Beim Betrachten alter Fotografien überfällt einen manchmal die Frage: Was, zum Teufel, haben die Leute, die da gerade eine Straße überqueren oder eine Fahne hissen, in dieser längst vergangenen Weltsekunde wohl empfunden? Die Geschichte des Lebensgefühls vergangener Zeiten wäre für immer verloren, gäbe es nicht schriftliche Überbleibsel, die Einblicke in das Innenleben der längst Verstorbenen gewähren. Sie sind eine Fundgrube für Schriftsteller. Walter Kempowski (1929–2007) hat jahrzehntelang Briefe und Tagebücher aus den vierziger Jahren gesammelt und damit eine Art Museum des deutschen Innenlebens zu Zeiten des Krieges hinterlassen. Sein monumentales, zehnbändiges "kollektives Tagebuch" Das Echolot war so überwältigend wie erschütternd: Die darin versammelten Lebensdokumente halfen sich angesichts des Schreckens der letzten Kriegsjahre in der Regel mit verlogenen Floskeln und daueraufgekratzter Munterkeit über das Grauen der Zeiten hinweg. Die Wahrheit war das erste und das letzte Opfer des Krieges.

Der Wiener Schriftsteller Arno Geiger, der zuletzt mit einem Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters (Der alte König in seinem Exil) große Resonanz fand, versucht in seinem neuen Roman etwas Ähnliches. Auch er trägt Briefe und Tagebücher aus dem Jahr 1944 zusammen, die eine seelische Innenaufnahme des Kriegsendes ergeben sollen. Doch anders als Walter Kempowski hat er die schriftlichen Nachlässe der Zeitzeugen stark nachbearbeitet, wenn nicht gänzlich erfunden: Sein Kriegsroman Unter der Drachenwand ist eine geniale Authentizitätsfiktion, aus der der Autor sich anschießend so spurlos wie möglich zurückgezogen hat.

Übrig bleiben: der Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, im Jahr 1944 gerade 24 Jahre alt, wohnhaft in der Possingergasse in Wien, schwer verwundet durch Granatsplitter an der Ostfront und auf Genesungsurlaub in Mondsee am Mondsee im Salzburgischen. Die "Reichsdeutsche" Margot aus Darmstadt, frisch verheiratet mit einem Soldaten aus Linz, Mutter eines Säuglings und Nachbarin des Wehrmachtssoldaten in Mondsee, sowie deren Mutter aus dem total zerstörten Darmstadt. Außerdem die "Quartiersfrau" in Mondsee und der "Brasilianer", ihr von Brasilien und der Freiheit träumender Bruder. Ferner eine kinderlandverschickte Mädchenschulklasse im benachbarten Ort samt einer rätselhaft verschlossenen Wiener Lehrerin. Am Rande tritt auf: der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer aus der Possingergasse, dem die Flucht aus Wien zu spät gelingt. Nachdem seine Frau und sein Kind deportiert werden, meldet er sich in Budapest freiwillig zur Zwangsarbeit.

Sie alle lernt man kennen, bevor sie den Kriegsausgang und die Zukunft auch nur ahnen. Im fingierten Originalton der Zeit spricht in der Hauptsache der kriegsverletzte Tagebuchschreiber Veit Kolbe, gelegentlich unterbrochen von dem 16-jährigen Rekruten Kurt aus Wien, der rührende Liebesbriefe an seine 13-jährige Cousine ins Kinderheim am Mondsee sendet. Aus dem Bombenhorror von Darmstadt mischt sich hin und wieder die Mutter von Margot in den Stimmenchor. Die bestürzenden Briefe des jüdischen Zahntechnikers aus Wien sorgen dafür, dass die deutschsprachigen Opfergruppen des vorletzten Kriegsjahres in dem Roman nahezu vollständig vertreten sind – lauter von Krieg und Verfolgung schwer verwundete Seelen, die ihren Nöten in sorgfältig redigierten Schriftstücken Luft machen.

Namentlich der Tagebuchautor Kolbe formuliert so gekonnt neusachlich und unprätentiös, als habe er in Wien ein Schreibseminar an der Schule für Dichtung besucht. In makellos entschlackter und nur hauchdünn mit einer Prise zeittypischer Umstandskrämerei überzuckerter Prosa berichtet er von seiner Verwundung an der Front: "Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt." Und schreibt dann einen langen, mitreißenden Roman lang einfach so entspannt weiter – völlig frei von dem Schutt aus Witzelei und Schwulst, der in der naturtrüben Schriftform der Kempowskischen Originalzeugnisse aus dem Jahr 1945 den Blick auf die wahren Empfindungen verstellte. In der einfühlsamen Zeitzeugen-Simulation durch den 49-jährigen Schriftsteller, der man sich widerstandslos überläßt, verschwindet der historische Sicherheitsabstand, der uns von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts inzwischen trennt, und unbeantwortbare Fragen aus der eigenen Familiengeschichte kommen beim Lesen zurück: Wie haben unsere Eltern und Großeltern das alles aushalten können, ohne seelisch zu zerbrechen?

Auch beim Tagebuchschreiber Kolbe scheint mehr als nur der Unterkiefer und der Oberschenkel zerfetzt zu sein. Er berichtet immer wieder von plötzlich auftretenden Panikattacken, die sich anfühlen, als müsse er unter dem Andrang des Erlebten ersticken. Er hat Furchtbares gesehen, Massenerschießungen von Partisanen, Dörfer in Russland, die man einfach "weggewischt" habe mit "Jung und Alt", bis auf den Schutthaufen zwischen den Leichen nur noch "ein paar zerzauste Hühner" herumgelaufen seien. Damals hat er das so hingenommen, denn er kannte seit Jahren nichts als den Krieg. Erst beim Anblick der nach Mondsee kriegsverschickten Wiener Schulmädchen empfindet er mit voller Wucht die "ganze Traurigkeit" seines Lebens und seiner verpassten Jugend: "Wie weit die Verzerrung des eigenen Wesens schon vorangeschritten ist, merkt man, wenn man wieder unter normale Menschen kommt." Der Amtsarzt in Mondsee verschreibt dem Traumatisierten gegen die unerträgliche Vergangenheit das Aufputschmittel Pervitin. Heilen wird ihn jedoch nicht die Wunderpille der Wehrmacht, sondern die junge Frau aus dem Nachbarzimmer in Mondsee, die ihn zum Abendessen einlädt – der Roman läuft auf eine glückliche Liebesgeschichte hinaus (in einer Nachbemerkung heißt es, die beiden hätten nach dem Krieg geheiratet, die Darmstädterin sei bei Abschluss des Manuskriptes 95 Jahre alt gewesen). "Ich weiß", kokettiert der auf seinen neuerlichen Ostfronteinsatz wartende junge Mann, "es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist. Nimm es oder lass es." Mit solch sentimentalem Understatement wird Arno Geiger zweifellos ein großes Publikum erfreuen.

Doch während an dem Tagebuch schreibenden Wehrmachtssoldaten Kolbe ein halbwegs ambitionierter Wiener Nachwuchsschriftsteller verloren gegangen ist – er nennt sich selbst ein "abgenagtes Stück Herz", vergleicht die "Liebe ohne Sexualität" mit einer "Kerze ohne Docht" und sieht "überall durch die Hülle hindurch das Totengerippe" –, inszeniert Geiger seine Nebenfiguren im Ton glaubhafter Naivität. "Das Gruseln kommt nicht aus einem raus, wenn es Abend wird", schreibt die von allen verlassene Mutter aus dem zerbombten Darmstadt. "Tante Emma und Onkel Georg sind schon acht Tage begraben und sind zu siebzehnt in einem Sarg." Dass die Töchter angesichts der Darmstädter Umstände noch nach Paketen mit dem "Sonntagsmantel", nach "Schleifchen" und "Friseurartikeln" verlangen, empört die gute Frau dermaßen, dass sie sich fragt, "was in Papa und mich gefahren ist, dass wir Kinder bekommen haben". Ihre Briefe aus der total zerstörten Stadt beschließt sie mit dem gut gemeinten Überlebensratschlag, ordentlich viele Zwiebeln zu essen. Die seien gesund.

Im liebevollen Auspinseln solcher kriegsabgewandter Winzigkeiten wie den Zwiebeln, dem abendlichen Bier nach der anstrengenden Gartenarbeit, den Nächten am Plattenspieler im Gewächshaus am Mondsee und vielen anderen vermeintlichen Banalitäten liegt die Stärke des Romans. Und es sind solche safe spaces des Alltäglichen, die eine Teilantwort auf die Frage nach dem seelischen Überleben in Zeiten des Krieges enthalten.

Wollte man überhaupt noch einen Schwachpunkt in dieser eindrucksvoll historisierenden Stimmenimitation suchen, dann wäre es die allzu einhellige Treuherzigkeit seines kriegsbeschädigten Erzählpersonals, das gegen NS-Ideologie und Führerkult vollständig immun ist. Die ungleich schwierigere Innenansicht der Täter, an der sich der ehrgeizige französische Autor Jonathan Littell in seinem Roman Die Wohlgesinnten vor Jahren die Zähne ausgebissen hat, wird vollständig ausgespart. Die Bösen, die Mitläufer, die Nazis haben nur kurze Gastauftritte. Nie sieht man ihnen ins dunkle Herz. Arno Geigers supersympathische schreibende Antifa-Truppe weiß hingegen immer schon vorbildlich darüber Bescheid, wie "wahnwitzig und menschenfeindlich die Firma Blut und Boden" in Wahrheit ist. Romanentscheidend ist dieser Einwand nicht: Arno Geiger ist ein zu erfahrener Autor, um es beim Wunschkonzert des literarisch Bekömmlichen und menschlich Erfreulichen zu belassen. Am Ende, schreibt er, bleibt immer etwas in einem zurück, mit dem man niemals fertigwird.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Hanser Verlag, München 2018; 480 S., 26,– €, als E-Book 19,99 €