Schön wäre es natürlich, wenn dies der Durchbruch wäre. Schön wäre es, wenn die Gespräche zwischen Nord- und Südkorea eine Phase der Entspannung einleiteten. Wenn nun weitere Schritte folgten und aus der Kriegsfurcht auf der geteilten Halbinsel begründete Friedenshoffnung würde.

Tatsächlich ist es nie ganz auszuschließen, dass ein Dialog zwischen Staaten seine eigene Dynamik entfaltet. Dass zwei feindliche Regierungen, die sich hochgerüstet gegenüberstehen, nach gemeinsamen Interessen suchen und kompromissfähig werden, weil sie das Grauen, das ein Scheitern zur Folge hätte, erschaudern lässt.

Warum man trotzdem mit derlei Hoffnungen vorsichtig sein sollte? Weil sich in Korea ein Muster zeigt. Und das lehrt Skepsis. Schon der Vater und der Großvater des heutigen Machthabers Kim Jong Un ließen die Spannungen oft bis zum Siedepunkt eskalieren. Dann lenkten sie überraschend ein; erleichtert und dankbar verstärkten Südkoreaner und Amerikaner die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die humanitäre Hilfe. Die akute Krise war abgewendet. Aber im Geheimen rüstete die Kim-Dynastie weiter auf.

Schon die Regierung Obama wollte sich auf diese Weise nicht länger erpressen lassen. "Wir kaufen dasselbe Pferd nicht zweimal", erklärte der damalige Sicherheitsberater Tom Donilon. Warum sollte nun ausgerechnet Donald Trump dem "kleinen Raketenmann" Glauben schenken? Hat er nicht ein ums andere Mal die "gescheiterte" Nordkoreapolitik seiner Vorgänger in Grund und Boden verdammt?

Der Druck der Sanktionen wird immer stärker. Bald dürfte er unerträglich sein

Trump ist davon überzeugt, seine Härte habe Kim Jong Un an den Verhandlungstisch gezwungen. Wahrscheinlich ist da sogar was dran. Der Druck auf den Norden ist immer stärker geworden. Bald könnte er unerträglich sein. Seit 2006, seit Nordkoreas erstem Atombombentest, hat der UN-Sicherheitsrat zehnmal Wirtschaftssanktionen über das Land verhängt, gleich dreimal im vergangenen halben Jahr. Inzwischen kommen die beschlossenen Strafmaßnahmen einer Wirtschaftsblockade nahe.

Daran ändern auch heimliche Umladeaktionen von chinesischen auf nordkoreanische Tankschiffe auf hoher See nichts oder der Schmuggel über die Grenzen zu China und Russland. Das bettelarme Nordkorea ist an Entbehrung gewöhnt, sogar eine Hungersnot in den neunziger Jahren hat das Regime überstanden. Aber einen fast vollständigen Wirtschaftsboykott, begleitet von zunehmender politischer Isolation, hält auch Kim Jong Un auf Dauer nicht durch.

Es ist diese Politik des "maximalen Drucks" – von China zähneknirschend mitgetragen –, die den Diktator jetzt einlenken lässt. Jedenfalls symbolisch. Denn beim Kern des Streits, der atomaren Aufrüstung, zeigt er keinerlei Kompromisswillen. Nur der Besitz von Nuklearwaffen sichert ihm und seinem Regime das politische Überleben. Eine zynische Logik, mit der er (auf seine Weise) wohl recht hat.

Deshalb enthielt seine Neujahrsansprache neben dem Dialogangebot an den Süden auch eine zweite Botschaft, und die richtete sich an die Vereinigten Staaten: Nordkorea habe sich als Atommacht etabliert und werde nun in die "Massenproduktion" von Nuklearsprengköpfen und ballistischen Raketen einsteigen. Kim setzt seine provokative Politik fort, kaltblütig agiert er am Rande des Abgrunds. Es ist ein Ritt auf der atomaren Rasierklinge.

Spricht man dieser Tage mit hohen chinesischen oder japanischen Diplomaten, dann schätzen diese die Lage in Korea als "sehr gefährlich", ja "hochexplosiv" ein. Admiral Mike Mullen, ehemals Vorsitzender der Vereinten Stabschefs in den USA, befürchtet sogar, die Vereinigten Staaten seien "einem Nuklearkrieg mit Nordkorea näher" als je zuvor. Und der republikanische US-Senator Lindsey Graham meint, die Wahrscheinlichkeit einer "militärischen Option" gegen Nordkorea steige bei einem nochmaligen Atomtest auf "siebzig Prozent".

Bei Graham mag dies kalkuliertes – oder leichtfertiges – Kriegsgeschrei sein. Die Sorgen der Diplomaten sind echt. Und sie sind begründet. Die alljährlich im Frühjahr stattfindenden Großmanöver der USA und Südkoreas, in denen der Norden die Vorbereitung einer Invasion erkennt, sind lediglich auf die Zeit nach den Olympischen Spielen verschoben worden. Und Kim wird neue Raketen und Atomwaffen testen.

Die Spannungen dürften also wieder auflodern, sobald die olympische Flamme erlischt.

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