Facebook versucht in diesen Tagen wieder einmal, die ganze Welt per Software-Update zu verändern, zum Guten natürlich – und damit zugleich Milliardengewinne zu sichern. Das erste Ziel ist ehrbar, das zweite wenigstens legitim. Zusammen ergeben sie leider eine schwer verdauliche, um nicht zu sagen unverträgliche Melange.

Was ist geschehen? Mark Zuckerberg, der Gründer und Vorstandschef des sozialen Netzwerks, hat große Veränderungen ankündigt, um sein Unternehmen "zu reparieren". Vor allem will er die relative Gewichtung von persönlichen und allgemeinen Nachrichten verändern. Wies er bisher seine Programmierer an, Facebook solle gleichermaßen die Nachrichten von Freunden, Medien und anderen Institutionen zeigen, Hauptsache, sie seien für den Benutzer wichtig und interessant, sollen künftig vor allem persönliche Nachrichten von "Freunden" eine Rolle spielen.

"Wenn wir soziale Netzwerke nutzen, um mit jenen Menschen verbunden zu sein, die uns am Herzen liegen, dann kann das gut für unser Wohlbefinden sein", schreibt Zuckerberg dazu. Man fühle sich weniger allein, und das trage langfristig zu Glück und Gesundheit bei, Studien würden das bestätigen. Schlicht und schön klingen diese Worte. Etwas Verlogenes hat die Aussage trotzdem. Sie gibt nur einen von mehreren Gründen wieder, warum Zuckerberg seinen Algorithmus so drastisch verändern will.

Was der Vorstandschef nicht ausspricht: Facebook hat im vergangenen Jahr einen kaum wiedergutzumachenden Image-Schaden erlitten. Erst griffen russische Propagandisten auf Facebook unbehelligt in den Wahlkampf der USA ein. Dann fand das Unternehmen kein rasches Gegenmittel gegen die generelle Verbreitung von Falschnachrichten und Lügen auf der Plattform. Und bis heute haben rechtspopulistische Medien und Parteien mehr Reichweite in dem sozialen Netzwerk als allgemein im Netz.

Das liegt nicht zuletzt an einer Eigenart von sozialen Netzwerken: Sie wirken wie ein Brutkasten für negative Emotionen, für Wut und Hass. Die verbreiten sich schneller und weiter und werden dadurch wirkmächtiger, als sie es anderswo wären. An rechten Bewegungen ist das genauso zu beobachten wie an dramatischen Einzelfällen, in denen Bürger gemobbt, bedrängt und bedroht werden.

Angesichts dieser Entwicklungen muss Mark Zuckerberg fürchten, dass Regierungen stark in sein Lebenswerk eingreifen werden. Und dass sich Werbekunden abwenden, weil sich das Umfeld für deren Anzeigen verdüstert.

Es ist, als wolle Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Zeit zurückdrehen

In Europa hat das Unternehmen bereits eingelenkt und akzeptiert, dass gegen Hassrede und Hetze kein Software-Update hilft, dass man Menschen nicht durch automatische Systeme zivilisieren kann, sondern nur durch Menschen. Folgerichtig hat Facebook ganze Scharen von modernen Streetworkern eingestellt, die nichts anderes tun, als auf die Nutzer von Facebook mäßigend einzuwirken, indem sie jene Beiträge löschen, die andere maßlos verletzen oder gegen Gesetze verstoßen. Wie aber bei allem menschlichen Handeln geschehen dabei Fehler, das stach jedem, der sehen konnte, ins Auge, als zunächst ein Posting des Satiremagazins Titanic und nun auch Beiträge der bekannten Street-Art-Künstlerin Barbara gelöscht wurden. Und dennoch ist es der richtige Weg, einen öffentlichen Raum zu befrieden.