DIE ZEIT: Die Kultusministerkonferenz, die KMK, ist stolz darauf, älter zu sein als die Bundesrepublik. In dieser Woche beginnen die Feiern zu ihrem 70. Jubiläum. Ausgerechnet jetzt schreiben Sie, die Sie die KMK über Jahre hinweg mitgeprägt haben, einen Brief an die Ministerpräsidenten und Kultusminister, in dem Sie sagen: So darf es nicht weitergehen! Steht es so schlimm um den Bildungsföderalismus, dass Sie die Festlaune Ihrer ehemaligen Kollegen stören müssen?

Burkhard Jungkamp: Das will niemand von uns. Wir drei haben lange in der KMK mitgearbeitet und wissen, was sie alles leistet. Unser Papier ist deshalb definitiv keine KMK-Schelte, wir sehen jedoch die derzeitigen Defizite des Bildungsföderalismus. Das Bundesverfassungsgericht hat die Bundesländer kurz vor Weihnachten in seinem Urteil zum Numerus clausus in der Medizin nochmals deutlich auf diese Schwächen hingewiesen.

ZEIT: Die Richter beklagen, dass die Abiturnoten in Deutschland zwischen den Bundesländern nicht vergleichbar sind. Das sei eine "gewichtige Ungleichbehandlung". Man nehme in Kauf, dass Studienplatzbewerber "erhebliche Nachteile erleiden", je nachdem, wo sie das Abitur erwerben.

Michael Voges: Diese Diagnose trifft zu, leider. Knapp die Hälfte der Studienfächer unterliegt einem Numerus clausus. Da zählt in der Abiturnote die Stelle hinter dem Komma. Dabei sind die Zensuren nur bedingt vergleichbar. Denn 16 Bundesländer haben fürs Abitur 16 unterschiedliche Prüfungsordnungen. Diese fehlende Vergleichbarkeit führt zu einem unfairen Wettbewerb.

Jungkamp: Wir haben in Deutschland ein Gerechtigkeitsproblem. Die ungleiche Verteilung der Bildungschancen zeigt sich nicht nur bei den Abiturnoten. So schafft es ein Grundschüler in dem einen Bundesland aufs Gymnasium, in dem anderen nicht – obwohl er dieselben Grundschulnoten hat. In dem einen Land geht ein Kind mit Förderbedarf in eine Regelschule, wenn die Eltern das wollen, in dem anderen Land muss es auf eine Förderschule. Das kann man niemandem mehr erklären.

ZEIT: Wurde einer von Ihnen schon mal selbst Opfer des deutschen Bildungsföderalismus?

Josef Lange: Ich habe 1994 ein hochattraktives Angebot aus einem anderen Bundesland abgelehnt, weil es für unsere Kinder bedeutet hätte, ein Schuljahr zu wiederholen. Von Opfer will ich dennoch nicht sprechen. Ich glaube auch nicht, dass irgendetwas in unseren Schulen und Hochschulen besser würde, wenn in Zukunft der Bund alles regelt, wie viele es fordern. Die Hoheit über die Bildung ist das Krongut des Föderalismus. Wir wollen dieses Gut bewahren.

ZEIT: Ist das Krongut nicht lange verspielt? Mir fällt kein staatliches Gremium ein, das einen so schlechten Ruf hat wie die KMK.

Lange: Damit tun Sie der KMK unrecht. Sie hat sehr wohl bewiesen, dass sie in der Lage ist, die Bildungspolitik voranzubringen.

ZEIT: Helfen Sie mir auf die Sprünge!

Jungkamp: Die Länder haben sich darauf geeinigt, Schülerleistungen regelmäßig zu überprüfen. Diese empirische Wende in der Bildungspolitik hat Leistungsvergleiche wie Pisa in Deutschland erst möglich gemacht.

ZEIT: Dieser "Konstanzer Beschluss" stammt aus dem Jahr 1997. Das ist lange her.

Lange: Auch die Angleichung von Ost und West nach der Vereinigung hat in den Schulen und Hochschulen weit besser geklappt als in anderen Bereichen: zum Beispiel die gegenseitige Anerkennung des Abiturs nach 12 oder 13 Jahren, aber auch der Bologna-Prozess.