DIE ZEIT: Wie lange malen Sie eigentlich schon, Herr Baselitz?

Georg Baselitz: Na, ich bin Maler geworden, weil ich etwas anderes gar nicht hätte werden können. Ich war ein schlechter Schüler, ein ganz schlechter Schüler. Und als ich anfing zu glauben, ich sei Künstler, wurde ich noch schlechter, obwohl meine Eltern beide Lehrer waren. Das war dann für mich wie ein Schutzschild, ich musste gar nicht besser werden, ich war einfach Künstler, mit acht, neun Jahren schon.

ZEIT: Was war das für Sie damals: ein Künstler?

Baselitz: Der Künstler war der Leibhaftige.

ZEIT: Ein Teufel?

Baselitz: Ja, mir kam es jedenfalls teuflisch vor, als ich eines Tages einen glatzköpfigen, dicken Mann mit Staffelei sah, der zwei uralte Eichen gleich bei unserem Haus malte. Er malte sie keineswegs so, wie sie waren, sehr expressiv, Ruisdael-Eichen, sondern auf eine neusachliche Weise, auf einem kleinen Brett.

ZEIT: Und was hat Sie daran so beeindruckt?

Baselitz: Er hat sich überhaupt nicht darum geschert, wie die Welt wirklich aussieht, sondern hat eingegriffen und sie völlig abgeändert.

ZEIT: Der Künstler als jemand, der etwas macht, das man eigentlich nicht machen darf.

Baselitz: Ja, das hätte ich damals nicht so formulieren können, aber ich habe es so empfunden. Wenig später habe ich dann einen Volkshochschulkurs besucht, bei einem jungen Mann, der wie Schmidt-Rottluff zeichnete. Das war ein Künstler, wie man ihn liebt: vital und romantisch und laut und verrückt. Der hatte das Schicksalhafte und das Individuelle, was zum Künstler gehört. Ich habe jedenfalls versucht, es ebenso zu machen wie mein Lehrer, ich wollte mich da einfühlen. Damals hatte ich noch nicht diese revolutionäre Idee.

ZEIT: Welche Idee?

Baselitz: Wenn man eine Zeichnung macht in der Schule, brav, wie man ist, und der Lehrer sagt, nee, nee, so geht das nicht – dann war das so ein Moment, in dem bei mir der Widerstand einsetzte. Und das ist bis heute so geblieben.

ZEIT: Es treibt Sie ein Widerspruchsgeist?

Baselitz: Ja, ich bin völlig unvernünftig. Eigentlich wie alle Künstler, die gute Kunst machen.

ZEIT: Gilt es das eigentlich heute noch? Mir kommt es so vor, als sei der Künstlertyp, von dem Sie sprechen, der Berserker, der Wüterich, der geniale Künstlerheld, im Grunde ausgestorben.

Baselitz: Ja, das stimmt leider, die Künstler haben sich heute in die Unfreiheit begeben, freiwillig. Sie haben sich angepasst.

Georg Baselitz - Verkehrt herum genau richtig Wer selbstgefällig ist, sollte sich die Werke von Baselitz ansehen, findet Siegfried Gohr. Im Video erzählt der Kurator, warum jeder den deutschen Maler kennen sollte. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

ZEIT: Wobei ja zugleich gerade die kritische und politische Kunst sehr populär ist.

Baselitz: Das ist in meinen Augen kein Widerspruch. Wenn sich heute ein Künstler beispielsweise mit Guantánamo beschäftigt, das irgendwie nachstellt, mit Pappfiguren oder wie auch immer, dann ist das politische Kunst und zugleich eine Form von Anpassung.

ZEIT: Anpassung woran? Viele Künstler wollen ja dezidiert die Verhältnisse kritisieren.

Baselitz: Ja, das wollen sie vielleicht. Doch sind die Künstler zu Interpreten innerhalb dieses Staates geworden, sie bewegen sich innerhalb seiner Gesetzmäßigkeit, und diese Gesetzmäßigkeit lässt keine wahre Opposition zu. Einst folgten die Künstler dem, was die Kirche ihnen befahl, heute folgen sie dem, was die Demokratie befiehlt. Damit aber geht das verloren, was Kunst wichtig macht: der Widerspruch.

ZEIT: Die Demokratie als Befehlsgeber? Eher ist es doch für Künstler deshalb heute schwieriger, eine kritische Außenseiterposition zu beziehen, weil die Gesellschaft in den vergangenen Jahren viel aufgeschlossener und liberaler geworden ist.

Baselitz: Zum Glück ist das eine Täuschung.