Der Brief hat eine klare Botschaft: Der internationale fachliche Ruf des Kandidaten stehe "außer Frage", seine "stringente ordnungspolitische Ausrichtung" habe er ebenfalls unter Beweis gestellt. Deshalb möge sich Bundesfinanzminister Peter Altmaier doch bitte dafür einsetzen, dass Volker Wieland, Wirtschaftsprofessor an der Universität Frankfurt, im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bleibt. Zur Sicherheit hat der Unterzeichner – Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und Unionsmitglied – handschriftlich ein "lieber Peter" hinter die offizielle Anrede gesetzt.

Normalerweise wäre die Sache damit erledigt. Wieland würde für eine weitere Amtszeit von fünf Jahren als Mitglied des Sachverständigenrats ernannt werden. Denn traditionell haben die Arbeitgeber das Vorschlagsrecht für ein Mitglied im Rat der fünf Wirtschaftsweisen, auf diesem Posten sitzt Wieland. Auch die Gewerkschaften dürfen einen Vertreter in das Gremium entsenden, das in den sechziger Jahren auf Initiative des großen Ludwig Erhard gegründet wurde, um die Bundesregierung zu beraten. Doch womöglich ist es bald vorbei mit diesen Entsendungen durch die Verbände.

Die Personalie ist zum Politikum geworden, zumal es nicht der einzige wirtschaftspolitische Spitzenposten ist, den die nächste Bundesregierung besetzen kann. In der aktuellen Legislaturperiode läuft unter anderem die Amtszeit der Präsidenten der Bundesbank, der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission ab. Über die anstehenden Personalentscheidungen können die wirtschaftspolitischen Grundlinien in Deutschland und Europa maßgeblich beeinflusst werden.

Vor allem die SPD hat sich in der Vergangenheit immer schwer damit getan, die eigenen Leute an die Schaltstellen der Macht zu setzen. Gerhard Schröder machte den konservativen Ökonomen Axel Weber zum Präsidenten der Bundesbank, und Peer Steinbrück nominierte mit Jürgen Stark einen Ex-Berater von Helmut Kohl für den Posten des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank.

Auch im Umgang mit dem Sachverständigenrat waren die Sozialdemokraten bislang eher zurückhaltend. Im SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium gab es in der vergangenen Wahlperiode Pläne, das fünfköpfige Gremium zu vergrößern und zu internationalisieren. Am Ende schreckte Sigmar Gabriel – damals als Wirtschaftsminister für den Rat zuständig – davor zurück, vor allem aus Angst vor dem Vorwurf, die SPD wolle in Wahrheit nur ihre Kritiker zum Schweigen bringen. Schließlich hat die Ratsmehrheit sozialdemokratische Initiativen wie den Mindestlohn scharf kritisiert.

Im Fall von Volker Wieland allerdings steht nicht die ideologische Ausrichtung des Rats im Vordergrund, sondern die inhaltliche. Wieland ist Experte für Finanzmärkte und Geldpolitik – ein Fachgebiet, das auch von den Ratsmitgliedern Peter Bofinger und Isabel Schnabel bearbeitet wird. Die sonstigen Themen des Gremiums fallen in den Zuständigkeitsbereich von Lars Feld, einem Finanzwissenschaftler, und Christoph Schmidt, einem Arbeitsmarktfachmann, der zugleich auch Ratsvorsitzender ist. All das ist ein Ergebnis der Finanzkrise, in deren Folge die Finanzkompetenz des Rats gestärkt wurde.

Doch die Krise ist vorbei, und andere Themen bestimmten heute das politische Geschäft. Aus Sicht des Rats selbst ist das kein Problem. Man nehme "immer wieder die drängenden Themen des Augenblicks ausführlich auf, etwa die Flüchtlingsmigration, die Energiewende oder die digitale Arbeitswelt der Zukunft", sagt der Ratsvorsitzende Schmidt.