Was hat man sich denn erwartet von Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache? Eine neue Republik? Die wird es nicht geben – weder eine, die den Sozialstaat zerstört und Grundrechte mit Füßen tritt, noch eine, die das Land aus den Fesseln der Zauderer und Bürokraten in die Freiheiten einer offenen Demokratie führt. Die Regierung hat mit biederer Berechenbarkeit begonnen: da die angekündigten Rückschritte, die Wutbürger zufriedenstellen sollen – von den Rauchern bis zu den Autofahrern, die eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern für eine unzumutbare Freiheitsberaubung halten; und dort Steuersenkungen, die – natürlich – nur denen etwas bringen, die Steuern zahlen, also nicht den Armen.

Die Regierung setzt den Kurs fort, den Kurz, im Wahlkampf vorgegeben hat: viel Fassade und wenig Substanz. Alles ist glatt, und die Regierungsparteien haben sich zu einer Bussi-Bussi-Familie vereint. Doch wie das bei Familien so ist – hinter der Harmonie lauern Abgründe.

Die neue ÖVP hat gewonnen, weil sie die FPÖ imitiert hat. Und wer will es den Freiheitlichen verdenken, dass sie nicht auf Dauer im Schatten des noch strahlenden Kanzlers stehen will?

Das Jahr 2018 freilich wird beiden Regierungsparteien guttun. Bei den Landtagswahlen kann die FPÖ nur gewinnen, und die ÖVP wird so viel vom Kurz-Effekt mitnehmen, um die Ergebnisse als Erfolg verbuchen zu können. Doch ab 2019 wird es anders werden. Dann beginnen die Mühen der Niederung, dann beginnt – wie das in einer ähnlichen Situation Andreas Khol im Jahr 2000 ausgedrückt hat – der Marsch durch die Wüste Gobi.

Die Durststrecke wird nicht mehr, wie 2000 und danach, durch einen internationalen Boykott geprägt sein. Das Europa der Union hat sich verändert. In den Visegrád-Staaten sind die FPÖ-Regierungsmitglieder willkommen. Die Mühen des Regierens werden durch die innere Widersprüchlichkeit der Koalition bestimmt. Die Freiheitlichen sind durch die Wut derer, die sich als Verlierer von Globalisierung und Europäisierung sehen, an die Regierung gekommen. Die "soziale Heimatpartei" kann mit einem Rückbau des Sozialstaates die Interessen ihrer Klientel auf Dauer nicht befriedigen.

Die ÖVP ruft nach weniger Staat, die FPÖ kann aber genau das nicht wollen

Der schon aufgebrochene Konflikt um Beate Hartinger-Klein ist ein Vorbote dessen, was kommen wird: Die FPÖ-Sozialministerin, von der Regierungsspitze unter Kuratel gestellt, steht für den Anspruch ihrer Partei, in Fragen der Sozialpolitik die bessere Sozialdemokratie zu sein. Und Hartinger-Klein könnte darauf pochen, dass ihr als Ministerin niemand Vorschriften machen kann – nicht der Bundeskanzler, nicht der Vizekanzler. Die geschriebene Verfassung macht jeden Minister souverän und ungebunden. Das freilich reibt sich mit der Realverfassung, die auf den Parteienstaat baut. Der entspricht auch dem Interesse von FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich sein Lebensziel, endlich zu regieren, nicht von einem grundsatztreuen Mitglied der eigenen Regierungsfraktion stören lassen will.

Der Konflikt um die Sozialministerin ist ein Vorbote dessen, was kommen wird: Die "neue" ÖVP will weniger Staat. Die dank ihres populistischen Oppositionskurses in die Regierung gelangte FPÖ kann aber ebendas nicht wollen.