Einmal hatte ich, zwischen Trump-Obszönitäten und der Bombardierung Syriens, dem nuklearen Gedröhne und diesen #MeToo-Ergüssen, einen Moment haltlosen politischen Entzückens. Konnte es wahr sein? Junge Männer und Frauen diskutierten, in Zeitungen, auf Twitter und Facebook, wie man Sex über Verträge friedlich regelt. O schöne neue Welt! In der junge Menschen nichts Böseres erlebt haben, als was sich durch freundliche Absprache einhegen ließe. Alles wird gut! Dann kam die nächste Enthüllungswoge und noch eine, noch eine. Vom Typus: Kerl im Bademantel klatscht Frau an die Wand oder aufs Bett, reißt ihr die Klamotten runter. Zuletzt: Herr Wedel.

Es sind mittlerweile viele Männer gefallen, Minister, Journalisten, Entertainer, Musiker, in Amerika, Japan, England, Australien, Frankreich – aber der Mann im Bademantel bleibt der Klassiker. Dazu passt eine kleine Frau, immer zappelnd, schreiend, dann erschlaffend. Dieselben Handgriffe, der Sound – auf Repeat. Die postkoitale Scham. The day after – Empörung. Anschließend: Jahrzehnte des Schweigens. Es ist ein mieses Gif-Filmchen, in dessen Endlosschleife wir festhängen.

Oder ist es, wie gerade in Frankreich 100 Frauen, unter ihnen so glamouröse Gestalten wie Catherine Deneuve und Catherine Millet, in einem Brandbrief in Le Monde schrieben, eine Fantasie lustfeindlicher Puritaner, das Dokument einer fiebrigen Hexenjagd, befeuert von Männerhass?

Wahr ist, das Skript dieses Filmchens, von der Requisite über die Gestik bis zur Rollenprosa, ist von bemerkenswerter Abgedroschenheit.

Der Bademantel. Seit Hugh Hefners goldener Ära gehört der Bademantel zur Playboy-Grundausstattung wie das Klirren der Eiswürfel im Whisky und das aufgeregte Schwappen des Swimmingpools. Googelt man Hefner, schlägt Google sofort "Hugh Hefner Bademantel" vor. Der Bademantel steht für Sexkonsum und ist selbst Konsumobjekt. Amazon flüstert: Pflegeleichtes Polyester! Heute versandkostenfrei!

Man muss schon zu den kölschen Jecken zählen, um in dieser Faschingssaison auf "Bestellen" zu klicken. Hugh Hefner aber ist aus unserer Denke nicht mit Klick zu entfernen. Hefner war der Typ, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Männlichkeit neu definierte – und mit dem Playboy-Magazin in alle Welt verkaufte. Vor Hefner war der Mann einer, der Frau und Brut ernährte. Nach Hefner war der It-Boy ein Single-Mann, der ewig geil in seinem Sex-Schloss auf Beute wartet. Tür auf, Häschen rein.

Die Frau ist in diesem Szenario nicht mehr die Mutter der zukünftigen Kinder, sondern eine Droge. Sie hat ihn süchtig gemacht! Hier entspringt jener Unschuldsgestus, den alle bemühen, die im Bademantel erwischt werden, Dominique Strauss-Kahn im New Yorker Sofitel, Harvey Weinstein in Hollywood, Wedel in Bremen.

Ein Bademantel ist an und für sich noch kein Signifikant von Macht. Wirkt eher kindlich. Ein Kinderbademantel ist allerdings prototypisch festgezurrt, während der Männerbademantel gerne offen steht. Darunter: die nackte Schwarte. Ja, wie verletzlich ist das? Dazu das irre Gehabe, Grapschen, Reißen, Brüllen – historisch betrachtet, ist es ein Habitus, der bei Frauen als Symptom einer Geistesstörung galt und heute zur Demenz-Diagnose führt.

Nun die Wendung – wie groß muss die Macht dessen sein, der sich so ausstellen kann, im offenen Bademantel, geifernd und brüllend, ohne irre zu wirken, der nicht als Opfer von Demenz rüberkommt, sondern als machtvoller Täter?