Die Bibermühle im schweizerischen Ramsen nur als einfaches Antiquariat zu bezeichnen ist wohl eine der größten kulturgeschichtlichen Untertreibungen der Gegenwart. Tatsächlich birgt das schlossartige Landgut mit der Jahreszahl 1529 über dem Hauptportal eine der bedeutendsten Schatzkammern Mitteleuropas. Es ist der Wallfahrtsort für Sammler illuminierter Handschriften aus Mittelalter und Renaissance wie auch für Liebhaber der frühesten gedruckten Bücher. Und der gewissenhafte Hüter dieser Schatzkammer ist Heribert Tenschert.

Der Antiquar nimmt zwei großformatige Prachtbände in die Hand, die gerade in seinem eigenen Verlag erschienen sind – rechtzeitig zur Antiquariatsmesse Stuttgart, die an diesem Wochenende zum wichtigsten deutschen Marktplatz für Sammler von Handschriften, Drucken und Büchern wird. In dem Doppelband mit dem Titel Paris mon amour stellt Eberhard König, ehemaliger Professor für Kunstgeschichte an der FU Berlin, 25 Stundenbücher vor, die in der Zeit zwischen 1385 und 1460 in Paris entstanden sind. Viele von ihnen sind der Forschung bis heute unbekannt.

"In diesen Katalogen fehlt so gut wie kein großer Name der Pariser Buchmalerei", sagt Tenschert. Das gelte beispielsweise für Conrad von Toul, den "Meister der Münchner Legenda Aurea", aber auch für Haincelin de Haguenau, den "Bedford-Meister". Beide sind großartige Maler. Die sichere Identifizierung ihrer Werke machte teils jahrelange detektivische Recherchen nötig. "Die französische Nationalbibliothek besitzt etwa 50 aus Paris stammende Stundenbücher", sagt Tenschert. Er selbst hat 65 aufgespürt. Darunter befindet sich auch ein Stundenbuch, das der französische König Ludwig XII. zwischen 1503 und 1508 für Katharina von Aragon, die nachmalige Frau des englischen Königs Heinrich VIII., herstellen ließ und das für die damalige Zeit überraschend bilderreich ist. Es enthält sechzig ganzseitige Miniaturen. Rund drei Viertel dieser Bücher seien noch immer bei Privatsammlern zu finden.

Dass solche Trouvaillen manchmal zehn bis 15 Jahre bei ihm bleiben, bevor er sie zum Kauf anbietet, liegt nicht an der Liebe des Antiquars zu seinem Bestand. "Ich bin ein enzyklopädisch denkender Mensch", erklärt er. "Ich möchte immer warten, bis ich genug Exemplare für einen neuen Themenkatalog zusammen habe. Wäre ich ein Milliardär, würde ich wahrscheinlich gar nichts verkaufen, sondern kleine Museen zu besonderen Aspekten der Buchkunst gründen und dorthin stiften." Weil er aber längst nicht so reich ist, ist verkäuflich, was er in seinen Katalogen veröffentlicht und in der Remise seines Antiquariats an der deutsch-schweizerischen Grenze zeigt. Eine Ausnahme stellen nur Tenscherts ganz private Sammlungen dar, die Werke von Rabelais, Montaigne und Karl Kraus umfassen.

Für Bibliophile sind die 90 von ihm herausgegebenen wissenschaftlichen Kataloge längst eigene Sammelobjekte geworden. Provenienzforschung, die lückenlose Suche nach der Herkunft der angebotenen Werke, betreibt er seit dreißig Jahren. Seine eigene Referenzbibliothek umfasst rund 150.000 Bücher, darunter befinden sich auch zahlreiche Inventare und Sammlungskataloge aus dem 17. bis 21. Jahrhundert. Wer heute ein ernsthaftes Interesse an historischen Manuskripten hat, kommt an Tenschert nicht vorbei: Schätzungsweise vier Fünftel des weltweiten Angebots in diesem Marktsegment gehen durch seine Hände. Zwischen 225.000 und 250.000 Bücher aus verschiedensten Bereichen lagern in seinen klimatisierten und penibel gesicherten Lagern.

Seit Heribert Tenschert 1977 in Rotthalmünster seine Tätigkeit als Antiquar begann, zieht sich neben der ästhetischen auch eine formale Maxime durch seine Arbeit: "Ich kaufe und verkaufe nie Einzelblätter. Mir geht es immer darum, die möglichst makellose vollständige Handschrift zu bekommen", sagt er. "Als Napoleons Soldaten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert fürchterlich gewütet und Manuskripte auseinandergenommen haben, begann diese Form des kulturellen Vandalismus, der alle ästhetischen Zusammenhänge zerstört. Er dauert bis heute an." Wenn Tenschert dann allerdings auf ein Manuskript wie jenes Stundenbuch stößt, das um 1430 vom Bedford-Meister und von Conrad von Toul bearbeitet wurde, übernimmt er es auch, obwohl acht Blätter im Kalender und drei im weiteren Verlauf des Stundenbuches verloren gegangen sind. Ein wohl etwa um 1425 entstandenes, hervorragend erhaltenes Stundenbuch mit 20 großen Miniaturen für Jean Troussier, den "Procureur géneral" der östlichen Bretagne, wird nun in Stuttgart für 880.000 Euro auf der Antiquariatsmesse angeboten.

In Deutschland, sagt Heribert Tenschert, habe es um 1900 und dann bis in die siebziger Jahre hinein bedeutende Manuskriptsammler gegeben. Inzwischen werde dieses Gebiet trotz des guten Angebotes kaum mehr geschätzt: "Die Sammler sitzen heute in Frankreich, in der Schweiz und in den USA." Künstlerisch entflammbar seien sie, beobachtet der Antiquar seit vielen Jahren: "Wenn sie etwas kaufen, steht dahinter nicht der Gedanke des Investments, sondern die schiere, reine Freude an der Schönheit." Museen seien nur selten unter seinen Kunden: aus Geldmangel, aber auch, weil es dort kaum mehr Spezialisten für diese Werke gebe.

Er selbst hat derzeit schon den nächsten Katalog in Vorbereitung. Nach dem zweiten Teil von Paris mon amour wird im März im Verlag der Bibermühle ein Katalog mit 600 Nummern zur Buchillustration der Romantik zwischen 1825 und 1875 erscheinen. Und wieder, verspricht Heribert Tenschert, "alle mit Originalzeichnungen, schönstmöglichen Einbänden und in bester Erhaltung. Etwas anderes wäre für mich nicht denkbar."