Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Vera Lengsfeld wurde 1952 in der DDR geboren. Obwohl sie Kandidatin für die Aufnahme in die Kommunistische Partei war, fing sie in jungen Jahren an, in Berlin die Kirche zu besuchen und die Partei zu kritisieren. Sie hatte eine Affäre mit einem Dänen und bekam ein Kind von ihm. Auf Anzeige eines Spitzels mit dem Decknamen Donald wurde sie im Archiv der Stasi als "Dissidentin" geführt. Nach dem Mauerfall und nach Öffnung der Stasi-Archive kam ans Licht, wer der Spitzel war:

Ihr Ehemann.

Die Karteikarte von Vera und ihrem Spitzel-Ehemann empfängt Sie heute als schmutziger Beleg einer finsteren Zeit am Eingang des Gebäudes, das die Stasi-Archive beherbergt.

Als ich kürzlich dieses unglaubliche Archiv besuchte, spürte ich bis ins Mark die Paranoia des Regimes wie auch die Angst, für die es in der Bevölkerung sorgte. Die Partei, die bei Wahlen 99,5 Prozent erhielt und wusste, dass dieser "Erfolg" mit dem geschaffenen Klima der Angst zusammenhing, verbreitete das Gefühl, ihre Augen überall zu haben. Sie stellte eine Armee von Spionen auf. Manche köderte sie mit Beförderung, andere mit Drohungen: "Das wäre nicht gut für dich." Je lauter der Ruf nach Freiheit wurde, desto stärker wurde die Paranoia des Systems, und mit der Expansion der Paranoia wuchs die Zahl der Spitzel.

Für 16 Millionen DDR-Bürger beschäftigte die Stasi 91.000 Mitarbeiter, die von 180.000 "Helfern" unterstützt wurden, das waren die Spitzel. Auf Angst, Schweigen und Gehorsam war ein System errichtet worden. So weit war es gekommen, dass Menschen ihre Ehepartner denunzierten.

Doch irgendwann wurde die Angst überwunden, da war das 40-jährige Regime am Ende. Als Ende 1989 der Aufstand begann, versuchte die Stasi, ihr Archiv zu vernichten. Ein Teil der Dokumente wurde panisch zerrissen, doch nicht alles konnte beseitigt werden. Bei der Erstürmung der Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 wurde ein großer Teil des Archivs sichergestellt. Nebeneinandergepackt würden die 16.000 Säcke voller Dokumente ein 111 Kilometer langes Riesenarchiv ergeben. Einige wollten alles verbrennen, doch die neuen Machthaber meinten, die durch Geheimhaltung geschaffene Macht müsse ausgestellt und diskutiert werden, damit so etwas nie wieder geschehe. Sie ordneten das Archiv und machten es der Öffentlichkeit zugänglich. In mühsamer Arbeit wurden zerrissene Unterlagen wieder zusammengesetzt und Indexe erstellt; es wurde dokumentiert, wie Anwälte, Ärzte, Lehrer ihre Mandanten, Patienten, Schüler denunziert hatten, wie Menschen kartiert und Briefe geöffnet, kopiert und wieder verschlossen worden waren.

Diese Dokumente sind jetzt in einem "Museum der Transparenz" ausgestellt. Man sagte mir dort, die Leitung des Archivs liege nicht allein in staatlicher Hand, auch jene, die das Archiv bei der Erstürmung sicherstellten, seien als NGO vertreten. Betroffene können über sie gesammelte Informationen einsehen, Medien und Wissenschaftler das Archiv nutzen.

Beim Besuch des Dokumentationszentrums, für Deutschland ein Stück Geschichte, ging mir durch den Kopf, dass dies der Finsternis entspricht, die wir in der Türkei gerade durchleben. Und schöpfte Hoffnung. Zweifellos werden auch wir eines Tages das Gebäude, in dem Informationen über uns gesammelt werden, als ein Museum der Schande besichtigen, in dem die Untaten seiner ehemaligen Herren ausgestellt sind. Werden sehen, was aufgrund der Informationen unserer Spitzel neben unseren Namen steht, und uns darüber amüsieren. Und werden in jenem Museum lehren, dass ein Regime der Angst, das Menschen dazu bringt, ihre Ehepartner zu bespitzeln, nicht ewig existiert.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe