Harry wühlt sich durch einen Stapel Papiere. Er sucht das Bild einer Frau, sucht Zettel, sucht irgendwas, wonach er greifen kann. Auf einem Blatt steht in einer ordentlichen Handschrift "Valerie" – er hat sie gefunden, das Sugarbabe, das ihn am meisten enttäuscht hat. Mit seinem Finger unterstreicht er ihren Namen.

Das erste Mal chattet er Anfang 2015 mit Valerie. Um 1.42 Uhr erklärt sie ihm, dass sie "eine Seelenverbindung" sucht, aber keine Beziehung, lieber etwas Unkompliziertes. Um 1.54 Uhr schreibt er: "Ein monatliches Budget von 2.000 bis 5.000 Euro kann ich nicht bieten." Valeries letzter Sugardaddy war Politiker. Sie schreibt, dass er ihr monatlich "glatte 3.000 Euro in die Hand gedrückt hat". Zwei Tage später schreibt Harry: "Wahrscheinlich merkst du schon, dass du mir wichtig bist." Bisher hat er nur ein Foto gesehen, noch nie mit ihr telefoniert.

Harry hat Valerie im Internet gefunden, auf Mysugardaddy, einer Internetseite, auf der reiche Männer junge Frauen kaufen. Das Verhältnis von Sugardaddys zu Sugarbabes ist eins zu neun. Harry, der natürlich nicht Harry heißt, sich auf der Seite aber so nennt, ist 66 Jahre alt, auf seinem Profil ist er 52.

Harry fährt den Rechner hoch und tippt www.mysugardaddy.eu. Noch bevor er alle Buchstaben eingegeben hat, schlägt ihm sein Browser die Website vor. Der Computer weiß, was Harry will, und Harry weiß, dass er auf dieser Seite findet, was er sucht. Er sitzt gebeugt auf einem Stuhl. Seine Nase berührt fast den Bildschirm, die Lesebrille, die vor ihm liegt, ignoriert er. Er hat keine neuen Nachrichten von Valerie. Dafür haben Bigwonder, VeronikaJTX, Tiany und Sugarbabeee ihm virtuelle Küsse geschickt. Sie alle sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, stellen immer die gleichen Fragen: "Würdest du mich finanziell unterstützen? Würdest du mich gerne kennenlernen?" Harry weiß, wie banal das ist, trotzdem ist er stolz: "Ich suche eigentlich nie eine Frau, ich werde angeschrieben." Das sei der Vorteil dieser Seite. Bei normalen Partnervermittlungen müsste er wochenlang "rumbaggern".

Harry ist pensionierter Psychiater und ehemaliger Chefarzt. Er ist 1,80 Meter groß, hat einen kleinen Bauch und graues Haar. Seine Idealfrau beschreibt er so: "Eine Walküre muss sie sein, jung und groß, ein mächtiges Fetzenweib, mit breiten Schultern und einem kräftig-athletischen Körper." 40 Sugarbabes hat er bereits getroffen. Jede hat er akribisch abgeheftet. Er holt zwei Ordner aus dem Aktenschrank. Auf den Registerkarten stehen ihre Namen: Verena, Natascha, Alesia, Julia – Frauen ohne Nachnamen, aber mit Foto.

Es sind osteuropäische Frauen, klein und zierlich, mit runden Gesichtern und hohen Wangenknochen. Er sieht sich ein Bild von Valerie an. Sie lächelt, fährt sich mit der Hand durch das lange, braune Haar. Das Foto ist so angeschnitten, dass der Betrachter nicht weiß, ob sie nackt ist oder ein tief sitzendes Oberteil trägt. Natürlich ist sie attraktiv, natürlich ist sie jung, natürlich hat sie einen lasziven Blick. "Meine Verliebtheit zu ihr ist klebrig", sagt Harry.

Harrys Frauen waren immer jung. Die Mutter seines Sohnes ist elf Jahre jünger als er. Sie war die Freundin seines Schulschwarms. Eine Akademikerin aus reichem Elternhaus. Es ist ein stürmischer Anfang, die große Liebe, nach vier Wochen ist sie schwanger. Sie ziehen zusammen, heiraten. Damals wusste Harry noch nichts von ihrem Alkoholismus, aber er hatte bereits eine Ahnung, dass es nicht gut gehen würde. "Ich habe mich an jemanden gebunden, den ich kaum kannte", sagt Harry. Er zwingt sie, einen Ehevertrag zu unterschreiben. Sie fühlt sich gedemütigt, trinkt immer häufiger bis zur Bewusstlosigkeit. Harry analysiert seine Ehe mit dem Blick des Psychiaters. Er spricht von gegenseitiger Abhängigkeit, von einer Spirale der Grausamkeit. Sie trank, weil er sie quälte, er quälte sie, weil sie trank, ihre Familie würde sagen, Harry sei schuld an ihrer Alkoholsucht. "Durch meinen Beruf kann ich mich gut in andere einfühlen", sagt Harry, "das habe ich als Waffe benutzt. Es war ein subtiler, grausamer Sadismus. Ich habe sie verachtet, weil sie sich nicht von mir befreien konnte."