Wir leben in einer Welt der Maximalforderungen. Niemand gibt mehr nach. Nicht. Einen. Millimeter. Egal. Um. Welchen. Preis. Die Sondierungsgespräche zur Jamaika-Koalition sind ja auch an der mangelnden Bereitschaft gescheitert, einander entgegenzukommen.

Schlimm. Aber wenig überraschend. Kompromisse sind nämlich aus der Mode. Die Werbung, stets feinfühliger Seismograf gesellschaftlicher Wertvorstellungen, weiß das längst. Warum sonst werden so viele Produkte als kompromisslos angepriesen? Kein Fahrrad ohne kompromisslosen Fahrspaß, kompromisslose Technologie bei Küchengeräten, kompromissloses Design bei Sonnenbrillen. Schlimmer sind nur Herrenhemden! Achten Sie mal drauf, wie oft in der Werbung von "Hemden ohne Kompromisse" die Rede ist. Das kann kein Zufall sein. Olymp verkauft kompromisslose Hemden, Roy Robson, Casa Moda und Edward Copper auch, Manufactum preist so die Marke Drake’s an. Selbst die Herrenhemden von "Opel Arbeitskleidung" (ja, das gibt es!) versprechen "hochseriösen Look ohne Kompromisse". Damenblusen werden übrigens fast nie als kompromisslos beworben, falls Sie das interessiert.

Kleider machen Leute, aber Kleider setzen Leute auch unter Druck. Christian Lindner war auf den FDP-Wahlplakaten im weißen Hemd zu sehen. Ein schwerer taktischer Fehler, weil ihm so jedes Abweichen von den Maximalforderungen seiner Partei unmöglich geworden war. Denken Sie nur an die Schlagzeilen: Er trug ein kompromissloses Hemd, war ansonsten aber sehr entgegenkommend. Jamaika musste platzen. Lindners Parteifreund Wolfgang Kubicki drohten sogar die frischen Hemden auszugehen. In höchster Not forderte er seine Frau öffentlich auf, ihm neue Hemden zu bringen, was diese aber verweigerte. Die Folgen sind bekannt, das Land hat Schaden genommen. Die Hemden sind schuld. Es ist alles ein großes Drama.