quelle für Normen des Islam. Kurnaz schreibt an die Tafel: Kitabat al-hadit, Tadwin al-hadit, Tasuif al-hadit. Auf Deutsch: die Schritte der Niederschrift, Auswahl und Kodifizierung der prophetischen Aussagen. "Das kommt alles in der Klausur dran", sagt er. In der letzten Reihe schrecken zwei Mädchen hoch und schreiben eilig etwas in ihre Collegeblöcke.

Serdar Kurnaz soll die personifizierte Antwort auf so viele Debatten rund um den Islam in Deutschland sein: Kann jemand gläubiger Muslim und guter Staatsbürger sein? Kann man an den Koran glauben und nach dem Grundgesetz leben? Je länger man ihm zuhört, wie er die verloren gegangene Vielfalt und Offenheit des traditionellen Islam beklagt, wie er erläutert, wie deutsche Muslime gerade durch den Islam neue Wege in die liberale Gesellschaft finden können, desto unverschämter scheinen allein die Fragen.

Kurnaz, Sohn türkischer Eltern, aufgewachsen in Remscheid, entspricht schon in seinem Auftreten weder dem Klischee eines deutschen Professors noch dem Klischee eines gläubigen Muslims: Die Haare trägt er strubbelig, den Bart kurz, dazu ein Hemd und einen sattgrünen Pullover. Doch dieser 29-Jährige ist eben auch ausgebildeter Imam und Hafiz. Als solcher kann er den kompletten Koran auswendig vortragen.

Verglichen mit dem oft behäbigen Wissenschaftsbetrieb, verlief seine bisherige Karriere in Turbogeschwindigkeit: Doktorarbeit mit Summa cum laude abgeschlossen, danach erst von der Universität Fribourg in der Schweiz verpflichtet als Gastprofessor für islamische Theologie, wo er einen christlich-muslimischen Studiengang mit aufbaute, dann der Ruf nach Hamburg auf eine Juniorprofessur an der Akademie der Weltreligionen der Uni Hamburg.

Das alles hat nicht nur etwas mit Kurnaz’ makelloser Forschungsbiografie zu tun, sondern auch mit dem eklatanten Mangel an studierten islamischen Theologen: In Deutschland leben rund 4,5 Millionen Muslime – eine universitäre Ausbildung konnte sich jahrzehntelang nicht etablieren: Bis 2011 gab es vor allem das Fach Islamwissenschaften, eine Fortführung der Orientalistik: Europäische Forscher blickten auf die fremde Religion.

Mit den jungen islamischen Theologen wie Kurnaz und den neuen Instituten soll vieles anders werden, und das heißt: intellektueller und liberaler. Die wichtigste Aussage seines Hamburger Seminars versteckt Kurnaz in zwei scheinbar dahingesagten Sätzen: "Das sind Bedeutungen, die man womöglich herauslesen kann", sagt er über die auf den ersten Blick widersprüchlichen Aussagen des Propheten. "Aber es gibt dabei natürlich eine Pluralität." Die Abwägung bleibt den Gläubigen selbst überlassen.