Wohin mit all den Milliarden? Diese Frage stellt sich, wenn SPD und CDU über die Regierungsbildung verhandeln. Denn allein im ersten Halbjahr 2017 erzielten Bund, Länder und Gemeinden einen gemeinsamen Überschuss von 18 Milliarden Euro. In der CDU wollen viele die gute Lage nutzen, um Schulden abzutragen und Steuern zu senken. Die SPD dagegen will vor allem zusätzliche Investitionen in Schulen, Verkehrswege und digitale Infrastruktur. Doch der Staat hat schon heute Schwierigkeiten, Bauunternehmer zu finden, denn die sind voll ausgelastet. Die SPD sollte daher lieber größer denken – und die Einrichtung eines Staatsfonds nach dem Vorbild Norwegens fordern.

Norwegen hat seine Erlöse aus dem Verkauf von Öl und Gas über die letzten Jahrzehnte in einem Fonds gesammelt, der damit vor allem Aktien an einer Vielzahl von Konzernen erworben hat und mittlerweile fast 890 Milliarden Euro wert ist. Der Ertrag liegt heute bei durchschnittlich fast 10.000 Euro im Jahr – pro Bürger.

Deutschland hat zwar kaum Öl, dafür aber solide Finanzen und das Vertrauen der Anleger. Die Kombination aus Haushaltsüberschuss, starker Wirtschaft und niedrigen Zinsen eröffnet eine seltene Gelegenheit: Der Staat kann im großen Stil Wertanlagen kaufen und zugleich die Schuldenquote langsam reduzieren. Diesen Moment sollte die SPD nutzen, denn ein Staatsfonds wäre ein sozialdemokratisches Zukunftsprojekt.

Einerseits würde der Aufbau eines solchen Fonds eine radikale Abkehr von der unpopulären Privatisierungspolitik der vergangenen Jahre bedeuten. Der Staat würde nicht weiter Staatsbesitz verkaufen und die Gewinne an Investoren abtreten. Stattdessen würde er Vermögen erwerben und so dafür sorgen, dass die Gesellschaft wieder stärker von der Wertschöpfung profitiert. Andererseits griffe der Staat damit aber – anders als bei Verstaatlichungen – kaum in die Wirtschaft ein. Norwegens Staatsfonds stimmt bei Aktionärsversammlungen zwar ab, regelmäßig etwa gegen extrem hohe Managergehälter. Ansonsten agiert er jedoch als stiller Teilhaber und mischt sich nicht in die Geschäftsführung ein. Das Argument, der Staat hemme die unternehmerische Aktivität, greift also nicht.

Außerdem wäre ein Staatsfonds ein gutes Geschäft. Denn anders als beim Schuldenabbau sind die zu erwartenden Erlöse hoch. Das liegt daran, dass der Staat als Mittler wirkt: Er gibt risikoarme Staatsanleihen aus und investiert das Geld in riskantere, aber auch ertragreichere Anlagen, vor allem in Aktien. Die Bürger profitieren davon auf doppelte Weise: Erstens erwirtschaftet der Staat einen Gewinn, den er dann in ihrem Sinne einsetzen kann; zweitens gewährt er ihnen sichere Anlageoptionen.

Eine Beispielrechnung verdeutlicht, wie schnell ein deutscher Staatsfonds entstehen könnte. Nehmen wir einmal an, die wirtschaftliche Lage bleibt noch zehn Jahre lang weitgehend so, wie sie im Moment ist. Der deutsche Staat erwirtschaftet also jedes Jahr einen Überschuss von etwa 30 Milliarden. Die Wirtschaft wächst weiterhin jedes Jahr nominal um gut drei Prozent. Und die Zinsen für Staatsanleihen verharren bei ungefähr null Prozent.

Trifft all das zu, kann Deutschland jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro in den Fonds einzahlen. Der Haushaltsüberschuss wird dafür direkt beiseitegelegt. Der Rest der Summe, 70 Milliarden Euro, besteht aus neuen Krediten. Wächst die Wirtschaft, ist es möglich, zusätzliches Geld zu leihen und trotzdem die Schuldenquote zu senken. So könnte Deutschland auch die Vorgaben des EU-Stabilitätspakts einhalten.

Doch der Fonds wächst sogar noch schneller, weil bestehendes Vermögen bereits Gewinn abwerfen wird. Die Norweger erwirtschafteten über die letzten 20 Jahre durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr. Schafft Deutschland das auch, hat der Fonds nach zehn Jahren einen Wert von gut 1300 Milliarden Euro. Der zu erwartende jährliche Gewinn beträgt dann fast 80 Milliarden Euro. Das ist zwar, pro Kopf gerechnet, viel weniger als in Norwegen. Aber knapp 1000 Euro zu Weihnachten wären schon für jeden drin. Alternativ könnte man mit einem Schlag das Kindergeld verdreifachen, das Rentenniveau um 30 Prozent anheben oder sechsmal mehr für Entwicklungshilfe ausgeben als heute.

Zugegeben, die Rechnung beruht auf Annahmen, die so nicht genau zutreffen werden. Über zehn Jahre wird die deutsche Wirtschaft nicht konstant wachsen. Es wird schlechtere Jahre geben. Aber vielleicht auch bessere: Für die kommenden beiden Jahre etwa prognostiziert die OECD ein noch rascheres Wachstum. Und sollte die Wirtschaft hinter den Erwartungen zurückbleiben, bliebe der Fonds eben etwas kleiner.

Zudem ist die Rendite von sechs Prozent ein Durchschnittswert. Mal wird es besser laufen, mal schlechter. Während der Finanzkrise schrumpfte der norwegische Fonds in einem einzigen Jahr um 23 Prozent. Doch weil das Geld über Jahrzehnte angelegt wird, fallen Schwankungen kaum ins Gewicht. Möglich ist allerdings auch, dass die durchschnittliche Rendite dauerhaft niedriger ausfällt. Dann verdient der Staat weniger. Doch solange Deutschland für seine Kredite weniger Zinsen zahlt, als der Fonds an Rendite erwirtschaftet, ist die Sache ein Gewinngeschäft. Und das ist auf jeden Fall zu erwarten.

Aber kann es überhaupt eine gute Idee sein, dass ein Staat Schulden aufnimmt und das Geld dann anlegt? Solange sich der Staat nicht überschuldet, spricht ökonomisch nichts dagegen. Andere EU-Länder nehmen hohe Beträge auf und geben sie direkt aus. Warum sollte Deutschland sich da nicht Geld leihen und es auf die Seite legen dürfen – zumal, wenn die Schuldenquote dabei noch sinkt? Auch Norwegen hat bis heute Staatsschulden und trotz steigenden Vermögens in den vergangenen Jahren sogar zusätzliche Kredite aufgenommen.

Dank seiner wirtschaftlichen Stärke kann Deutschland auch ohne Öl und Gas (langsam) einen Staatsfonds aufbauen. Die SPD könnte sich mit dieser Idee klug positionieren: gegen die Privatisierungspolitik von Union und FDP und gegen die Forderung der Linkspartei nach Verstaatlichungen. Es wäre ein Projekt mit Weitsicht: Nimmt die Automatisierung weiter zu, dann erwirbt der Staat mit seinem Fonds einen Teil der neuen Maschinen; nicht nur Industrielle und Investoren, sondern alle Bürger werden dann in Zukunft direkt vom Fleiß der Roboter profitieren.