Im Saal 17 C des Southern District Court an der Südspitze Manhattans sind alle Plätze belegt, sogar auf den Fensterbänken sitzen Zuschauer, der Rest der Anwesenden drängt sich an den Flügeltüren. Selbst für New Yorker Verhältnisse bieten sie einen ungewöhnlichen Anblick: Die Frauen tragen schwarze Bolero-Oberteile mit Goldbordüren, dazu bodenlange Faltenröcke in Karminrot oder Smaragdgrün. Die Männer sind in Paradeuniformen erschienen mit Orden und Abzeichen an der Brust. Allesamt gehören sie den Volksgruppen der Ovaherero und Nama an. Und sie sind an diesem Oktobertag eigens für diesen Gerichtstermin angereist, viele aus den USA, aus Kansas und Maryland, noch mehr aber aus Namibia, Botswana und Südafrika. Im Gerichtssaal 17 C, hoffen sie, wird Deutschland endlich zur Rechenschaft gezogen für das Wüten der kaiserlichen "Schutztruppen" in Deutsch-Südwestafrika vor mehr als 100 Jahren – für den Völkermord an ihren Vorfahren. Und doch geht es nur auf den ersten Blick um die Vergangenheit, die kurze und blutige deutsche Kolonialgeschichte. Tatsächlich geht es um die Zukunft: um die der Nachfahren der Opfer und die des Staates Namibia.

Der Termin im Oktober ist der zweite, den die Vorsitzende Richterin Laura Taylor Swain im Fall Civ. No. 17-0062 anberaumt hat. Es handelt sich um eine Sammelklage gegen die Bundesrepublik, eingereicht vor einem Jahr, am 5. Januar 2017. Im Namen der beiden betroffenen afrikanischen Völker verlangen die Kläger Entschädigung für den Genozid und den Verlust von Eigentum. Eröffnet ist der Prozess noch nicht, denn der Versuch der Kläger, der Bundesregierung die Sammelklage zustellen zu lassen, blieb ohne Erfolg. "Ihrem Ersuchen um Zustellung einer Klageschrift [...] kann nicht entsprochen werden", heißt es in einem Bescheid vom 19. Juni 2017 der in diesem Fall zuständigen Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung in Berlin. Dem stehe der "völkerrechtliche Grundsatz der Staatenimmunität entgegen"; das New Yorker Gericht sei nicht befugt, über die "Rechtmäßigkeit staatlicher Hoheitsakte" zu befinden. Und so ist dort bisher noch kein Vertreter der Bundesregierung erschienen.

Für Barnabas Veraa Katuuo ist das keine Überraschung, aber eine weitere Enttäuschung. Der groß gewachsene 63-Jährige gehört zu den Initiatoren der Sammelklage. Katuuo wurde in Windhoek geboren und spielte in seiner Jugend nicht nur leidenschaftlich Fußball – Fans und Gegner nannten ihn "die Straßensperre" –, sondern rebellierte auch gegen das südafrikanische Apartheid-Regime, das sich bis auf das Mandatsgebiet Namibia ausdehnte. Wie viele junge Namibier seiner Generation ging er ins Ausland, sobald er konnte. Er wurde Architekt in New York, ein Beruf, den er immer noch ausübt. Doch seine Heimat ließ ihn nicht los. Er engagierte sich bei den Vereinten Nationen für sein Land, und er begann, den Geschichten nachzuforschen, die ihm seine Großeltern über die deutsche Kolonialzeit erzählt hatten.

Das Kaiserreich war spät in den kolonialen Wettbewerb eingestiegen. Erst von Mitte der 1880er Jahre an stellte Reichskanzler Otto von Bismarck ein Gebiet nach dem anderen unter "Schutz". In Afrika wurden Togoland, Kamerun und Teile Ostafrikas deutsch. Den Anfang machte 1884 Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia.

Die koloniale Macht zu befestigen erweist sich dort als überaus schwierig. Mal mehr, mal weniger erfolgreich versuchen die Gouverneure, Spannungen zwischen den Einheimischen auszunutzen. 1897 dann verheert die Rinderpest das Land, und als die deutschen Siedler immer herrischer gegenüber den Nama und Ovaherero auftreten, sie von ihren Weiden vertreiben und ihr Vieh beschlagnahmen, eskaliert der Konflikt. 1904 überfallen Ovaherero mehrere deutsche Farmen und töten rund 100 Siedler.

Berlin schickt daraufhin General Lothar von Trotha in die Kolonie. Trotha hat sich in den Kolonialkriegen in Ostafrika, wo er den Aufstand der Wahehe niedermetzeln ließ, und bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China den Ruf eines gnadenlosen Befehlshabers erworben. Am 11. August 1904 greifen seine Truppen am Waterberg die Ovaherero an, die sich dort mit Frauen und Kindern versammelt haben. Den Maschinengewehren und Kanonen der Deutschen können sie wenig entgegensetzen. Wer das Massaker überlebt, flieht in die Omaheke, ein ausgedehntes Sandfeld, wo Tausende verdursten. Trotha befiehlt, Frauen und Kinder, die um Wasser betteln, zurück in die Wüste zu jagen. Am 2. Oktober 1904 erklärt er, es werde "jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen. Ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Die Überlebenden sperrt man in Konzentrationslager – so werden die Lager schon damals offiziell genannt. Berüchtigt sind die Baracken auf den Haifischinseln, wo bis zu 80 Prozent der Insassen infolge absichtlicher Vernachlässigung und durch Zwangsarbeit sterben.

Historiker schätzen, dass zwischen 1904 und 1908 rund 60.000 Ovaherero und bis zu 10.000 Nama ums Leben kamen. Das entspricht etwa der Hälfte aller Angehörigen der Nama und rund drei Vierteln der Ovaherero-Bevölkerung. Sogar den Namen verstümmelten die Deutschen, indem sie die Vorsilbe Ova abtrennten, die so viel bedeutet wie "Menschen". Zehntausende Ovaherero leben heute in der Diaspora, in Botswana, Angola und Südafrika, wohin ihre Vorfahren geflohen waren. Diejenigen, die in Deutsch-Südwest blieben, versanken für Generationen in Armut.