Als hätte nie einer "Nazi" gesagt, so werden die deutschen Besucher in Izmir empfangen. Die Investitionsagentur der türkischen Regierung serviert zu Tee und Plätzchen nette Worte über die "tiefe Freundschaft mit Deutschland". Vergessen sind die bösen Worte des türkischen Präsidenten über die "Nazi-Methoden" der Deutschen, vergessen die Verwünschungen der türkischen Regierung im Laufe des Jahres 2017. "Manchmal verstehen wir Geschäftsleute die Politiker nicht", sagt Faruk Güler, Chef der ägäischen Freihandelszone Izmir, über die Vergleiche mit dem "Dritten Reich". "Ich bin sicher, das hat viele Menschen in Deutschland verletzt", sagt er und lässt die deutschen Journalisten und Wissenschaftler durch die Freihandelszone führen, die mehr einem Freizeitpark mit Palmen und Hotels ähnelt. "Herzlich willkommen!", ruft es aus jeder Tür.

Die Türkei sehnt sich nach Harmonie. Das zeigt die von der türkischen Regierung organisierte Reise nach Izmir diese Woche genauso wie die Kurzausflüge türkischer Spitzenpolitiker nach Europa. Präsident Recep Tayyip Erdoğan preist in Frankreich die "guten" Beziehungen der Türkei zur EU, kurz davor sagte er, die Türkei müsse "die Zahl der Freunde vermehren und die der Feinde verringern". Vor einiger Zeit noch galt ihm die Zahl der Feinde als Zeichen historischer Größe. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu machte seine Aufwartung in Goslar, nachdem er Sigmar Gabriel davor in seine Heimatstadt Antalya eingeladen hatte. Warum werben die Türken plötzlich um Europa? Orientiert sich die Türkei wieder gen Westen? Es wäre eine Annäherung mit weitreichenden Folgen, möglicherweise auch für die prominenteste Geisel des türkisch-deutschen Streits. Kommt der deutsche Journalist Deniz Yücel nach 330 Tagen in Untersuchungshaft endlich frei?

Türkei - Sigmar Gabriel wirbt für deutsch-türkischen Dialog Außenminister Sigmar Gabriel hat seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu besucht. Die beiden Minister kündigten eine gemeinsame Wirtschaftskommission an. © Foto: Swen Pförtner/dpa

Schon Wochen vor dem Besuch Çavuşoğlus in Goslar hatte die türkische Regierung ihre "unabhängige Justiz" gedrängt, zwei andere Deutsche aus der Haft zu entlassen, den deutschen Menschenrechtler Peter Steudtner und die Journalistin Meşale Tolu. Die Prozesse laufen weiter, die Gefangenen sind frei. So könnte es auch im Fall Yücel kommen, hoffen die Deutschen und erwidern die Charmeoffensive der Türken. Sigmar Gabriel schenkte Çavuşoğlu im Goslarer Eigenheim Tee aus einer türkischen Teekanne ein. Später bei der Pressekonferenz in der Kaiserpfalz bewies Gabriel Geistesgegenwart, als er die Mikrofone vor einem Historienbild mied, das den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa auf dem dritten Kreuzzug beim Sieg über einen strauchelnden türkischen Heerführer idealisierte.

Der deutsche Minister vor Kreuzritterkulisse – dieses Bild hätte die skandalfreudige türkische Presse sicher gern und breit besprochen. Gabriel steuerte stattdessen die Mitte des Reichssaals an, Çavuşoğlu trabte hinterher. Gabriel kann mit den Türken. Im Sommer haute er mit der Faust auf den Tisch wegen der Verhaftungen deutscher Bürger in der Türkei. Jetzt ist er der perfekte Gastgeber und verspricht mehr Zusammenarbeit in der Wirtschaft und bei der Sicherheit. Mal zornig, mal warmherzig, Hauptsache, leidenschaftlich. Das versteht man gut in Ankara.

Çavuşoğlu sprach hartnäckig von "meinem Freund Sigmar". Deniz Yücel erwähnte er nicht. Nur Gabriel beschied auf Nachfragen kurz, dass man über alle Themen geredet habe, auch über dieses. Es bewegt sich etwas. Die türkische Regierung hat endlich auf eine offizielle Beschwerde des Anwalts von Deniz Yücel gegen die unbegründete U-Haft reagiert und ihre Sicht der Dinge ans Verfassungsgericht geschickt. Nun antwortet noch einmal der Anwalt, schließlich soll das Verfassungsgericht entscheiden, ob Yücel zu Recht oder zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Am Ende hängt alles an Erdoğan, der Yücel als "Spion" prominent vorverurteilt hatte. Der Präsident scheint jedoch in jüngster Zeit neuen, anderen Kummer zu haben.

Welche Sorgen das sind, hören auch die deutschen Besucher in Izmir. Ihnen erzählen lokale Geschäftsleute, dass Kunden aus Europa im vergangenen Jahr Reisen oft kurzfristig abgesagt hätten. Ein deutscher Unternehmer in Izmir sagt, dass die Unsicherheit über deutsche Kreditbürgschaften seine Firma gezwungen habe, wichtige Projekte einzufrieren. Im Sommer hatte Gabriel – damals noch zornig – angekündigt, seine Regierung werde die Garantien für Investitionen in der Türkei überdenken. Das schlägt in Izmir bis in die Fabrikhalle durch. Auch bleiben deutsche Touristen weg und können nur durch Discountpreise zurückgelockt werden. Sehr deutlich wird Faruk Güler, der Chef der Ägäischen Freihandelszone. "Der Ausnahmezustand in der Türkei schreckt Investoren und Gäste ab", sagt er.

Lange hat Erdoğan die Eiszeit mit Europa für belanglos erklärt, weil die EU unwichtig sei und die Türkei neue Freunde im Osten gewinne. Er zelebriert die Freundschaft mit Putin, fährt in den Iran und nach China, daneben gibt er den Anführer islamischer Staaten. Aber die neuen Freunde sind schwierig und unduldsam. Wladimir Putin spielt zwei Klassen über Erdoğan und lässt ihn das spüren, für China ist die Türkei nur ein Transitland unter anderen, der einzige wirkliche Freund in der arabischen Welt ist Katar. Kann der Osten den Westen ersetzen? Auf keinen Fall in Izmir. Faruk Güler sagt, er habe noch keinen russischen oder chinesischen Investor in seiner Freihandelszone begrüßen können. Noch nicht mal als Besucher.