Sie kommen aus Toronto, New York, Chicago und Los Angeles, aus Kopenhagen, London und Paris. Die Direktoren von zwölf führenden Naturkundemuseen treffen sich in dieser Woche in Berlin. Ihre Mission: Sie suchen nach einer gemeinsamen Strategie, um einem globalen Phänomen entgegenzutreten, dem dramatischen Artenschwund. Gastgeber Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, kann zum Gipfeltreffen zunächst stolz eine andere Dynamik präsentieren: das Wachstum seines fast 130 Jahre alten Hauses. Alte Sammlungssäle mit insgesamt 5.000 Quadratmeter Grundfläche sollen bald wieder mit Leben gefüllt werden – viele von ihnen waren noch immer schwer kriegsbeschädigt. Vogel schwärmt von Mitmachlaboren, von gläsernen Präparationswerkstätten, von Robotern, die vollautomatisch Insekten und anderes Getier bestimmen und erfassen sollen. Das Museum für Naturkunde soll zum Museum "für Natur" werden, zu einer offensiv politischen Einrichtung.

DIE ZEIT: Erfinden Sie gerade das Museum neu?

Johannes Vogel: Das Museum erfindet sich selbst neu. Es wird dynamisch, demokratisch und streitbar.

ZEIT: Die Begriffe klingen noch ein wenig nach Floskeln aus einer Regierungserklärung.

Vogel: Trotzdem umschreiben sie, wie wir nach innen sein müssen, damit wir so auch nach außen wirken können.

ZEIT: Ihre Besucher sollen nicht nur hereinkommen und sich bilden, sondern danach hinausgehen und etwas verändern. Wie soll das gehen?

Vogel: 2016 hatten wir 800.000 Besucher, der Spitzenwert unter allen Berliner Museen. 100.000 davon haben aktiv an Programmen teilgenommen. Darunter versteht man in den meisten Museen pädagogische Angebote für Kinder. Wir haben 60.000 Erwachsene zum Mitmachen bewegt. Das bedeutet: Zwei Prozent der Berliner Bevölkerung haben hier im Museum mit uns über die Zukunft von Berlin, die Zukunft Deutschlands, die Zukunft der Welt geredet; etwa über die Frage, ob man Gentechnik einsetzen darf, um Krankheitsüberträger wie die Malaria-Mücke auszurotten.

ZEIT: Aber Sie setzen auch weiter auf klassische Ausstellungen. Viel bestaunt ist Ihre Biodiversitätswand, vier Meter hoch, zwölf Meter breit, bestückt mit 3.000 Arten. Gehört Überwältigung zum Konzept?

Vogel: Die Wand überwältigt unsere Gäste nicht, es passiert sogar genau das Gegenteil. Die Besucher bleiben lange vor dieser Wand stehen. Sie reden miteinander, sie zeigen sich einzelne Exponate, stellten Verbindungen her. Die Wand inspiriert zu einer eigenen Auseinandersetzung mit Biodiversität. Sie erzeugt damit eher Nähe als überwältigende Distanz.

ZEIT: Im Eingangsbereich des Museums steht noch eine andere Biodiversitätswand. Sie haben Hunderte recycelbare Einwegkameras an die Berliner verteilt und sie gebeten, ihr Leben mit der Natur, die sie umgebende Natur zu fotografieren. Was ist dabei herausgekommen?

Vogel: Bilder von blühenden Gärten und von Gehwegfugen, aus denen das Gras quillt. Idylle und Tristesse. Die Bilderwand zeigt nicht nur die Vielfalt der Natur in der Stadt, sondern auch die Vielfalt der Menschen und ihrer Perspektiven. Das ist uns wichtig. Wir laden die Besucher ein, mit uns hier im Museum über die Zukunft der Welt zu reden. Aber wir müssen auch in ihre Welt gehen, um ihnen dort, in ihrem direkten Umfeld, in ihrem Alltag Natur nahezubringen.

Es waren wissenschaftliche Laien, die im Sommer 2017 mit einer erschreckenden Nachricht die Naturschutzdebatte in Deutschland für Monate bestimmten. Die Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld fangen Jahr für Jahr Insekten an definierten Orten in definierten Fallen. Ihr Befund: Von 1982 bis 2017 ist die Biomasse der Insekten an den untersuchten Orten um etwa drei Viertel geschrumpft.

ZEIT: Naturkundemuseen sind angetreten, die Vielfalt des Lebens zu sammeln, zu strukturieren, zu bewahren. Warum sind wir bei der Frage, wie viele Insekten es noch gibt, auf die Arbeit von Laien angewiesen?

Vogel: Wenn wir in Deutschland noch einen Weckruf gebraucht haben, dann war es wahrscheinlich dieser. Es waren die Amateure, nicht die Naturschutzbehörden, nicht die Universitäten, nicht die Naturkundemuseen, die uns klargemacht haben, dass uns die belebte Mitwelt wegbricht. Das zeigt ein Problem – und gleichzeitig die Lösung: Wir werden die Biodiversitätskrise nur überwinden, wenn wir wissenschaftliche und gesellschaftliche Antworten finden. Wir brauchen Forscher – und Bürger.