Darf eine Predigt politisch sein? – Eine verwunderliche Frage, die sich gerade vielen Theologinnen und Theologen stellt, auf die es jedoch nur eine Antwort geben kann: Ja, natürlich. Das Christentum ist immer auch eine politische Stimme in der Gesellschaft. Kann eine Predigt unpolitisch sein? – Eine sehr viel schwierigere Frage, die keiner stellt. Hier hingegen ist die Antwort spannend und bedenkenswert. Nein, es kann die unpolitische Predigt niemals geben.

Eine Predigt ist kein Gebet. Sie richtet sich nicht an Gott. Sie richtet sich an den Menschen. Wie könnte eine Rede zur Gemeinde etwas anderes sein, als Teil der Res publica und damit Teil der Politik? Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer öffentlich reden, dann sind sie stets handelnde Akteure der gemeinschaftlichen Öffentlichkeit. Wer zum Volk predigt, ist Teil der Politik, egal was er oder sie zu sagen hat.

Ein Beitrag zur politischen Öffentlichkeit ist nicht definiert durch seine innere Qualität. Ein Kommentar wird nicht erst politisch, wenn er klug ist. Seine pure Existenz ist bereits Politik. In diesem Sinne muss man denn nun auch die neueste Einlassung der stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Julia Klöckner betrachten. Diese hatte der Bild-Zeitung gesagt: "Es kommt vor, dass aus manchen Kirchenkreisen mehr zum Thema Windenergie und grüne Gentechnik zu hören ist als über verfolgte Christen, über die Glaubensbotschaft oder gegen die aktive Sterbehilfe." "Gesellschaftspolitische Haltung" der Kirchen sei zwar weiterhin gefordert, aber es sei wichtig, "dass Kirchen nicht parteipolitische Programme übernehmen".

Der von ihr vorgetragene Anspruch einer parteipolitischen Trennung von Kirche und Politik ist aus dem Munde ausgerechnet einer christdemokratischen Politikerin zwar der Groteske schon sehr nahe, dennoch liegt dem eine innere Logik zugrunde. Klöckner will eine Prioritätenverschiebung erreichen: Weg von den ökologisch-sozialen Themen und hin zu den konservativen Themen innerhalb der Kirchen. Klöckner erkennt hier durchaus die politische Rolle der Kirche an, ihr gefällt nur die Richtung nicht. Ihr Beitrag legt damit allzu deutlich offen, dass es ihr eben nicht um eine parteipolitisch neutrale Haltung geht, sondern um eine, die ihrer CDU in den Kram passt.

Man könnte über Klöckner milde lächeln. Doch leider ist sie eine Trittbrettfahrerin einer viel größeren Verunsicherung. Einer Verunsicherung, die in den Kirchen schon seit geraumer Zeit anhält und die sich kurz vor dem Weihnachtsfest mal wieder Bahn in die Öffentlichkeit brach. Der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte an Heiligabend: "Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?"

Seine wohlplatzierte Provokation in der nachrichtenarmen Weihnachtzeit bescherte ihm Reichweite. Getroffene Hunde bellen, sagt man, und so stürzten sich massenhaft aufgewühlte Christen, darunter viele Theologinnen und Theologen, auf Poschardt und empörten sich. Sie verteidigten verzweifelt keifend ihre Position gegen einen entspannt fortwährend Weihnachtsgrüße antwortenden Poschardt. Sie verkannten dabei, dass dieser grinsend genoss, durch den Protest Reichweite mit seiner These zu erzielen.

Poschardts These traf einen Nerv, weil er sie just an jenem Abend platzierte, in dessen Vorfeld Pfarrerinnen und Pfarrer im ganzen Land wohl am längsten mit ihren eigenen Predigten hadern. Die Weihnachtspredigt entsteht stets in dem Gefühl, nicht genügen zu können. Weihnachten ist die Kirche endlich voll. Viele Menschen aus der Gemeinde hören zu. Sie kommen und suchen eine harmonisch-besinnliche Rahmung für ihr familiäres Fest, aber sie wollen keine Moralpredigt hören. Aber wann sollte man die Moralpredigt halten, wenn nicht just genau in dem Moment, da die meisten zuhören? Wie trifft man als Pfarrerin oder Pfarrer nur den richtigen Ton für den Moment? – Weihnachtlich und relevant zugleich.