Der Rebell ist jetzt ganz oben angekommen, dort, wo ihm die Parteiheiligen über die Schulter schauen. In seinem Büro im zweiten Stock des Willy-Brandt-Hauses klingelt pausenlos das Telefon, Journalisten, Genossen, Sympathisanten – alle wollen etwas von ihm, dem Kopf der No-Groko-Kampagne. Also ist Kevin Kühnert unters Dach der SPD-Zentrale geflüchtet, sitzt direkt unter einem emblematischen Foto, auf dem Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner zusammenglucken, und scrollt auf seinem Smartphone durch 600 ungelesene Mails. Im Minutentakt treffen neue ein. Durchziehen, weitermachen, richtig so! – das ist der Tenor der Stimmen, die Kühnert, wie er sagt, aus der ganzen Breite der Partei erreichen. Der Ungehorsam gegen die Führung, der Widerstand gegen die Pläne des Partei-Establishments und die Subversion gehören zum Jobprofil eines Juso-Vorsitzenden. Genau wie das ehrenvolle Scheitern nach großem Kampf. Als Kühnert das hört, lächelt er süffisant und sagt: "Dieses Mal nicht."

Nervös die einen, in wildem Furor die anderen, dazwischen die Ratlosen, so steuern die deutschen Sozialdemokraten auf den Tag der Entscheidung zu.

An diesem Sonntag wird ein Sonderparteitag in Bonn beschließen, ob die SPD mit der Union über eine Wiederauflage der großen Koalition verhandeln soll oder nicht. Mit jeder Stunde, in der die Abstimmung näher rückt, schwillt die Empörung der Kritiker zu einem Choral der Verbitterung an: keine Bürgerversicherung, kein höherer Spitzensteuersatz, kein Familiennachzug, kein SPD-Leuchtturmprojekt, keine Aussicht auf Besserung. Wo ist die "neue Politik", wo der "neue Stil", wo das versprochene "Kein Weiter-so", mit dem Martin Schulz seine Partei für das Bündnis mit CDU und CSU einnehmen wollte? Das fragen Kühnert und Abertausende anderer Genossen nach den Ergebnissen der Sondierung.

Nun kündigen sich große Entscheidungen in der SPD stets durch noch größere Empörungswellen an – und am Ende steht dann doch das Ja der Basis zum Wunsch der Spitze, so wie beim Mitgliederentscheid zur Groko 2013. Alles SPD-Folklore also? Mitnichten. Denn in den Köpfen zahlreicher Sozialdemokraten macht sich eine Überzeugung breit, die ein Nein möglich machen könnte: Der weitere Absturz, der ihnen durch die Vermeidung von Neuwahlen erspart bliebe, würde sie in den nächsten regulären Wahlen umso heftiger treffen. Die vermeintliche Rettung besiegelt den Untergang.

Befürworter wie Gegner der großen Koalition reisen nun quer durch die Republik, um auf Delegiertenkonferenzen, Landesvorstandssitzungen und Landesparteitagen für ihre jeweilige Position zu werben.

Neu ist, dass sich der gewöhnlich diffuse Unmut der Basis organisiert hat: In der No-Groko-Tour von Juso-Chef Kühnert und in einer Veranstaltungsreihe der Parteilinken findet er einen Fluchtpunkt. Neu ist zugleich, dass sozialdemokratische Traditionslinke den Medien als attraktiv erscheinen. Dass Hilde Mattheis, die sich seit Jahren fern aller Scheinwerfer und weitgehend vergebens am äußeren linken SPD-Flügel verkämpft, noch einmal das Interview des Tages im heute journal geben würde, dürfte sie selbst kaum erwartet haben. Und dass ihr danach sogar Groko-Befürworter einen starken Auftritt attestieren, ebenfalls nicht.

Dagegen stecken die Anhänger der Regierungsperspektive in einem selbst verschuldeten Dilemma. Sie müssen nun jene Erzählung dementieren, die sie noch am Wahlabend im Brustton tiefsten Widerwillens vorgetragen haben: Die Groko ist Schuld am Elend der SPD.