Seit Helmut Kohls Formulierung von der "geistig-moralischen Wende", die das öffentliche Gemüt seinerzeit mehr empört hat als jeder reale Politikwechsel, haben sich die beiden Lager in Deutschland in einer schizophrenen Arbeitsteilung eingerichtet: Die Bürgerlichen dürfen das Land regieren, die Linken und Liberalen es interpretieren. Die einen haben die Handlungs-, die anderen die Deutungsmacht. Beide Seiten scheinen mit ihrer jeweiligen Rolle vollauf zufrieden. Als hätten sie sich gesagt: Jeder, was er kann.

Und es stimmt ja: Wann immer diese stille Übereinkunft aufgekündigt wird und sich ein Bürgerlicher verbal aus der Deckung wagt, geht es gründlich schief. Wie in der vergangenen Woche, als CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt seine Diskursfähigkeit unter Beweis stellen und auch mal eine große Erzählung aus konservativer Perspektive anstimmen wollte. In einem Gastbeitrag für die Welt forderte er eine "bürgerliche Wende". In Wahrheit sei die Republik bürgerlich, aber seit den 68ern und ihrem Marsch durch die Institutionen dominiere eine "linke Meinungsvorherrschaft". Auf die "linke Revolution der Eliten" müsse deshalb eine "konservative Revolution der Bürger" folgen.

Nun hat der Begriff der "konservativen Revolution" historisch eine sehr präzise Bedeutung. Unter diesem Begriff werden Figuren der Weimarer Republik zusammengefasst, die sich dezidiert als antibürgerlich und elitär begriffen, Parlamentarismus und Liberalismus für eine große Heuchelei hielten und denen eine Staatsform vorschwebte, die wir heute postdemokratisch nennen würden. Wollte Alexander Dobrindt an diese republikfeindliche Tradition anknüpfen? Vermutlich ist es viel trostloser: Dobrindt ist die Geschichte des Begriffs einfach nicht bekannt. Muss ein Verkehrsminister, der mit der Einführung der Maut genug um die Ohren hat, ja auch nicht unbedingt wissen, aber wenn einem die Worte und Begriffe egal sind und man sie nur zusammensteckt wie ein fantasieloses Kind seine Legosteine, gewinnt man jedenfalls nicht das zurück, worum es Dobrindt erklärtermaßen geht: Diskurshoheit. Dann bleibt es mal wieder bei der alten Arbeitsteilung.

Doch diese Arbeitsteilung ist ein Problem, weil Politik dann nicht mehr zurechenbar ist: Dann kann eben der Vertreter einer Partei, die seit drei Legislaturperioden in der Regierungsverantwortung steht, von einer Revolution der Verhältnisse schwafeln, als sei er deren unglückliches Opfer. Verantwortung braucht Zurechenbarkeit.

Eine der Grundcharaktereigenschaften des bürgerlichen Temperaments ist, um es zurückhaltend auszudrücken: Revolutionsskepsis. Aber natürlich kann auch einem auf Maß und Mitte geeichten Bürger mal der Kragen platzen. Vielleicht wollte Dobrindt eigentlich von bürgerlichem Protest gegen die fortschreitende Auflösung überkommener Lebensformen sprechen, aber Ulf Poschardt, der polemisch begnadete Chefredakteur der Welt, hatte ihm dann den Begriff "konservative Revolution" in den Text reinredigiert, damit es mehr zündet, wer weiß. Poschardt selbst schrieb wenig später als abgebrühter Debatten-Choreograf, der er ist, schon die Aufregung, die Dobrindt hervorgerufen habe, gebe ihm recht. Aber nicht alles, was einen Reflex auslöst, ist schon eine unbequeme Wahrheit.

Dobrindts Begriffe sind zombiehaft: "sozialdemokratischer Etatismus", "grüner Verbotismus". Das ist aber nicht einfach nur eine sprachliche Schwäche, sondern ein analytisches Defizit: So bekommt er nämlich keine gesellschaftliche Wirklichkeit zu fassen. "Deutschland", schreibt Dobrindt, "ist nicht der Prenzlauer Berg." Richtig. Allerdings ist nirgends stärker eine Renaissance von Bürgerlichkeit bis zum Abwinken zu beobachten als just in diesem kinderreichen und zugleich hochgentrifizierten Berliner Stadtteil, wo Familie und Rituale großgeschrieben werden und die Doppelverdiener sich an den Adventssonntagen die Zeit nehmen, in ihrer Kirchengemeinde Strohsterne zu basteln, denn Josefine und Konrad sollen nun doch wieder getauft werden.

Der Kulturkritiker Guillaume Paoli sucht nach einem revolutionären Klassensubjekt

Dobrindt will, wie gesagt, die "linke Meinungsvorherrschaft" brechen. Gut möglich, dass er mit seiner Intuition gar nicht so falsch liegt, wonach die Milieus, die seine Partei vertritt, diskursiv unterrepräsentiert sind. Dann hätte er ein Problem der Sprachlosigkeit adressiert, das er selber auf durchschlagende Weise verkörpert.

Nun ja, müssen halt andere die Arbeit machen. Zum Beispiel Guillaume Paoli. Der gebürtige Franzose, Jahrgang 1959, lebt seit Langem in Berlin (wir vermuten: eher nicht im Prenzlauer Berg). Er war "Hausphilosoph" am Leipziger Theater und gehört zum intellektuellen Umfeld der alten, Castorfschen Volksbühne. Natürlich hält er den neuen Intendanten Chris Dercon für ein Ärgernis, und Paolis Buch Die lange Nacht der Metamorphose – Über die Gentrifizierung der Kultur, das gerade erschienen ist, lässt sich auch lesen als philosophisch-essayistische Unterfütterung seiner Ablehnung jenes kosmopolitisch-kulturellen Jetsets, für dessen Verkörperung seine Gegner Chris Dercon halten.

Obwohl die Milieus oder Filterblasen, in denen sich Guillaume Paoli und Alexander Dobrindt bewegen, sich nicht fremder sein könnten (der eine möchte, dass sich Leistung wieder lohnt, der andere wurde um das Jahr 2000 herum bekannt als Mitbegründer der "Glücklichen Arbeitslosen", der eine legte sich eine Hipster-Brille zu, als er von der bayrischen Landeshauptstadt nach Berlin wechselte, der andere nimmt modisch eher Maß an seinem Vorbild Pier Paolo Pasolini, diesem konservativen Revolutionär), arbeiten sich beide doch am selben Problem ab: der als übermächtig und unwahrhaftig empfundenen linksliberalen Fortschrittserzählung von Emanzipation, Gleichberechtigung und Diversity. Wo Dobrindt die Zäsur mit dem Jahr 1968 setzt, spricht Paoli von einer "Mutation", die etwa um dieselbe Zeit durch die Postmoderne gegriffen habe. Wo Dobrindt schreibt, dass "diejenigen, die viel über Vielfalt reden, in Wahrheit nur eine Meinung akzeptieren – ihre eigene", da geht Paoli mit den Wortführern von Diversity ins Gericht, die auf alle als ewig Gestrige herabschauten, die verstockt in der entvölkerten Provinz verharrten und nicht die Moral des kulturellen Kosmopolitismus feierten. Paoli schreibt: "Irgendwie wird jede*r vor die Wahl gestellt: entweder queer oder Pegida." Und wo sich Dobrindt zur Heimat bekennt, sieht Paoli im Windschatten seines Vorbilds Pasolini durch die Globalisierung eine Gleichschaltung der kulturellen Lebenswelten am Werk, die die Welt und die vielfältigen Weisen, in ihr zu sein, standardisiert und verarmt. Und beide sind überzeugt, dass zu viele Milieus im hegemonialen Diskurs nicht mehr vorkommen.