Die zunehmende Ungleichheit wird kritisiert, und das zu Recht. Sie ist beides, ineffizient und ungerecht. Ineffizient, weil sie mit einer unfassbaren Verschwendung von Ressourcen einhergeht, und ungerecht, weil persönliche Armut und persönlicher Reichtum weitgehend unverschuldet beziehungsweise unverdient sind. Da liegt der eigentliche Skandal: im Glück der Geburt.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie wären noch nicht geboren, sondern kämen nächste Woche auf die Welt, irgendwo auf der Erde, in irgendeiner Stadt, einem Dorf, in einer zufällig ausgewählten Familie. Es könnte also sein, dass Sie sich in ziemlich ungemütlichen Verhältnissen wiederfinden, ohne Zugang zu sauberem Wasser, Gesundheitsvorsorge, Bildung, umgeben von Gewalt und – als zwangsläufige Folge – mit einer relativ kurzen Lebenserwartung. Oder aber Sie kommen auf der Sonnenseite des Lebens zur Welt – behütet, umsorgt, geliebt, umgeben von Wohlstand, guten Bildungschancen und Sicherheit. Es sind diese Startbedingungen, die unser Leben maßgeblich prägen und auf die ein Kind, das in unsere Welt geboren wird, genauso viel Einfluss hat wie darauf, ob es morgen regnet oder die Sonne scheint.

Das Ausmaß der globalen Ungleichheit ist beschämend, aber das Glück der Geburt entscheidet auch in Deutschland maßgeblich über den Lebenserfolg. In zahlreichen Studien wurde gezeigt, dass es die Persönlichkeit eines Menschen ist, die ihn oder sie befähigen, das Leben zu meistern, eine Ausbildung abzuschließen, soziale Beziehungen aufzubauen, gesund zu leben, gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen, glücklich zu sein.

Zum Lebenserfolg tragen kognitive ebenso wie sozio-emotionale Fähigkeiten bei, also Eigenschaften wie Intelligenz, Selbstkontrolle, soziale Präferenzen, Geduld, Offenheit oder Risikobereitschaft. In einer Gesellschaft, deren Wirtschaft hauptsächlich aus Dienstleistungen besteht, spielen kommunikative, soziale, kooperative und emotionale Fähigkeiten eine wachsende Rolle. Diese Fähigkeiten aber werden in der Kindheit erlernt und können später im Leben nur noch schwer korrigiert oder verbessert werden.

In unseren Forschungsarbeiten können Kollegen und ich zeigen, dass der sozioökonomische Hintergrund der Eltern entscheidend für die Ausprägung dieser Fähigkeiten ist. Kinder aus Familien mit höherem Bildungs- und Einkommenshintergrund sind intelligenter, prosozialer, geduldiger und gehen vernünftigere Risiken ein. Das zeigen unsere Experimente mit Kindern im Alter von vier Jahren ebenso wie mit Kindern im Alter von acht bis neun Jahren. Kinder, deren Mütter prosozialer sind, zeigen messbar mehr Vertrauen, Altruismus und kooperatives Verhalten im Alltag.

Umgekehrt zeigen sich Defizite der Persönlichkeitsentwicklung also schon früh – und in Abhängigkeit der Eltern und auch ihrer Herkunft. Das ist das eine. Zum anderen können wir auch zeigen, dass diese Unterschiede keineswegs unabänderlich sind, im Gegenteil. Erziehungsstile der Eltern können die Entwicklung der Persönlichkeit ebenso positiv beeinflussen wie Hilfestellungen von außen, zum Beispiel in Form von Mentoring-Programmen, bei denen Mentoren Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen zu Hause besuchen, sie unterstützen, ihnen neue Horizonte aufzeigen und das Selbstvertrauen stärken. Die Idee solcher Programme ist es, positive Vorbilder und allgemein Ressourcen, die im Familienkontext knapp sind, zur Verfügung zu stellen und dadurch die Kindesentwicklung zu verbessern. In der Tat können wir nachweisen, dass diese Form der Hilfestellung Entwicklungsunterschiede, die aus sozialen Benachteiligungen herrühren, ganz oder teilweise wettmacht.

Es gilt also erstens, dass Persönlichkeit den Lebenserfolg mitbestimmt und dass sie vom Glück der Geburt abhängt. Aber zweitens gilt auch, dass man in weniger günstigen Verhältnissen geborene Kinder erfolgreich unterstützen kann, um sie zu befähigen, besser in den Wettbewerben des Lebens zu bestehen.

Es fragt sich, wie es eigentlich sein kann, dass angesichts dieser Befunde die Sozialdemokratie dermaßen in die Defensive geraten ist. Doch nur, weil das diffuse, unpräzise Beklagen mangelnder sozialer Gerechtigkeit zu einer larmoyanten, ritualisierten Folklore verkommen ist, die kein Mensch mehr hören möchte. Das linke Programm muss den Fokus ändern, konkret werden – und radikal.

Aber wie? Das traditionelle sozialdemokratische Programm besteht aus einer Art sozialer Reparaturwerkstatt: Umverteilen, Weiterbilden, Sozialhilfe. Es ist die zum Teil hilflose, aber finanziell auch ausgereizte Verengung auf die Bekämpfung der Ungleichheit, wenn diese bereits eingetreten ist. Es ist eine Politik im Nachhinein.

Was wir brauchen und worin eine programmatische Erneuerung der Sozialdemokratie bestehen könnte, ist eine vorausschauende Politik, also die hemmungs- und bedingungslose, kraftvolle Verbesserung von Startchancen. Statt sich an den Schröderschen Reformen abzuarbeiten (die im Prinzip richtig waren), mit der Linken in einen Umverteilungsüberbietungswettbewerb zu treten oder in den elenden, rechten Sündenbock-Ausländer-sind-schuld-Gesang einzustimmen, sollte eine neue Politik vertreten werden: eine Befähigungspolitik, die beides ist, wirtschaftlich sinnvoll und sozial gerecht.

Hierzu zählen massive Investitionen in frühkindliche Förderprogramme, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, Hilfsangebote für (werdende) Eltern, bessere Ausstattungen in Schulen und Bildungseinrichtungen, Programme, die Kindern helfen, mit Aggression und Selbstkontrollproblemen fertigzuwerden, die ihre Erwartungen für die eigene Zukunft von der sozialen Herkunft lösen und ihnen die Möglichkeit eines erfolgreichen Lebens aufzeigen.

Der Markenkern einer modernen sozialdemokratischen Politik sollte also sein: die Unterstützung bei der Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen. Politisch gesehen ist eine solche vorausschauende Politik natürlich riskant. Statt heutigen Wählern Wohltaten zukommen zu lassen oder die Schuld für das eigene Versagen auf Ausländer abzuschieben, bedeutet sie, in die Zukunft zu investieren – in die Wähler von morgen.

Mag sein, dass das ein zu grobes Netz beim Stimmenfang ist. Zynisch könnte man aber sagen: Wenn man ohnehin nicht gewählt wird, dann immerhin für die richtige Politik! War die Sozialdemokratie nicht immer "der Zukunft zugewandt"? Die Zukunft der Kinder könnte, nein sollte, die Zukunft der SPD sein. Nur Mut!