Der amerikanische Glaube an die eigene Besonderheit – American Exceptionalism – hat viele Bedeutungen. Eine lautet: Herkunft ist kein Schicksal. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass das Fehlen jeglichen Erbadels oder Kastensystems in den USA dafür gesorgt hat, dass der familiäre Hintergrund der Bürger ihre wirtschaftlichen Chancen weniger stark einengt als in anderen Ländern.

Doch die Zeiten sind lange vorbei. Heute ist die soziale Mobilität, die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg, in den USA nicht größer als in anderen entwickelten Ländern. Wenn wir die Chancen, dass ein in den untersten 20 Prozent der Einkommensverteilung geborenes Kind die obersten 20 Prozent erreichen wird, als Maß für soziale Mobilität nehmen, dann folgt das land of opportunities, also das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten, in einigem Abstand auf Dänemark und Kanada.

Das hat reale Folgen, ohne die Donald Trump womöglich nie Präsident geworden wäre. Er gewann die Wahl 2016 auch mit dem Slogan, das Land wieder großartig zu machen: Make America great again. Endlich gab es einen Kandidaten, der die Wahrheit sagte. So jedenfalls muss es sich in vielen Teilen des Landes angefühlt haben.

Aufstiegschancen hängen auch vom Wohnort ab

Nein, es gibt auch heute kein Kastensystem. Aber es gibt einen anderen Hemmschuh für wirtschaftliche Aufstiegschancen: den Wohnort. Während der Amerikanische Traum in manchen Gegenden schon lange ausgeträumt ist, ist er in anderen höchst lebendig. Donald Trump gewann die Wahl, weil er sich an die Teile der Nation wandte, die nach keinem Maßstab mehr großartig sind.

Die wirtschaftliche Chancenungleichheit ist weniger durch die Globalisierung zu erklären als durch die Automatisierung, in der sich Technologie zunehmend als eine Form von Kapital zeigt, die Arbeit ersetzt. Praktisch jede hoch entwickelte Volkswirtschaft – auch die der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands – musste starke Arbeitsplatzverluste im mittleren Einkommensbereich verkraften. Zurück bleiben die Arbeiter. Empirische Studien zeigen, dass im Zuge des Stellenrückgangs in diesem Segment Millionen von Arbeitnehmern in schlecht entlohnte Dienstleistungstätigkeiten gewechselt oder ganz aus der Erwerbsbevölkerung ausgeschieden sind. Daron Acemoglu und Pascal Restrepo vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) etwa fanden heraus, dass jeder computergesteuerte Roboter die Nettobeschäftigung um drei bis sechs Stellen reduziert hat. Derweil führen die sinkenden Preise der Datenverarbeitung zu einer steigenden Nachfrage nach gut ausgebildeten Wissensarbeitern und damit zu einer Ausweitung der einkommensstarken Arbeitsplätze. Der Titel eines Buchs von Maarten Goos und Alan Manning, Lousy and Lovely Jobs ("Miserable Jobs und Traumjobs"), bringt die Konsequenzen der Automatisierung für den Arbeitsmarkt auf den Punkt: Es gibt Gewinner und Verlierer. Um es mit Charles Murray, einem konservativen amerikanischen Kritiker, zu sagen: Nachdem Amerikaner, die früher der Mittelschicht angehörten, zu einem Teil der new lower class, der neuen Unterschicht, geworden sind, ist auch eine neue Oberschicht (new upper class) entstanden, deren Fähigkeiten durch den "steigenden Marktwert von Gehirnen" eine Aufwertung erfuhren.

Die neuen amerikanischen Ober- und Unterschichten leben in verschiedenen Städten

Diese Entwicklung spaltet Amerika, denn sie führt auch zu kognitiver Segregation. Denn die neuen Ober- und Unterschichten leben überwiegend in verschiedenen Städten. Sie trennen Welten. Das liegt daran, dass Technologiefirmen ihre Zelte oft in Gegenden aufschlagen, in denen sie sich aus einem größeren Reservoir ausgebildeter Arbeitskräfte bedienen können. Vor der Computerrevolution der achtziger Jahre waren diese Tätigkeiten über den ganzen Kontinent verstreut. Es ist unbestreitbar, dass die Computertechnologie den Wohlstand von Orten mit einem höheren Anteil an akademisch ausgebildeten Arbeitskräften vergrößert hat: Die räumliche Konzentration von Amerikas geistigen Eliten ist ohne die räumliche Konzentration der Technologiebranche nicht zu erklären. Meine eigenen Forschungen mit Thor Berger von der schwedischen Universität Lund zeigen, dass die Tendenz der Computerindustrien, sich in Städten wie San Francisco, San José und Seattle zu konzentrieren, die wichtigste treibende Kraft der kognitiven Segregation gewesen ist.

Während die Technologiestädte im Computerzeitalter prosperierten, waren andere mit einem Brain-Drain – einer Abwanderung ihrer Intelligenz – säkularen Ausmaßes konfrontiert. Das Auseinanderdriften zwischen den Technologiestädten und dem Rest des Landes wurde verschärft durch die Automatisierung und die technologiegetriebene Globalisierung, die die Mittelschichtjobs in dessen früheren industriellen Kraftzentren vernichteten. Bis zu den achtziger Jahren ermöglichten Tätigkeiten in der Produktion es gewöhnlichen Amerikanern, auch ohne Collegebesuch einen Lebensstil der Mittelschicht zu erreichen. Mit den schwindenden Beschäftigungsmöglichkeiten in der verarbeitenden Industrie war das vorbei. So finden sich die niedrigsten Mobilitätsraten zwischen den Generationen in alten Industriestädten wie Detroit, Cleveland und Grand Rapids. Solche Städte hatten generell einen erheblichen Verlust an Jobs und eine beständige Erhöhung der Arbeitslosigkeit und Nichtbeschäftigung zu verzeichnen. Damit gingen Steuereinbußen und der Abbau öffentlicher Dienstleistungen einher. In diesen Gegenden wurde mehr eingebrochen, und die Gewalt nahm zu. Die Leute wurden auch häufiger krank und starben früher.

Welche Frau heiratet schon einen arbeitslosen Mann ohne Perspektive?

Aufgrund des Anstiegs von Nichtbeschäftigung, Verbrechen und Sterblichkeit in Amerikas alten Industriezentren leuchtet ein, dass der Wert von Männern auf dem Heiratsmarkt dort sank. Welche Frau heiratet schon einen arbeitslosen Mann ohne Perspektive? Immer weniger Frauen heirateten, immer mehr Kinder wuchsen in Haushalten mit nur einem Elternteil auf. Weil Kinder Alleinerziehender schlechtere wirtschaftliche Aussichten haben, schlagen die verheerenden Konsequenzen auch auf die nächste Generation durch.

Können wir angesichts der Verwerfungen im sozialen Gefüge der Vereinigten Staaten und des Zusammenbruchs einst wohlhabender Gemeinschaften wirklich überrascht sein, dass ein wachsender Wähleranteil verzweifelt auf einen radikalen politischen Wandel drängt? Wohl kaum. Aber Lösungen zu finden erfordert zunächst einmal, die Ursachen ihrer Probleme zu finden. Nach meinen Untersuchungen mit Thor Berger und Chinchih Chen spielte die Automatisierung eine bedeutende Rolle für das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen von 2016. Die Größenordnung der Stimmenzuwächse, die sich durch die Automatisierung erklären lassen, ist nicht trivial. Unsere Betrachtung zeigt, dass Donald Trump – im Verhältnis zu Mitt Romneys Ergebnissen von 2012 – die größten Gewinne im sogenannten Rust-Belt, also den alten Industrieregionen, erzielte. Welch Wunder. Stehen sie doch für die alte amerikanische Industrie, die am stärksten unter der Robotisierungswelle litt. Es gibt Analysen, wonach bei einer zwei Prozent geringeren Robotisierung der Vereinigten Staaten seit der letzten Wahl die US-Staaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin an Hillary Clinton gegangen wären – die Demokraten hätten eine Mehrheit gehabt. Zu viel Gewicht sollte man der genauen Prozentzahl, um die sich die Wahl gedreht hätte, natürlich nicht beimessen. Trotzdem bietet die Automatisierung offensichtlich eine überzeugende Erklärung dafür, warum diese drei Staaten, die seit 1992 bei jeder Präsidentschaftswahl der demokratische Kandidat gewann, diesmal an Trump fielen.