Der erfolgreichste Biathlon-Trainer Deutschlands sitzt an seinem Wohnzimmertisch in Ruhpolding, isst einen Kinder-Pinguin-Riegel und skypt mit seinem Team. Wolfgang Pichler trainiert seit April 2015 die Biathlon-Mannschaft Schwedens, Frauen und Männer. Nach dem Weltcup-Wochenende in Ruhpolding sind sie nach Hause geflogen, Pichler coacht sie aus der Ferne, studiert Pulssequenzen und Trainingsrouten auf dem Laptop. In wenigen Tagen beginnt das Trainingslager, am 31. Januar geht’s nach Südkorea. "Nach jetzigem Stand ohne mich", sagt der 62-Jährige.

DIE ZEIT: Herr Pichler, Ihnen wurde die Akkreditierung für die am 9. Februar beginnenden Olympischen Spiele entzogen, weil Sie als ehemaliger Trainer der russischen Biathletinnen unter Verdacht stehen, Teil eines der größten Dopingskandale der Sportgeschichte zu sein.

Wolfgang Pichler: Das ist eine Farce! Ich bin Opfer eines Komplotts. Ich verabscheue Doping. Sollte an der Geschichte was dran sein, dann habe ich ganz gewiss davon nichts gewusst, das verspreche ich bei bestem Gewissen.

ZEIT: Zwei der von Ihnen von 2011 bis 2014 betreuten Athletinnen, Olga Saizewa und Jana Romanowa, wurden im Dezember vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) lebenslang für Olympia gesperrt. In den vergangenen Monaten sind alle verfügbaren Urinproben, die bei den Spielen 2014 in Sotschi von russischen Athleten genommen wurden, erneut analysiert worden. Davon ergaben 36 Fälle einen Dopingverdacht. Als Konsequenz dürfen 25 russische Athleten nie mehr bei Olympia starten. Zusätzlich wurde das Russische Olympische Komitee (ROC) von den Spielen in Südkorea suspendiert. Und Sie wollen von alldem nichts mitbekommen haben?

Pichler: Natürlich stand Russland nach den schwachen Leistungen bei den Winterspielen 2010 unter massivem Druck. Und natürlich dachte ich hin und wieder: Die planen irgendwas. Aber das hat ja nicht mich persönlich betroffen.

ZEIT: Laut dem Untersuchungsbericht über das System von Staatsdoping in Russland von 2011 bis 2016 sollen bei den Spielen in Sotschi Dopingproben russischer Athleten mithilfe des Inlandsgeheimdienstes ausgetauscht und manipuliert worden sein.

Pichler: Mir ist schon klar, dass das wie aus einem Hollywoodfilm klingt.

ZEIT: Der ehemalige Chef des russischen Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow, sagt, er habe jeden Abend eine Liste mit den Namen der Athleten erhalten, deren Proben getauscht werden sollten. Er persönlich sei nach Mitternacht in ein Labor gegangen ...

Pichler: ... und habe durch ein Loch in der Wand die Dopingproben der betreffenden Athleten erhalten, ich weiß. Ich verfolge das natürlich genau.

ZEIT: Er erzählt, wie er den Urin in die Toilette gekippt, die Fläschchen ausgespült und getrocknet und anschließend sauberen Urin hineingefüllt habe. Bis zu hundert schmutzige Tests seien so vernichtet worden.

Pichler: Nach drei Jahren intensiver Auseinandersetzung mit Russland kann ich mir das mit dem Loch in der Wand sogar vorstellen – auch wenn ich Ihnen schwöre, davon nichts gewusst zu haben.

ZEIT: Rodschenkow ist als Kronzeuge mittlerweile nach Los Angeles geflüchtet, weil er in Russland um seine Sicherheit fürchtet.

Pichler: Auch das kann ich mir vorstellen. Zwei seiner Kollegen sollen an plötzlichem Herztod gestorben sein. Das kann einem schon Angst einjagen.

ZEIT: Laut Rodschenkow lief die Mission, Medaillen durch Doping zu gewinnen, im Herbst 2013 an. In den sechs Monaten vor Olympia habe er sich wöchentlich mit Vertretern des russischen Ministeriums getroffen, behauptet er. Geholfen habe der russische Geheimdienst FSB. Er habe einen Dopingcocktail aus drei leistungssteigernden Substanzen entwickelt, der den Sportlern verabreicht worden sei. Also genau in dem Zeitrahmen, als Sie die Russinnen trainierten. Das soll komplett an Ihnen vorbeigegangen sein?

Pichler: Wenn das wirklich so gewesen ist, warum flog denn keine meiner Athletinnen bei den zahlreichen offiziellen Kontrollen auf? Dann müsste ja schon die internationale Anti-Doping-Agentur Wada involviert gewesen sein und die positiven Proben vernichtet haben.