Fast jeder kennt die Regensburger Domspatzen, die Wiener Sängerknaben oder den Dresdner Kreuzchor. Aber nur wenige können auf Anhieb einen berühmten Mädchenchor nennen. Warum ist das so? Es liegt sicherlich nicht daran, dass Jungen mehr Interesse am Singen haben als Mädchen – gemischte Chöre haben oft große Schwierigkeiten, die männlichen Stimmen zu besetzen. Die Hauptursache für die Dominanz der Knabenchöre ist die Tradition.

Ein großer Teil der Chormusik ist sakraler Natur, und früher durften Frauen unter Berufung auf den Apostel Paulus ("... sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen") in der Kirche nicht singen. Die hohen Stimmen wurden oft von Kastraten übernommen, bis Papst Pius X. 1903 diese makabre Praxis verbot. Die Tradition der Knabenchöre aber ging weiter. Deren Leiter stehen vor der Aufgabe, die Stimmen durch harte Übung zur Perfektion zu bringen, bevor mit spätestens 14 der Stimmbruch eintritt (manchmal übernehmen die älteren Jungen dann tiefere Stimmen). In Mädchenchören besteht dieser Zeitdruck nicht, dort können auch noch Teenager mitsingen, die Chöre klingen generell "älter" als die engelsgleichen Knabenchöre.

Aber könnte man generell gleich alte Mädchen mit den Jungen in den Chören singen lassen? Es gibt soziale Argumente dafür, Jungen und Mädchen zu trennen und ihnen sozusagen einen gleichgeschlechtlichen Schutzraum zu bieten. Klanglich sprechen kaum Gründe dafür: Es ist umstritten, ob man die Stimmen von Mädchen und Jungen vor dem Stimmbruch überhaupt unterscheiden kann. Die Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke hat Untersuchungen dazu zusammengetragen – die Erkennungsquote bei Blindversuchen beträgt etwa 60 Prozent. Die Überhöhung der angeblich "reineren" Knabenstimmen ist reine Ideologie, die "Wiener Sängerkinder" klängen nicht zwingend schlechter als die Wiener Sängerknaben.

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