Es ist halb fünf morgens, stockfinster und kalt. Von einem Parkplatz im Wald aus brechen mehr als dreißig Leute langsam zu einer Wanderung auf. Es soll zur Raschötz hinaufgehen, einem Höhenzug in den Südtiroler Dolomiten. Einige stolpern im Dunkeln herum und fluchen vor sich hin: über die funzelige Stirnlampe, den lästigen Rucksack, die frostige Nacht. Spaß geht anders. Aber auf Spaß kommt es ja auch nicht an. Was zählt, ist das Bergpanorama. Zu Sonnenaufgang wollen die meist ungeübten Wanderer oben bei besserer Aussicht lernen, wie man ein erfolgreiches Landschaftsfoto hinbekommt. Eines, das im Fotonetzwerk Instagram viele Likes sammelt.

Landschaftsfotos werden auf Instagram millionenfach gepostet, kommentiert und mit Herzchen versehen. Jedenfalls eine bestimmte Art von Fotos: Bilder von kühlen, klaren Bergseen, in denen sich die umstehenden Hänge spiegeln, Bilder von Felsgraten, die aus dem Nebel ragen, Bilder von tiefgrauen Wolken über gestaffelten Hügelketten voll dunklen Nadelwalds. Inmitten der weit aufgespannten Szenen ist oft ein einsamer Wanderer auszumachen, allein mit der Natur, oder ein einzelnes Kajak oder ein einzelnes Zelt jenseits der Baumgrenze.

Die Fotos zeigen jeweils ein schönes Stück Land, halten aber nebenbei auch ein schönes Stück Reise fest. Sie erzählen von aufregenden Ausflügen in die Wildnis, von einer fast meditativen Auszeit fernab der Menge. Der Instagram-Rahmen verspricht Authentizität: Hier posten Menschen, die wirklich da draußen unterwegs sind, sich treiben lassen, Zeit haben. Und fast automatisch träumt man sich als Betrachter selbst in die Szene hinein: Wie schön wäre es, jetzt da im Kajak zu sitzen! Von diesem Felsvorsprung hinab ins neblige Tal zu blicken! Sein eigenes Zelt mitten in die Einsamkeit zu stellen!

Typische Aufnahme des Fotografen-Netzwerks German Roamers, hier aus Island © Maximilian Münch, aus dem Buch "German Roamers - Deutschlands neue Abenteurer" unseres Verlages (DuMont Reiseverlag)

Maximilian Münch ist mit solchen Fotos zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Sein Instagram-Profil hat eine halbe Million Follower, viele seiner Bilder bekommen mehr als 20.000 Likes und Hunderte Kommentare. Münch gehört zu den German Roamers, einem Club von 14 deutschen Outdoor-Fotografen zwischen 17 und 27 Jahren, deren Name sich vom Englischen to roam, "durchstreifen", ableitet. Ihr gemeinsamer Instagram-Kanal hat knapp 240.000 Abonnenten, die einzelnen Mitglieder zählen zwischen 100.000 und 1,1 Millionen Follower.

Eigentlich studiert Münch, 25, Musikproduktion in Berlin, bloß fehlt ihm mittlerweile die Zeit für die Abschlussprüfung. Zu Hause ist er nur noch wenige Tage im Monat, wenn überhaupt. In den vergangenen drei Jahren hat er 44 Länder besucht, 22 davon allein im vergangenen Jahr. Er lebt inzwischen vom Reisen, besser gesagt: von den Fotos, die er auf Instagram von seinen Reisen teilt – weil Tourismusverbände, Auto- und Kamerahersteller, Reiseveranstalter und Fluglinien ihn wegen seiner Reichweite um die ganze Welt schicken.

Heute Morgen ist Münch im Auftrag von Gröden Marketing unterwegs. Nach der Wanderung durch den dunklen Wald wird er am Berg einen kurzen Workshop geben. Der Tourismusverband des Grödnertals möchte über Instagram die "Burning Dolomites" bewerben. Im Herbst erglühen die sonst eher bleichen Berge unter einer speziellen Sonneneinstrahlung braungelbrotorange. Um leuchtende Aufnahmen der "brennenden Dolomiten" möglichst weit zu streuen, hat Gröden Marketing Instagrammer und Reise-Blogger eingeladen, die über ihre Kanäle Zehn- oder gar Hunderttausende erreichen.

Als die German Roamers 2015 zusammenkamen, gab es im deutschsprachigen Raum außer ihnen kaum Landschaftsfotografen auf Instagram. Mittlerweile haben sie eine eigene Bildsprache geprägt – und eine Menge Nachahmer zu ähnlichen Aufnahmen inspiriert. Unter dem Hashtag #weroamgermany finden sich mehr als 300.000 Bilder von Leuten, die den Roamers stilistisch nacheifern. Viele davon träumen womöglich von einer ähnlichen Karriere: Wer fotografiert wie ein German Roamer, hat vielleicht bald ähnlich viele Follower und kann sich dann die eigene Reiserei ebenso gut bezahlen lassen.

In jedem Fall hat so ein Trend Einfluss auf die zukünftige Reiseplanung. Eine britische Versicherungsfirma hat kürzlich sogenannte Millennials befragt, Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren, und dabei herausgefunden, dass für 40 Prozent der Befragten die Wahl eines Urlaubsziels entscheidend davon abhängt, ob dieses auch "instagrammable" sei. So gesehen, stellen die Fotografen der German Roamers Bild für Bild hervorragende Urlaubsziele ins Netz.