Mein Zahnarzt kümmert sich wirklich rührend um seine Patienten. Sogar ein Aquarium hat er in sein Wartezimmer gestellt – eine Studie ergab, das beruhige. An der Decke über den Behandlungsliegen hängen impressionistische Bilder. Manchmal erzählt mein Arzt mir von zahnmedizinischen Erkenntnissen, sogar das Wort "faszinierend" fällt dabei. Ich mag ihn. Einmal aber habe ich mich über ihn geärgert. Ich hatte online seine Öffnungszeiten gesucht und war beim Ärzteportal Jameda auf sein verwaistes Profil gestoßen. "Dieser Arzt hat leider noch kein Porträt hinterlegt", stand da, anstelle eines Fotos. Stellt Aquarien auf, aber um ein Profilbild hochzuladen, ist er zu faul, dachte ich. Kein Wunder, dass er keine einzige Bewertung hat!

Wer einen Arzt googelt, landet mit guter Wahrscheinlichkeit auf Jameda. Hier finden Patienten nicht nur Adressen und Öffnungszeiten von Praxen, sondern auch Bewertungen. Groß prangt neben dem Namen des Arztes seine Gesamtnote. Hat er einen Einser-Schnitt, ist die Note grün hinterlegt, ab einer Drei warnend gelb, ab einer Fünf rot. Zur schwierigen Suche nach dem richtigen Arzt gehört die Angst, an den falschen zu geraten. Da kommt ein Ärzteverzeichnis mit Noten und Ampelfarben genau richtig.

Hinter einem Symbol, das wie ein Gütesiegel aussieht, ist hingegen eine Information versteckt, die man schnell übersehen kann: Es gibt zwei Klassen von Ärzten. Solche, die Jameda jeden Monat zwischen 59 und 139 Euro überweisen für ein "Premium-Paket", zu dem auch gehört, dass ihr Profil mit einem Foto versehen wird. Jameda nennt sie "Kunden". Und es gibt solche, die nicht zahlen ("Nicht-Kunden"). Zu Letzteren gehört mein Zahnarzt. Jameda betont, das Premium-Paket habe "keinen Einfluss auf die Bewertungen" des Arztes "oder seinen Platz in den Jameda-Ärztelisten". Eine Datenanalyse der ZEIT anhand von 3770 benoteten Einträgen zeigt jedoch ein anderes Bild.

Kurioser Befund: Ärzte, die zahlen, scheinen auch eher ihre Profile zu manipulieren

Jameda ist kein kleines Start-up. Das Unternehmen gehört zum Medienkonzern Burda, mit Funktionen zur Terminvereinbarung oder für Videosprechstunden ist es zu einem Mittler in der Gesundheitsversorgung geworden. "Deutschlands größte Arztempfehlung" nennt Jameda sich selbst. Unumstritten waren Bewertungsportale für Ärzte nie. Bislang ging es vor allem darum, ob sich Ärzte ausreichend gegen ungerechtfertigte Bewertungen wehren können. Kaum beachtet wurde, ob die Systemarchitektur und das Geschäftsmodell der Plattformen Resultate generieren, die für den Patienten irreführend sind. Insbesondere wenn sie dabei – wie Jameda oder die Konkurrenten Sanego oder Ärzte.de – zahlende und nicht zahlende Ärzte vermischen.

Wir haben die Profile von rund 6.500 Ärzten zusammengetragen (siehe Kasten). 3770 von ihnen waren von Patienten benotet worden. Diese Noten werten wir aus, außerdem, wie viele Bewertungen sie erhalten hatten, wie oft ihr Profil aufgerufen worden war, ob Jameda selbst die Bewertungen als unverdächtig für Manipulationen eingestuft hatte. Und natürlich gehörte zur Auswertung, ob diese Ärzte für ein Premium-Paket bezahlt hatten.

Eins sticht gleich heraus bei den Gesamtnoten und der Anzahl der Bewertungen: Die Durchschnittsnote der Ärzte, die Jameda Geld zahlen, lautet in unserer Stichprobe (auf die sich auch alle folgenden Zahlen im Text beziehen) 1,2, jene der Nicht-Zahler lediglich 1,7. Das klingt nicht dramatisch. Aber weil Patienten überwiegend Einser-Noten verteilen, sind Einser-Schnitte auf Jameda üblich. Mit einer 1,7 landet ein Arzt gerade mal im hinteren Mittelfeld. Und jeder vierte nicht zahlende Arzt hat sogar eine Durchschnittsnote zwischen Zwei und Vier, während kaum ein zahlender Arzt unter Zwei landet. Enorm ist die Diskrepanz bei der Anzahl der Bewertungen, an der sich Patienten ebenfalls orientieren: Zahlende Ärzte haben durchschnittlich 46, nicht zahlende 14 Bewertungen.

Wie kommt das zustande? Ärzte, die Jameda Geld zahlen, erhalten ein paar Zusatzfunktionen, etwa das Profilfoto. Es erscheint bereits in den Suchergebnissen und hebt sie deutlich hervor. Außerdem wird mit dem Porträtfoto ihr Eintrag auf den Profilseiten nicht zahlender Ärzte beworben. Zahlende Ärzte haben im Schnitt 2,5 Mal mehr Profilaufrufe. Und Jameda schreibt uns selbst, dass dies "… mit dem Foto zusammenhängt". Vehement bestreitet das Unternehmen allerdings, dass mehr Profilaufrufe und die Premium-Funktionen auch zu mehr Bewertungen führen – die damit eben doch käuflich wären. "Es gibt viele Kunden mit vielen Bewertungen, was damit zusammenhängen dürfte, dass diese Ärzte aktiv auf ihre Patienten zugehen und um Bewertungen bitten", erklärt Jameda. "Auch unter Nicht-Kunden gibt es Ärzte mit sehr vielen Bewertungen, die vermutlich ähnlich vorgehen, aber insgesamt dürfte es mehr Kunden geben, die dies tun, als Nicht-Kunden." Das ist zwar möglich, aber spekulativ. Vor allem ist es kein Beleg für die Behauptung, das Premium-Paket habe keinen Einfluss.