Wer Macht hat, kann andere warten lassen. Aber nun muss Angela Merkel selbst warten, noch bis zum kommenden Sonntag, wenn andere über ihr politisches Schicksal entscheiden. Es ist nicht das erste Mal, dass die Kanzlerin auf die SPD Rücksicht nehmen muss. So war es schon 2013. Aber damals war Merkel stark, innerhalb der eigenen Partei und auch nach außen, im Ansehen der Bürger. Bei der Bundestagswahl hatten CDU und CSU knapp die absolute Mehrheit verfehlt. Das alles ist heute anders.

Macht sieht man immer nur dann, wenn sie sich bewegt: Wenn sie kommt. Wenn sie ausgeübt wird. Und wenn sie geht. In diesem Sinne ist Merkels Macht gerade live zu erleben – weil sie langsam schwindet.

Durchsucht man die Pressedatenbank von Gruner + Jahr, in der alle großen Zeitungen und Zeitschriften archiviert sind, dann findet man 49 Beiträge über die "Kanzlerinnendämmerung"; 45 Mal wurde über die "Merkeldämmerung" geschrieben. Aber Merkel ist noch da. Sie könnte, wenn es gut für sie läuft, schon im März zum vierten Mal als Bundeskanzlerin im Deutschen Bundestag vereidigt werden. All das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man das Verschwinden ihrer Macht beschreibt. Zumal die Gefahr besteht, eine Entwicklung erst herbeizuschreiben und jenen auf den Leim zu gehen, die wollen, dass Merkels Macht verschwindet. Genauer: dass Merkel verschwindet.

Deswegen sind Indizien so wichtig, kleinere und größere Signale. Und noch wichtiger ist, wer sie sendet. So wie an einem Freitag vor wenigen Wochen.

Auf Abstand gehen

Ein hochrangiges CDU-Kabinettsmitglied hat um ein Treffen gebeten, außerhalb Berlins. Dieser Politiker möchte anonym bleiben, will im Hintergrund sehr offen über die Lage des Landes und die Regierungsbildung sprechen – und wie sich herausstellt: auch über Merkel. Was der Politiker sagt, wäre nicht erstaunlich, würden seine Worte von einem Kritiker der Kanzlerin kommen. Aber diese Person gilt als Weggefährte, sie hat Merkels Entscheidungen und ihre Politik immer unterstützt. Auch im nicht öffentlichen Gespräch. Nun aber sagt der Gesprächspartner: Besser als die nächste große Koalition sei eine CDU/CSU-Minderheitsregierung, weil man sich dann nicht weiter durchwursteln könne. Merkels Regierungsmethode sei an ein Ende gekommen. In der CDU habe die Ausschau nach Nachfolgern begonnen. Die Kandidaten begännen, sich zu positionieren.

Es ist eine Absetzbewegung. Wenn die Macht verschwindet, werden die Großen kleiner – und die Zwerge größer.

Jeder, der in ein demokratisches Amt kommt, weiß, dass die Macht vergänglich ist, dass er sie wieder abgeben und das Amt verlassen muss. Die wenigsten schaffen es, den Zeitpunkt selbst zu bestimmen. Und Bundeskanzler schafften es nie. Konrad Adenauer wurde weggemobbt; Ludwig Erhard wurde als Kanzler nie ernst genommen; Willy Brandts Abschied war schmutzig; bei Helmut Schmidt war es Verrat. Helmut Kohl wurde abgewählt, und Gerhard Schröders Regierung implodierte. In Würde abzutreten ist eine Kunst, die fast niemand beherrscht.