Es ist erleichternd, erhebend, befreiend, wenn ein Film einen solchen Eigensinn verströmt. Eine mysteriöse Poesie. Oder ein poetisches Mysterium. Der mexikanische Film The Untamed erzählt an allem vorbei, was eine logische Erzählung zu sein scheint, und ist dabei doch so zwingend.

Allein die Synopsis: Mehrere Bewohner einer namenlosen Stadt fühlen sich wie magisch angezogen von einem am Waldrand liegenden Haus. Darin befindet sich, gehegt und bewacht von einem älteren Paar, eine Kreatur, die aus mehreren Dutzend tentakelartiger Penisse und einem gesichtslosen Kopf besteht.

"Es ist kein Oktopus" – mit diesem Satz begann der Regisseur Amat Escalante seine Pressekonferenz auf den vergangenen Filmfestspielen von Venedig, wo er für The Untamed mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Von einem Oktopus würde sich die verwegene, schöne, mit ihrem Motorrad durch die mexikanische Tiefebene brausende Verónica (Simone Bucio) auch nicht angezogen fühlen. Eine der ersten, im Halbschatten des Holzhauses spielenden Szenen des Films suggeriert, dass "die Kreatur" der jungen Frau grenzenlose Lust verschafft: Etwas, nennen wir es einen Tentakel, zieht sich von ihrem bloßen Schenkel zurück. Unter schweren Lidern wirken ihre Augen leer, ihre Züge sind entrückt. Was ist zwischen den Bretterwänden des Raumes vorgegangen? Purer Sex? Entfesselte Lust? Ekstase? Oder etwas, was über die beschränkten Begriffe und unsere Vorstellungskraft hinausgeht? Ist das Wesen ein Außerirdischer? Oder ein Produkt menschlicher Sehnsüchte? Und weshalb wird es bewacht und gehegt von einem älteren Paar, offenbar zwei Wissenschaftlern?

Immer wieder wird Verónica zu dem Haus zurückkehren. Nach einem ihrer Besuche hat sie am Bauch eine blutende Wunde. Weitere sexuelle Begegnungen mit der Kreatur, sagen deren Hüter, seien aber zu gefährlich. Verónica macht sich auf, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden. So kommen der gut aussehende Krankenpfleger Fabián (Eden Villaviciendo) und seine Schwester Alejandra (Ruth Ramos) ins Spiel.

Das fleischfarbene, matt glänzende Wesen im Halbschatten bleibt das mysteriöse Zentrum des Films. Seine Unheimlichkeit und sein Vermögen, Empfindungen hervorzurufen, für die seine Besucher körperliche Attacken, ja sogar den Tod in Kauf nehmen, legen Spannung über jede Szene. Und über mehrere Handlungsstränge, die mitten hinein in das Desaster der mexikanischen Provinzgesellschaft führen, in eine Mischung aus Katholizismus, Machismo und sexueller Repression. Fabián, der sanftmütige Krankenpfleger, hat ein Verhältnis mit Ángel (Jesús Meza), dem Ehemann seiner Schwester. Der wiederum kompensiert die Angst vor der eigenen Homosexualität mit Schwulenhass, übertriebenem Chauvinismus und brutalen Gesten. Fabián trennt sich von seinem Liebhaber und lässt sich von Verónica zu einem Besuch der Kreatur überreden. Als er nach dem Akt – oder wie soll man es nennen? – schwer verletzt ins Koma fällt, gerät Ángel unter Mordverdacht. Während er im Gefängnis sitzt, versucht Ángels konservative, wohlhabende Mutter, ihrer Schwiegertochter Alejandra deren beide kleine Söhne abzunehmen. Ganz beiläufig entsteht ein Panorama von letztlich archaischen Geschlechterbildern, sozialen Unterschieden, von religiöser und familiärer Heuchelei.

Die Szenen und Beziehungen entwickeln sich völlig frei in den Bildern von Alberto Claro, der schon in Lars von Triers Filmen Melancholia und Nymphomaniac die Kamera führte. Jede Einstellung ist ein konzentriertes, von buchstäblich unheimlicher Spannung durchdrungenes Tableau: der im Morgenlicht schimmernde nackte Körper eines jungen Mannes im Wasser. Verónica, die angstvoll in die Kamera blickt – auf ihren Mann, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Das vertraut und innig wirkende Forscherpaar im Wald, gebeugt über die wissenschaftliche Zeichnung eines Vogels. Verónica, die auf ihrem Motorrad der Sucht nach dem Sex mit der Kreatur entfliehen will. Und immer wieder: das Haus am Waldrand. Ort der Lüste, des Begehrens, auch des Verhängnisses.

Über alldem schwebt die Frage, worin das titelgebende Ungezähmte eigentlich besteht. Ist es das "Monster" mit seiner lustgebenden und lustverzehrenden Kraft? Jener Kraft, die manche seiner Sexualpartner befreit, andere verletzt und wieder andere tötet? Oder sind es die Menschen selbst, die durch die Begegnung mit der Kreatur zu Ungezähmten werden?

Wie seine drei vorherigen Filme hat Amat Escalante The Untamed in Guanajuato gedreht, dem tiefreligiösen mexikanischen Bundesstaat, in dem er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Zuletzt erzählte er in Heli von der Brutalität der mexikanischen Drogendealer und der Polizei, von Korruption, Repression, von Katholizismus, verzweifeltem Glauben und zarten Liebesgeschichten. Die Idee zu seinem neuen Film sei ihm, so sagt er, durch die Schlagzeile einer Lokalzeitung über dem Bild einer nackten Männerleiche gekommen: "Schwuchtel ertrunken aufgefunden".

Vielleicht ist die sexuelle Kreatur in The Untamed die Verbindung zwischen diesem Moment der Empörung des Regisseurs und einer Handvoll Figuren. Das Wesen als fleischgewordene Dramaturgie: von Tentakeln verknüpfte Erzählwege, die hineinführen ins Herz eines kaputten, traurigen, verzweifelten Landes, das so große Filme hervorbringt.

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