Die Geschichte ist natürlich elektrisierend, wegen des Beispiels einer eigentlich beispiellosen moralischen Verkommenheit. Sie besteht in der historisch verbürgten Weigerung des amerikanischen Ölmilliardärs Jean Paul Getty, das Lösegeld von 17 Millionen Dollar für seinen 1973 in Rom entführten Enkel zu zahlen. Um die Größenverhältnisse richtig einzuschätzen: Nach zeitgenössischen Schätzungen belief sich allein das Tageseinkommen des Großvaters auf 1,2 Millionen Dollar. Gegenüber der Presse erklärte der alte Getty indes, er habe 14 Enkel, und wenn er auch nur einen Penny zahle, werde er bald 14 entführte Enkel haben. Daran mochte etwas Richtiges sein, aber das wahrhaft monströse Maß seiner mitleidlosen Habgier zeigte sich doch, als nach Monaten die Entführer ein abgeschnittenes Ohr des Opfers der Presse zuspielten und der Großvater ein schließlich stark ermäßigtes Lösegeld zahlte, das allerdings zu Teilen als Darlehen von den Eltern des Entführten mit vierprozentiger Verzinsung zurückgezahlt werden musste.

So weit die Allegorie des Geizes; man begreift, warum er im christlichen Katalog der Laster als Todsünde geführt wird. Der kanadische Schauspieler Christoph Plummer spielt den bösen alten Mann in Ridley Scotts Film Alles Geld der Welt (Kinostart 15. Februar) mit unglaublicher Präsenz, Energie und Machtallüre. Man bedauert keine Sekunde, dass er für Kevin Spacey eingewechselt wurde, der den Part eigentlich schon gespielt hatte, aber nach dem Bekanntwerden sexueller Übergriffe als Vermarktungsrisiko für den Film galt. Der 59-jährige Spacey hatte, um für die Rolle altersgerecht zu wirken, bis zur Unkenntlichkeit geschminkt werden müssen, während der 87-jährige Plummer das passende Gesicht schon mitbrachte – ein übrigens auch zur Epoche besser passendes Gesicht, ein echtes autokratisches Vorkriegsgesicht, das in die Hippiewelt der siebziger Jahre hineinragt wie eine Versteinerung aus Saurierzeiten.

Nächst Plummers authentischer Mimik und Schauspielkunst ist die Vergegenwärtigung dieses enthemmten Pop-Jahrzehntes, einschließlich seiner modischen Exzesse, Drogenexperimente und linksradikalen Terrorwelten, das größte Verdienst des Filmes. Allein die Autos, die hier noch einmal in den römischen Flanierstraßen parken oder aufheulend beschleunigen, die langschwänzigen Hemdkragen, die Folklorestickereien auf den Sakkos, die Pucci-Muster der Sommerkleider sind ein nostalgisches Fest, eine Zeitreise ins Herz des schlechten Geschmacks. Der Manager, den der alte Getty zur Zahlungsvermeidung und Sachverhaltsermittlung nach Rom schickt, ein ehemaliger CIA-Agent, angemessen blass gespielt von Mark Wahlberg, fährt mit einem der glamourösesten Sportwagen der Zeit – einem Jensen Interceptor, dessen Luxuskarosserie freilich ein ebenso bulliges wie billiges Herz antrieb, ein amerikanischer Großserienmotor.

Auch dies eine befriedigende Allegorie. Aber sonst? Sonst herrscht Langeweile, nach einem furiosen Beginn. Keinesfalls kann das an Michelle Williams liegen, die mit virtuoser Beherrschtheit die Mutter des entführten Jungen spielt: Besser ist der angelsächsische Mantel aus Eis, der über ein heißes Herz gezogen wird, selten vorgeführt worden. Viel wahrscheinlicher liegt es an der schlechten Ausführlichkeit, mit der das Material, als diene es dokumentarischen Zwecken, ausgebreitet wird. Aber was wird dokumentiert? In Wahrheit ja nicht der Fall selbst, sondern nur die Mühe und die Kosten, mit denen Schauplätze, Kostüme und Requisiten einer gründlich vergangenen Epoche rekonstruiert wurden. Alles Geld der Welt, das der Milliardär nicht für die Rettung seines Enkels ausgeben wollte, ist hier in die Ausstattung geflossen. Gewiss nicht verwerflich, aber auch nicht ergreifend.