Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Deniz Naki ist ein 28-jähriger kurdischer Fußballspieler.

Er wurde in Deutschland geboren, fing beim FC Düren mit dem Fußball an, spielte anschließend für Vereine wie Bayer Leverkusen und FC St. Pauli, ging dann in die Türkei und wurde Kapitän bei Amedspor.

Am vorletzten Wochenende wurde er bei Aachen, wo er auf Familienbesuch war, in seinem Auto beschossen. Zwei Kugeln trafen Nakis Wagen in voller Fahrt auf der Autobahn in Fenster und Reifen. Naki stand Todesängste aus. Die Täter sind flüchtig.

Es handelte sich dabei nicht um den ersten Angriff auf den Kapitän von Amedspor. Mehrfach wurde versucht, Deniz Naki bei Auswärtsspielen zu lynchen. Für Worte, die er gesagt hatte, wurde er verprügelt, ausgebuht, gescholten und bestraft.

Ein Blick auf Amedspor hilft, die Bedeutung des aktuellen Attentats hinsichtlich der Türkei besser zu verstehen. Der Club stammt aus Diyarbakır. "Amed" ist der kurdische Name der Stadt, der jahrelang verboten war. Die vormalige "offizielle" Fußballmannschaft von Diyarbakır war ein staatliches Projekt. Mit dem Ziel, junge Leute von politischen Organisationen fernzuhalten und für Integration der Region in den westlichen Landesteil zu sorgen, wurde der Verein zu Beginn der 2000er Jahre in die erste Liga gepusht. Doch die staatliche Unterstützung nützte nicht viel, der Club stieg wieder ab. Unterdessen gelangte in der Saison 2012/13 ein anderes Team aus der Stadt in die zweite Liga: Es nannte sich "Amedspor" und trat mit einem Logo in den traditionellen kurdischen Farben an. Organische Unterstützung vom Staat gab es diesmal nicht, deshalb stand die Bevölkerung von Diyarbakır viel stärker hinter ihrem Team. So entstand das "Barcelona der Türkei".

Doch wie die Geburt der Mannschaft war auch ihr Aufstieg schmerzhaft. Trat Amedspor bei Auswärtsspielen außerhalb der kurdischen Provinzen im Westen des Landes an, gab es rassistische Slogans. Dem Team wurden Hotelzimmer verweigert, die Spieler wurden bei Matches wie Terroristen behandelt und von Zuschauern attackiert, die auf den Platz stürmten. Teamchefs der Mannschaft wurden mit Tritten und Schlägen von der Ehrentribüne gejagt. In der Presse wurde die Mannschaft zum "Terrorunterstützer" erklärt. Um den Namen des Vereins nicht in den Mund nehmen zu müssen, sagten Sportreporter einfach nur "die da" und "jene". Kapitän Naki wurde für zwölf Spiele gesperrt, weil er in einer Friedensbotschaft auf Twitter "ideologische Propaganda" gemacht habe. Neue Transfers zu Amedspor sind unmöglich, weil Spieler sich fürchten.

Auf der anderen Seite trugen all die Repressalien der Mannschaft in den heimischen Provinzen umso mehr Respekt ein. Genau wie Barcelona wurde Amedspor zum Symbol für ein Volk, für Widerstand, und erfährt breite Unterstützung.

Amedspor ist also mehr als ein Fußballverein und Deniz Naki mehr als ein Fußballspieler. In diesem Zusammenhang ist die Attacke in Deutschland zu sehen.

Ein anderer Aspekt ist die Behandlung, die Naki nach dem Anschlag in Deutschland erfuhr. Der berühmte Fußballer erklärte der türkischen Redaktion der Deutschen Welle, nach dem Anschlag sei sein Handy konfisziert worden, sein Vater, sein Bruder und ein Freund hätten aussagen müssen, er selbst wurde neun Stunden lang vernommen. "Sie fragten mich, welche Partei ich in der Türkei wähle und ob ich der PKK nahestehe." Fragen, wie die türkische Polizei sie im Allgemeinen stellt, auch von der deutschen Polizei zu hören, muss ihn erstaunt haben. Denn Naki vermutete nationalistische türkische Gruppen in Deutschland hinter dem Anschlag. Hätten statt seiner nicht die Verdächtigen verhört werden müssen?

Die Schüsse weckten die Sorge, es könnte sich hierbei um den Start der seit einiger Zeit erwarteten Anschlagskampagne auf Erdoğan-Gegner in Deutschland handeln. Man wird sich erinnern, Ende letzten Monats meldete der Abgeordnete Garo Paylan in der Türkei, auf einige Autoren und Intellektuelle in Europa, speziell in Deutschland, seien Attentate geplant. Auf Paylans Warnung hin nahm die türkische Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, in Deutschland stellten die Sicherheitsbehörden mutmaßlich im Visier stehende Personen unter Schutz.

Allerdings liegt auf der Hand, dass das Problem nicht lösbar ist, indem man alle Zielpersonen einzeln schützt. Abhilfe schaffen kann nur, mutmaßliche Attentäter, die sich in Deutschland rüsten und organisieren, strenger zu überwachen und Erdoğan aufzufordern, die Hand, die er da nach Europa ausstreckt, zurückzuziehen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe