Zwischen den Songs Kleiner Penis und Sex After Death, während einer Probe zu Rosa von Praunheims Lebensrevue, erfasst die Zuschauerin ein kleines Glücksgefühl.

Es ist das Glücksempfinden über den Künstler als Katalysator, über Rosa von Praunheim, den Menschenzusammenbringer. Im karierten Hemd sitzt der 75-Jährige im Probenraum des Deutschen Theaters zwischen seinen Mitarbeitern. Gelassen und frohgemut blickt er auf die Bühne und liest an der einen oder anderen Stelle laut vor, was in seiner Revue noch fehlt: "Da kommt jetzt ein Ausschnitt aus dem Film Meine Oma hatte einen Nazipuff."

Die Freude entsteht durch die subversive Kraft dieses Künstlerlebens, das sich da auf der Bühne entfaltet. Praunheims autobiografisches Stück Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, von ihm geschrieben und in den vergangenen Monaten gemeinsam entwickelt mit dem Schauspieler Božidar Kocevski und dem Musiker Heiner Bomhard, ist im wahrsten Sinne eine Revue: ein Reigen der Lieben, Freundschaften, Seelenverwandtschaften, sexuellen Begegnungen. Eine wütende, lustige, obszöne Reise durch ein gelebtes Leben, flankiert von Filmausschnitten und Musik: Nachkriegsjahre, Coming-out, Sex auf öffentlichen Toiletten, der Kampf gegen den Paragrafen 175, die enthemmten siebziger Jahre in Berlin und New York, Aktivismus gegen die gesellschaftliche Verdrängung von HIV und, damit verbunden, die Outing-Kampagne der achtziger Jahre.

Wenn Praunheim mit dem Beleuchter leise die Tonlagen der Aufführung bespricht, scheint er so fern zu sein von dem Menschen, der auf Berliner Empfängen und roten Teppichen mit exzentrischen Kostümen und Hüten auftritt. Fast scheint es, als wolle er mit den Auftritten seine Courage und seinen Ernst camouflieren: Praunheim hat 1971 als Erster den Kuss zwischen zwei Männern ins deutsche Fernsehen gebracht. In dem Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt sezierte er das Versteckspiel der Schwulen in ihrer Subkultur. Es war der Beginn der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung.

Als er Prominente wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek im Zuge des Kampfes gegen HIV outet (beide haben ihm verziehen), wird Praunheim zur berüchtigten Person ("Pfui Rosa!", titelte die Bild-Zeitung). Doch als Künstler blickt er in mehr als achtzig Filmen über schwule Belange hinaus. Ganz selbstverständlich macht er Genderpolitik, als noch niemand weiß, was das ist. Es geht ihm schlichtweg um das Andere, das unsere gewohnte Blickrichtung durchkreuzt – in Gestalt von missbrauchten Boxern, fragilen Tunten oder exzentrischen älteren Frauen, die ihre Sexualität längst nicht aufgegeben haben. Offensiv scheinen seine Filme einen Satz des französischen Philosophen Michel Foucault zu illustrieren: "Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist."

Schauen wir also mit dem Blick eines Zuschauers am Deutschen Theater auf Praunheims Revue. Es gibt ein, gelinde gesagt, größeres Aufkommen der Worte Schwanz und ficken. Es gibt Obszönitäten und Kalauer ("Ein Hoch auf den Analverkehr! Eng ist ein dehnbarer Begriff"), exaltierte Tanzeinlagen, aber auch melancholische Szenen und Vignetten. Etwa über Existenzängste eines Menschen und Künstlers jenseits der siebzig: "Wie lange werde ich noch Filme machen können? Wie lange werde ich in meiner Wohnung bleiben können?" Božidar Kocevski und Heiner Bomhard schenken sich auf der Bühne nichts, sie spielen präzise, auch im Exzess, tragen Glitterfummel, Bayerntracht, Horrorkostüm. "Die beiden sind mein Glück", sagt Praunheim. "Ich bin ja darauf angewiesen, dass sie mir etwas vorschlagen, weil ich kein Theaterinszenierer bin." Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern Selbsteinschätzung. Beide Darsteller habe er schon für die Hauptrolle in seinem nächsten Film verpflichtet: ein dokumentarisches Drama über einen Berliner Darkroom-Serienmörder.

Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht scheint schier zu platzen von der Lebensenergie des Holger Bernhard Bruno Mischwitzky, der am 25. November 1942 unter der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis von Riga geboren und im Alter von einem Jahr adoptiert wurde. Als junger Mann geht Holger nach Berlin, wo er zu Rosa wird. Er studiert Malerei und dreht mit seiner geliebten Tante Luzi und einem Stricher namens Dietmar einen Liebesfilm, den Susan Sontag camp genannt hätte. Die Bettwurst, eine schrille Übersteigerung heterosexueller Paarbeziehungen, erobert die Underground-Szenen von Berlin, Paris, London, New York.

Ein paar Tage später. Zu Besuch in Rosa von Praunheims Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Leicht chaotisch wirkende Räume voller Regale. An der Wand hängen Rosas Gemälde: Farbenfrohe, comichaft stilisierte, auch hintersinnige Szenen mit Tieren, Menschen, erfundenen Wesen. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet Rosa von Praunheim: "Gerade leide ich unter weichem Stuhl und unter Schwitzanfällen, heute morgen habe ich den Sport abgebrochen. Ich bin ja Hypochonder und denke natürlich sofort, das sei jetzt was Schlimmes." Die Besucherin bekommt den Sessel in der Mitte des Wohnzimmers zugewiesen. Zu Beginn sieht sie sich den legendären Praunheimschen Fragen ausgesetzt: nach ihrem Sexleben, ihren Beziehungen, ihrer Arbeit. Und weil Rosa so freundlich und natürlich fragt, als gehe es um das Wetter, antwortet man offen und stellt ihm wiederum Fragen, die er ebenso offen beantwortet. Etwa nach seinem eigenen Sexleben. Oder nach seinen Freundschaften mit älteren vitalen Frauen. "Es gibt bei mir eine grundsätzliche Solidarität mit älteren Frauen, die ja sexuell nicht ernst genommen werden. Die erste bedeutende Frau in meinem Leben war die Halbjüdin Nora, Gräfin Stolberg zu Stolberg, die ich mit 17 Jahren kennenlernte. Ihr Vater war im KZ umgekommen. Wir tanzten nächtelang nach der Melodie von Strangers in the Night. Und auch mit Lotti verband mich eine wunderbare Freundschaft." Fünf Filme drehte Rosa von Praunheim mit Lotti Huber, der von den Nazis im KZ internierten jüdischen Varietékünstlerin. Durch Praunheim wurde die kleine Frau mit den großen Augen und dem Dutt zum Fernsehstar und zum Maskottchen des schwullesbischen Lebens in Berlin.