München im Herbst 1923. Der aufstrebende Bierkeller-Agitator Adolf Hitler hat sich mit seinem inneren Kreis in den Redaktionsräumen des Völkischen Beobachters in der Schwabinger Schellingstraße einquartiert. Die antisemitischen Krawallparolen des Parteiorgans der NSDAP werden bereits in täglich 30.000 Exemplaren verbreitet, die Hakenkreuz-Bewegung ist zumindest an der Isar schon bedrohlich angewachsen. In wenigen Wochen werden Hitler und seine Weggefährten versuchen, die Macht gewaltsam an sich zu reißen. Ihr Putsch wird allerdings im Kugelhagel der Polizei zusammenbrechen.

An diesem Oktobertag sind die Umsturzfantasien jedoch noch Zukunftsmusik. Gerade empfängt Hitler einen Besucher, den er für einen Emissär des italienischen Diktators Benito Mussolini, seines heimlichen Vorbildes, hält. Diesem Gesinnungsfreund will er Werden und Wesen seiner Weltanschauung näherbringen. Wie so häufig verliert er sich in langatmigen Tiraden. Was Hitler in seinem Furor aber nicht ahnt: Sein Gesprächspartner ist gar kein römischer Faschist, sondern ein jüdischer Kommunist aus Wien auf Undercover-Mission.

Die Einschleichrecherche ist der größte Scoop in der Karriere des Leo Lania. Der heute weitgehend vergessene Reporter, Schriftsteller, Drehbuchautor und Theaterdramaturg war eine der schillerndsten Figuren der publizistischen Szene der Weimarer Republik. Besonders mit seinen Reportagen, damals eine journalistische Königsdisziplin, machte er von sich reden. Er leuchtete die Hintergründe der Hitler-Verschwörung in Bayern aus, deckte die schmutzigen Deals der Waffenschieber auf, die in ganz Zentraleuropa faschistische Milizen belieferten, oder berichtete von der touristischen Geschäftemacherei auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich, während zugleich die Milliarden an deutschen Reparationszahlungen in dunklen Kanälen versickerten, anstatt in den Wiederaufbau der verwüsteten Landschaften zu fließen. Die Beiträge des umtriebigen Vielschreibers – er behauptete, nachts nur drei Stunden Schlaf zu benötigen – finden sich in der gesamten linken und liberalen deutschsprachigen Presse jener Jahre, von der Berliner Wochenzeitschrift Weltbühne über das Prager Tagblatt bis zur Arbeiter-Zeitung in Wien. Sein journalistisches Selbstverständnis verlangte nach investigativer Schnüffelei. Ein Reporter habe "Chirurg" zu sein, "er muss schneiden", forderte er: "Kein ästhetisches Gewerbe: Schmutzaufwirbler ist die ehrenvolle Bezeichnung, die Amerika für diese reinste und eigentliche Form der Reportage gefunden hat." Lania war ein publizistischer Tausendsassa, ungeheuer sprunghaft, betätigte sich in zahlreichen Metiers und hinterließ, wohl weil er überall und nirgends zugleich war, kaum dauerhafte Spuren. Mit einer ausführlichen Biografie aus der Feder des Medienwissenschaftlers Michael Schwaiger und der Wiederveröffentlichung eines der Romane, die Lania im Exil verfasste, will nun der Wiener Mandelbaum Verlag einen außergewöhnlichen Protagonisten der Zwischenkriegszeit in Erinnerung rufen.

Als der vermeintliche Abgesandte der italienischen Faschisten tagelang in den Räumen des Völkischen Beobachters ein und aus geht, hat Lania, obwohl erst 27 Jahre alt, bereits eine bewegte Laufbahn im Mediengewerbe hinter sich. Der als Lazar Hermann in Charkow geborene Sohn eines Chirurgie-Professors und einer jüdischen Kaufmannstochter aus Wien übersiedelt nach dem frühen Tod des Vaters in die Heimatstadt seiner Mutter, die dort eine zweite Ehe mit einem Kunstmaler eingeht. Der Stiefvater bringt ihm sozialistische Ideen nahe, hält ihn zur Lektüre der Arbeiter-Zeitung an. Noch während der Kriegsjahre – Lania dient als Artillerie-Leutnant an der italienischen Front – gelingt es ihm, erste Texte in dem roten Parteiorgan zu veröffentlichen; als Pseudonym dient ihm der Kosename, mit dem ihn die Mutter als kleinen Buben gerufen hatte. Zwar verehrt er die sozialdemokratischen Patriarchen, doch in den Wirren der Republiksgründung findet er sich plötzlich in den Reihen der kleinen Kommunistischen Partei wieder. Mit einer Handvoll Genossen schafft er es, täglich das achtseitige Parteiorgan Rote Fahne herauszubringen. Es ist das einzige kontinuierliche kommunistische Presseprodukt im deutschsprachigen Raum. Er ist Leitartikler, Lokalreporter, außen- und innenpolitischer Redakteur in einer Person. Die Redaktion ist in einem unbeheizten Kellerloch unterhalb der Druckerei untergebracht.

Die Kommunisten sind in den Anfangsjahren der Ersten Republik wenig mehr als eine politische Sekte, gleichviel wogen heftige Richtungskämpfe zwischen den Anhängern einer "Offensiv-" und einer "Defensivtheorie", heute würde man sagen: zwischen Fundis und Realos. Lania legt sich in der Parteizeitung mit den Hitzköpfen an und erntet für seinen Appell an die revolutionäre Geduld sogar ein Lob von Lenin höchstpersönlich. "Überaus klar, kurz und bündig, auf marxistische Art" sei Lanias Analyse, urteilt die oberste rote Autorität – wenn auch nur in einer Fußnote.

Hitler hatte etwas vor ihnen voraus: den Glauben an sich, einen abnormen Größenwahn.

Vorläufig dominieren allerdings in Wien noch die Radikalos, und Lania beschließt, der ewigen Debatten müde, den Schauplatz zu wechseln. Mit seiner Frau Lucy, einer Bauerntochter aus dem Marchfeld, wagt er "den Sprung ins Ungewisse" und zieht nach Berlin. Die Stadt ist zu diesem Zeitpunkt ein Hexenkessel, in dem Moden und Meinungen brodeln. Mittendrin versucht sich Lania als freier Journalist über Wasser zu halten, und wenn wie so oft die Honorare nicht reichen, putzt er als Hausierer für Bleistifte die Klinken. Zeitweise betreibt er sogar eine eigene Nachrichtenagentur, um das Monopol der beiden dominierenden Korrespondentenbüros, die entweder staatsnah sind oder sich im Schoß des völkischen Pressetrusts befinden, zu brechen. Trotz anfänglicher Erfolge geht die ambitionierte Meldungsbörse im Strudel der Hyperinflation unter.