Am 4. November 1989, zum Siegesfest der ostdeutschen Revolution, strömten Hunderttausende auf den Berliner Alexanderplatz und lauschten hochherzigen Zukunftsreden. Unter den Predigern war auch ein SED-Anwalt namens Gregor Gysi. Er verkündete, die beste Staatssicherheit sei die Rechtssicherheit. Reicher Applaus. Am 18. März 1990 endeten die ersten freien Wahlen in der DDR mit dem Triumph der christdemokratischen Allianz für Deutschland. Ministerpräsident wurde der CDU-Anwalt Lothar de Maizière, Gysis Freund. Beide gerieten im vereinten Deutschland unter Stasi-Verdacht. Insbesondere Gysi wehrte sich virtuos. Er bestritt jeglichen Mandantenverrat, er prozessierte, er schilderte legale Kommunikationswege der DDR-Justiz. Das West-Publikum war überfordert. Lieber molken die Unterhaltungsmedien das Thema: War die DDR ein Unrechtsstaat? Gysi, feuilletonistisch flott: Sie habe sich schließlich selbst als Diktatur des Proletariats bezeichnet.

Nun gibt es endlich ein Buch, das Struktur und Milieu der DDR-Justiz akkurat beschreibt. Der Titel signalisiert Komplexität: Im goldenen Käfig. Zwischen SED, Staatssicherheit, Justizministerium und Mandant – die DDR-Anwälte im politischen Prozess. Der Autor Christian Booß, West-Berliner vom Jahrgang 1953, forscht seit Langem in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Schmissigen Parolen ist der Historiker abhold.

Booß erzählt Rechts- und Unrechtsgeschichte: Etwa 600 Anwälte gab es gegen Ende der DDR, die meisten fusioniert in 15 Bezirkskollegien. Von Anbeginn wurde die Justiz auf die antifaschistische Staatsdoktrin verpflichtet. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat, so zeigt es Booß, verstand sich als jenes humane Deutschland, dessen Rechtsorgane, anders als die braunfaule BRD-Justiz, Nazi-Verbrecher jagten und straften. Viele Anwälte der Aufbaugeneration – Juden, Kommunisten, Hitlerhasser – empfanden das auch als lebensgeschichtliches Bedürfnis. Oft kooperierten sie aus Überzeugung mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Ihre Nachkriegs-Rigorosität "war nicht am demokratischen Rechtsstaat orientiert, sondern integrierte diesen vielmehr in das antifaschistische Feindbild".

Die folgende, die Mittelgeneration war – mitlaufend oder distanziert – im NS-Staat aufgewachsen und studierte in der jungen DDR. Diese Juristen "verfügten (...) über eine in der DDR rare Doppelqualifikation: ein mehr oder minder traditionelles Handwerkszeug bei gleichzeitig genehmer Herkunft. (...) Offenbar gab es eine Art Dankbarkeit gegenüber dem Staat, der ihnen den Aufstieg ermöglichte, sodass eine grundsätzliche Bereitschaft entstand, auch etwas für die Sicherheit dieses Staates zu tun." Die dritte und letzte Anwaltsgeneration war DDR-gezeugt. Sie handelte gemäß den Regularien und Zielen der SED-Erziehungsdiktatur.

Der Leser fragt sich: Was galt das Individuum in einem Staat, der keine Gewaltenteilung kannte und sein Volk für kollektiv bekenntnispflichtig hielt? Duldete er Einspruch, ertrug er Dissens? Gewährte er Abweichlern Rechtsbeistand wider sich selbst? Entschieden Juristen frei?

Booß erklärt: Weniges war unabhängig in der DDR, gewiss nicht der obrigkeitlich lizenzierte "sozialistische Anwalt". Jede Diktatur bedarf willfähriger Justiz. Zivilstrafrechtlich könnte man den DDR-Gerichten bürgerliche Normen bescheinigen. Der Anwalt verteidigte die Person des Täters, nicht die Tat. Bei profanen Kriminaldelikten ließ sich das trennen. Idealerweise sühnte dann die Strafe das Verbrechen, besserte den Täter und reparierte ihn zum konstruktiven Mitglied der Gesellschaft. Anklage, Verteidigung und Richter wirkten arbeitsteilig am selben volkspädagogischen Projekt. In politicis jedoch geriet der Anwalt zwischen die Stühle. Der kriminalisierte Oppositionelle fand ja, er habe nichts verbrochen, sondern sein Menschenrecht auf Eigensinn gebraucht. Der Täter war die Tat.

Laut Strafprozessordnung von 1968 bestand das Recht der Verteidigung darin, "alles vorzubringen, was die erhobene Beschuldigung ausräumen oder (...) strafrechtliche Verantwortung mindern kann". Allerdings war der Verteidiger nicht nur Beauftragter seines Mandanten, sondern zugleich "Angehöriger einer Einrichtung der sozialistischen Rechtspflege", und sollte zur "Festigung der sozialistischen Gesetzlichkeit und des Rechtsbewußtseins der Bürger" beitragen. Diese Paradoxie war und blieb systembedingt, wurde aber zunehmend pragmatisch exekutiert. Die anwaltlichen Spielräume wuchsen. Erich Honeckers Streben nach internationaler Anerkennung und der Devisenbedarf der DDR milderten das politische Strafrecht. Ausreisewillige durften, wenngleich oft nach Schikanen, mit ihrem Verkauf gen Westen rechnen. Mitunter entschied der Serenissimus E. H. wie ein Oberrichter. Ein Anwalt hatte stets sein Ohr: Wolfgang Vogel, Honeckers Ost-West-Briefträger, gerühmt als Übersiedlungs-Pate, geschmäht als Menschenhändler. Er half, wohl eine Viertelmillion Menschen zu transferieren. In der Endphase des SED-Regimes behandelte Vogels Kanzlei Mandanten im Schnelldurchlauf, fast wie ein Reisebüro.

Das Buch von Christian Booß, ursprünglich eine Dissertation, liefert eine Flut von Fakten. Zugleich erhellt es die Obskurität eines Standes, der höchst auskömmlich in einer Zwischenwelt lavierte. Markante Advokaten treten auf: die Mediengestalt Friedrich Karl Kaul, Honeckers finaler Verteidiger Friedrich Wolff, Robert Havemanns geschasster Rechtsbeistand Götz Berger, der Dissident Rolf Henrich, der Kirchenanwalt Wolfgang Schnur, der um Haaresbreite 1990 DDR-Ministerpräsident geworden wäre. Tage vor der Wahl ereilte Schnur die Enttarnung als Stasi-IM. Auch Lothar de Maizières Tun und Lassen wird geschildert, schließlich ausführlichst der staatsloyale Evolutionär Gregor Gysi, der 1989 bereits Justiz-Elitekader war. Leider fehlt dem Werk ein Personenregister, doch nach 800 Seiten Studium fühlt sich der Leser befähigt zum Urteilsspruch. Unrechtsstaat? Die DDR war eine deutsche undemokratische Republik, die legitim entstand und zu Recht verschwand.

Christian Booß: Im goldenen Käfig. Die DDR- Anwälte im politischen Prozess.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017; 816 S., 45,– €