Verzichten kann und will der Kunsthandel auf diese spezielle Klientel nicht, trotzdem schaut man gern ein wenig blasiert auf sie herab: die "Neureichen". Als kürzlich ein saudischer Kronprinz für Leonardo da Vincis Salvator mundi 450 Millionen Dollar bezahlte, wurde das wieder einmal deutlich. Mit hochgezogenen Brauen wird dem Käufer von vielen Seiten Eitelkeit und Repräsentationsgehabe zu- und jeglicher Kunstverstand abgesprochen. Der Geldwert entspreche nicht dem Kunstwert, wird dazu gemurmelt. Aber gegen jene Banausen sei eben kein Kraut gewachsen. Und deshalb wurden und werden immer wieder bestimmte Personen, Gruppen oder Länder beschuldigt, mit dieser Ignoranz die Preise zu verderben.

In den siebziger Jahren war das Kaiserin Farah Diba, die scheinbar alles, was gut und teuer war, für das von ihr 1977 eröffnete Museum für Zeitgenössische Kunst in Teheran zusammenkaufte. Dafür stand ihr ein üppiges Budget aus den damals sprudelnden Erdöl-Einnahmen zur Verfügung. Und die wurden in außergewöhnliche Gemälde von Jackson Pollock, Francis Bacon, Willem de Kooning, Max Ernst, Marc Chagall und Pablo Picasso investiert.

Als zwei Jahre später der Schah gestürzt wurde und das Teheraner Museum als Aufkäufer ausfiel, bekam das Getty-Museum die Rolle des Buhmanns. Es ließ jene Animosität wieder aufleben, die vor und nach der Jahrhundertwende gegenüber den amerikanischen Millionären – Frick, Morgan, Havemeyer, Hearst, Rockefeller, Mellon – im Schwange war, weil sie über den Atlantik holten, was in der Kunstgeschichte Rang und Namen hat. Denn das Getty verfügte über einen Etat, mit dem kein anderes Haus mithalten konnte. 110 Millionen Dollar sollen das 1996 gewesen sein. Aber bereits vorher gingen die teuersten Werke alter Meister nach Los Angeles. 1985 war das die Anbetung der Könige von Andrea Mantegna für 9,25 Millionen Dollar, im Jahr darauf Leonardos Zeichnung Kind mit Lamm für 3,63 Millionen und 1989 für 35,2 Millionen Pontormos Hellebardier.

Leonardo da Vincis "Salvator mundi" © ullstein bild

Als das Getty wählerischer und zurückhaltender wurde, standen die Japaner als neue Projektionsfläche für den Unmut der Bieter parat. Jedenfalls wenn es um Werke der Impressionisten ging. Die Sonnenblumen von Vincent van Gogh dienten dabei als Beweisstück. Denn die Yasuda-Versicherung in Tokio leistete sich das Bild angeblich zu ihrem hundertjährigen Jubiläum nur, weil es 1889, in ihrem Gründungsjahr, gemalt worden war. Das ließ man sich 24,75 Millionen Pfund kosten, damals der höchste Auktionserlös aller Zeiten. Den Höhepunkt der Japan-Euphorie leitete dann im Mai 1990 der Papierindustrielle Ryoei Saito ein. Zuerst ersteigerte er bei Christie’s van Goghs Porträt des Dr. Gachet für 82,5 Millionen Dollar. Und anderntags bei Sotheby’s Renoirs Au Moulin de la Galette für 78,1 Millionen. Von den zehn teuersten Objekten gingen damals fünf nach Japan. Doch das war der Anfang vom Ende, denn mit der Finanzkrise in Japan fielen diese Käufer fortan aus.

Als Zwischenspiel betraten nun jene Russen die Bühne, die die Entsozialisierung der Sowjetunion zur persönlichen Profitmaximierung zu nutzen verstanden hatten. Einerseits interessierten sich diese neuen Reichen für die russische Malerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (was allerhand Fälscher beflügelte), andererseits aber auch für jene Adels- und Museumsschätze, die nach dem Roten Oktober in den Westen verkauft worden waren. So übernahm der in der Schweiz lebende Oligarch Viktor Vekselberg die Forbes-Sammlung der Fabergé-Eier aus Zarenbesitz en bloc vor der Versteigerung für geschätzte 100 Millionen Dollar, um sie zu repatriieren – und um damit im Kreml gut Wetter für seine Geschäfte zu machen. Aber auch die Moderne verachteten viele Russen nicht. Deshalb zählt Roman Abramovich nicht nur den FC Chelsea zu seinen Besitztümern, sondern auch Francis Bacons Triptych, 1976, das er in New York für 86,3 Millionen Dollar ersteigern ließ.

Die Kauflust der Russen erwies sich allerdings nur als ein kurzer Trend. Dagegen hält jene der Chinesen weiterhin an. Und auch da überkreuzt sich der auf die klassische chinesische Kunst ausgerichtete Sammeleifer, der oft mit der Rückführung wichtiger Kunstwerke verbunden ist, mit den Interessen an teuren Stücken der populären zeitgenössischen Kunst. Jene Kunstfreunde aus China treten damit in Konkurrenz zu den amerikanischen Hedgefondsmanagern und Kasino-Besitzern wie David Geffen, Steven A. Cohen, Kenneth C. Griffin oder Steve Wynn, denen ein Picasso, Warhol oder Basquiat, ein Koons oder Hirst Millionen wert ist.

Und seit einiger Zeit mischt sich bei Prestige-Auktionen auch immer öfter Arabisch unter die Sprachen. Denn an den Küsten des Persischen oder Arabischen Golfs hat man erkannt, dass heute – nicht anders als in der Renaissance oder im Barock in Europa – eine anspruchsvolle Kunstsammlung dem Ansehen des Herrschers durchaus zuträglich sein kann. Und die zehn oder hundert Millionen Dollar für ein Gemälde ruinieren weder den privaten Geldbeutel eines Prinzen noch den Kulturetat einer Monarchie, jedenfalls nicht in Saudi-Arabien – wie der Salvator mundi künftig im Louvre Abu Dhabi demonstrieren wird.