Eigentlich, ja eigentlich geht doch alles schon recht flott an diesem Wintermorgen auf dem Gelände des Baustoffherstellers Kemmler in Tübingen. In der Morgensonne verladen Gabelstaplerfahrer Ziegelsteine, Kacheln und anderes Baumaterial auf Laster; innerhalb von Sekunden bewegen sie tonnenschwere Paletten.

Sascha Füseler ist all das aber noch nicht schnell genug. In seinem verglasten Büro oberhalb der Gabelstapler arbeitet der Leiter des Kemmler-Online-Shops gerade an Plänen, die Arbeit noch effizienter zu gestalten. Ginge es nach Füseler, erhielten alle Mitarbeiter iPads und loggten sich bei Slack ein, der Online-Plattform des gleichnamigen amerikanischen Unternehmens. Dank Slack hätten die Gabelstaplerfahrer ihre Kollegen immer bei sich – ganz virtuell. Sie würden dann noch schneller erfahren, was sie für den nächsten Kunden verladen müssen; und könnten noch einfacher erfragen, in welchem Hochregal noch mal der Fugenspachtel lagert.

Slack funktioniert dabei ganz ähnlich wie Messengerdienste à la WhatsApp, nur bietet es mehr: Mitarbeiter können in offenen und geschlossenen Kanälen miteinander kommunizieren, und sie können schnell das komplette Archiv aus Nachrichten und Dateien durchsuchen. Slack verspricht seinen Nutzern außerdem, aus ihrem Verhalten zu lernen und ihnen die für sie relevantesten Inhalte anzuzeigen – in einem Unternehmen wie Kemmler mit 1.100 Mitarbeitern sammelt sich ja schnell viel an. Ein Großteil seiner Mitarbeiter nutzt Slack schon, die letzten 300 will Füseler nun auch dazu kriegen. Und die Kosten? Etwa 60.000 Euro zahlt das Unternehmen jährlich an Slack.

Bei Slack laufen die Geschäfte bestens: Sechs Millionen Menschen nutzen Slack täglich, Anfang 2015 waren es noch 750.000. Dass sich die Software rasant wie ein Virus verbreitet hat, erklärt sich aus ihrer Funktionsweise: Wer einmal damit arbeitet und kommuniziert, ist geneigt, auch andere dafür zu begeistern – zumal Slack in einer Grundversion für kleine Teams nicht einmal Geld kostet. Hat man sich einmal daran gewöhnt, ist der Ausstieg schwer und die Verlockung groß, für etwas Geld die Version für größere Teams mit allen Funktionen zu abonnieren. Zwei Millionen zahlende Kunden hat Slack bereits, unter anderem das US-Innenministerium und die Harvard-Universität. Investoren bewerteten das Unternehmen zuletzt mit fünf Milliarden Dollar – nur fünf Jahre nach seinem Start.

Slack und andere treten an, um den Arbeitsalltag radikal zu verändern

Diese Urgewalt des Silicon Valley trifft nun auf ein Unternehmen, das 2015 seinen 130. Geburtstag feierte. Aber Kemmler ist genau die Art mittelständischer Betrieb, die Slack für sich gewinnen muss, um Deutschland in seinen nächsten großen Wachstumsmarkt zu verwandeln. Welch enormes Potenzial Mitarbeiter-Apps für den Mittelstand entwickeln könnten, zeigt allein schon eine Zahl: In Deutschland gibt es über drei Millionen kleine und mittelständische Betriebe.

Diese Firmen sind es, die Slack richtig Geld bringen können. Noch aber sind es eher Start-up-Unternehmer, die Slack nutzen. Und die nutzen eben meist die kostenlose Version der App.

Das Virus namens Slack, es hat sich in Deutschland schon verbreitet, bevor das Unternehmen den deutschen Markt offiziell in Angriff nahm. Erst im Herbst vergangenen Jahres führte es eine deutsche Version ein, außerdem eine spanische, eine französische und eine japanische. Gegenüber der ZEIT bestätigte Slack, dass man in Deutschland bereits über 360.000 Nutzer verfüge und eine Niederlassung eröffnen wolle. "Deutschland ist für uns ein echter Fokusmarkt, das Echo war großartig", sagt Johann Butting, der bei Slack für die Expansion in Europa, Nahost und Afrika zuständig ist.