Als ich am Strand von Koh Kradat ein Reh mit einer frisch gepflückten Sternfrucht füttere, frage ich mich, ob ich endlich am Ziel bin. Vier Wochen Thailand – und jetzt sitze ich mit Bambi auf einer einsamen Insel. Es ist warm. Es ist schön. Es ist still. War es das, was ich gesucht habe?

Warum ich überhaupt hergefahren bin, hat kaum einer verstanden. Laos, Vietnam, Kambodscha – alles hippe Reiseziele. Aber Thailand? Scheint das Ikea unter den asiatischen Destinationen zu sein. Praktisch, aber unsexy. Wer im Winter fantasielos ins Warme will, bucht zwei Wochen Koh Samui. Wer die Illusion von Abenteuer braucht, klappert mit dem Rucksack die Inseln ab. Und überall lauern Klischees: Sextouristen im "Bumsbomber nach Bangkok", langfingrige Ladyboys, Fullmoonpartys voller kotzender Engländer. Aber gibt es nicht noch ein Thailand, das sich lohnt, eines, das niemand kennt? Und kann ich es finden, wenn ich einfach drauflossuche?

Die Stadt

Alles beginnt, natürlich, in Bangkok. "Viermal war ich dort", sagte ein Freund, "und jedes Mal fing mein Urlaub am Tag eins nach Bangkok an." Die Hauptstadt ein Moloch, erträglich nur als Sprungbrett in den schönen Rest? Ich komme, ohne eine Minute Schlaf, um sechs Uhr morgens an. Und spaziere sofort los. Vom Strom Chao Phraya durch Sathorn, mitten ins Herz der "Stadt der Engel", wie Bangkok übersetzt heißt. Im Schatten der Betonberge kauern sich Holzhäuser und bunte Tempel wie Insekten in die Falten eines Elefanten. Ich laufe und laufe durch dieses Kuriositätenkabinett von Stadt. Kann gar nicht genug sehen und riechen und schmecken von bunten Märkten und Menschen. Aber die erste Suppe muss ich mir erkämpfen. Die Frau am Straßenstand sagt: "Too spicy." Nichts für Westler. Ich lächle und bleibe hart. Für umgerechnet einen Euro gibt sie mir: eine Schale Reis mit Brühe und Gemüse und Kräutern und Rindfleisch, Kaffir-Limetten-Blättern, Koriander, Tamarinde, Zitronengras, Frühlingszwiebeln. Das Fleisch vermutlich tagelang ausgekocht. Sauscharf. Und eine der besten Suppen, die ich jemals gegessen habe.

Ich merke schnell: Bangkok ist eine Stadt des touristischen Nahkampfs. Nichts gegen Tempel und Paläste. Aber lieber lasse ich mir auf dem Amulettmarkt, wo es von Mönchen gesegnete Steine und Ketten gibt, die Zukunft voraussagen. Die Wahrsagerin schaut in meine Hand, deren Linien sie mit Asche lesbar gemacht hat. "Oooooh", höre ich, diesen klagend anmutenden Laut thailändischen Erstaunens. Kunstpause. Dann: "Hör auf wegzulaufen. Das Glück wartet schon irgendwo."

Vielleicht bei einem der blitzschnellen indischen Schneider rund um den Nana Square? Oder beim Freiluft-Aerobic am Fluss, jeden Abend um 18 Uhr? Ich lasse mich treiben und schaue den Thai beim Leben zu. Sie schlafen, essen, spielen vor ihren Geschäften. So wie die Stromkabel oberirdisch verlaufen und ab und zu Funken sprühen, ist jede Energie sichtbar. "Das ganze Leben erscheint hier wie eine Sequenz noch nicht revidierter Provisorien", schrieb Roger Willemsen. Bangkok ist ein Trommelfeuer auf meinen Nerven. Also zurück ins Hostel, ausruhen, im Korbua House im Viertel Rattanakosin, das mit seinen Brücken und Gassen fast an Amsterdam erinnert – nur ein paar Schritte nördlich der berüchtigten Khao San Road.

Diese Straße ist eine traurige Legende, ein überwürzter Eintopf, den ein betrunkener Koch viel zu lange vor sich hin blubbern ließ. Bar neben Hostel neben Bar ergeben einen Asia-Ballermann, laut und falsch und krank. An zu vielen Ecken ist Bangkok ein großes Bordell, wo in miesen Bars dicke weiße Männer mit dünnen dunklen Frauen sitzen. Wo man sich schämt für Geschlecht, Nation, Spezies. Bloß weg hier. Aber wohin?

Ist ein Ort erst mal im Lonely Planet, beginnt der "countdown to doomsday", sagt Alex Garlands Held Richard im Traveller-Klassiker The Beach. Die Brick Bar ist der Gegenbeweis. Obwohl sie im Lonely Planet steht, bin ich der einzige Tourist. Der zuckrige Thai-Pop, zu dem hier alle ausflippen, geht ins Blut. Junge Thai mit riesigen Brillen liegen sich in den Armen, tanzen auf den Tischen. Cheers, Selfie, Daumen hoch. Einer, klein und schmal, fragt: "What are you doing here?"

Ich antworte: "Looking for something new."

"Then", verschwörerisches Zwinkern hinter seiner Ray-Ban, "you have to come to Koh Mak."

Er heißt Bos, sieht aus wie 20, ist aber 30 Jahre alt und hat gerade mit seiner Familie ein Resort aufgemacht, auf einer kleinen Insel nahe der kambodschanischen Grenze. "Wir versuchen da etwas anderes", sagt er. "Musst du sehen!" Er gibt mir seine Nummer, dann trägt mich der nächste Song weiter. Ich singe Fantasie-Thai, und auf dem Heimweg versuche ich, nicht in den Kanal zu stolpern.

Trotz Kater am nächsten Morgen bin ich angefixt. Eine Massage noch zum Abschied, dann raus aus der Stadt. Die Masseurin kniet auf meinem Rücken, rammt ihre Knie unter meine Schulterblätter. Ich stöhne. Sie sagt bedauernd: "Internet, Internet." Nun, ich wusste schon, dass das Internet schuld ist. An meinem Rücken. An der Welt als solcher. Aber auch an Thailand im Jahr 2018?

Wenn man dem Internet glauben wollte, müsste ich jetzt weiter nach Süden, Richtung Pattaya. Da sind die Orte, die man zu kennen meint, auch wenn man niemals dort war. Abfotografiert auf Instagram, bewertet auf TripAdvisor. Also fahre ich in die entgegengesetzte Richtung. Nach Norden. Da, so habe ich gehört, gibt es noch Wildnis ohne Hashtags. Offen für jeden, der einen Motorroller und etwas Mut mitbringt.