"Schatz, wollen wir heute Abend mal ein Album hören? Kein Kino, kein Theater, kein Netflix auf dem Laptop im Bett. Sondern: auf die Couch, Play drücken und einfach zuhören?" Wenige erfolgreiche Verabredungen beginnen mit diesen Worten.

Denn das Album als Kulturformat ist tot. So heißt es jedenfalls. Mag sein, dass man im 20. Jahrhundert Alben hörte, so wie man heute noch Filme schaut oder Romane liest: ergriffen oder wenigstens konzentriert. Aber nun, in Zeiten des Streams? "Heute geht es um den Song", schreibt Nitsuh Abebe, Popkritiker des New York Times Magazine. Schließlich sind es Songs, die aus dem alltäglichen Überfluss der beiläufig abgespielten Musik hervorstechen. Und Alben? Sind kaum mehr als Sammelbehälter für Songs.

Jetzt kommt Bernd Begemann, und alles, was eben plausibel klang, stimmt so nicht mehr. Begemann ist ein auf erfrischende Weise anachronistischer Typ. Er ironisiert die Rolle des Chansonniers und Entertainers, füllt sie zugleich aber voll aus. Als Songwriter neigt er zu feinem Spott, als Bühnenkünstler zu großzügiger Verschwendung. Bühnen betritt er selten ohne Anzug und verlässt sie meist komplett verschwitzt. Er ist Hamburgs hardest working man in show business.

Mehr als zwanzig Longplayer hat Begemann bisher veröffentlicht. Sein neuester heißt Die Stadt und das Mädchen. So altmodisch und überkandidelt wie dieser Titel und das Plattencover in Sepia-Tönen ist auch die Idee dahinter. Zusammen mit dem Pianisten Kai Dorenkamp hat der Sänger alte Songs neu aufgenommen: Die neuen Mädchen sind da etwa und Was macht Miss Juni im Dezember?

Trotzdem ist Die Stadt und das Mädchen keine Greatest-Hits-Sammlung. Sondern: ein Album. Ein geformtes Ganzes, das einen dramaturgischen Bogen spannt. Wo es im Original eine Bandbegleitung gibt, wo das Schlagzeug scheppert und E-Gitarren wummern, hört man jetzt nur Stimme und Klavier. Das verleiht den Songs eine neue Intimität und Feierlichkeit. Die Lieder wurden so sortiert, dass sie eine Geschichte erzählen. Bernd Begemann singt von einer jungen Frau, die aus der Provinz in die Großstadt flieht. Wir erleben: die anfängliche Euphorie, die den Zweifeln weicht. Eine Liebe, eine Trennung, eine Abtreibung. Lange Nächte an Kneipentresen. Und irgendwann die Frage, ob das jetzt alles gewesen sein soll.

Begemann selbst spricht nicht von einem neuen Album, sondern von einem "romantischen Liederzyklus". Das passt: Ein bisschen drüber zu sein hat bei diesem Musiker Tradition. Ohne hochkulturelle Arroganz könnte man aber auch sagen: Die Stadt und das Mädchen ist ein Musical, nur ohne Tänzer und Tierkostüme. Was dann noch übrig bleibt? Die Musik und eine Geschichte. Beide kann man sich tatsächlich sehr gut auf der Couch anhören, an einem Stück, konzentriert, vielleicht sogar ergriffen. Schatz?

"Die Stadt und das Mädchen" ist bereits erschienen. Bernd Begemann spielt am 4. August beim "A Summer’s Tale"-Festival in Lüneburg