An einem Januarmorgen 2018 sitzt die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch im Büro eines Anwalts in Zürich. Sie ist 61, zierlich, blond. "Ich habe dank Dieter Wedel einen Gang durch die Hölle gemacht", sagt sie. "Die Sache belastet mich und meine Familie bis heute massiv." Gemsch hat sich an die ZEIT gewandt, nachdem sie im Magazin der Zeitung vor drei Wochen einen Artikel gelesen hatte. Darin hatten mehrere Frauen schwere Vorwürfe gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel erhoben. Der Mut der Schauspielerinnen, ihre Geschichten zu erzählen, habe sie sehr bewegt, sagt Esther Gemsch. Auf einen derartigen Beitrag habe sie jahrzehntelang gewartet. Er hat sie dazu bewogen, nun auch von ihrem eigenen "Drama" zu erzählen, das im Dezember 1980 im bayerischen Bad Kissingen seinen Anfang genommen habe.

Im genannten Text vom 4. Januar warf die ehemalige Schauspielerin Jany Tempel dem Regisseur Wedel vor, sie 1996 in einem Münchner Hotelzimmer zum Sex gezwungen zu haben. Und Patricia Thielemann – früher ebenfalls Schauspielerin, heute eine bekannte Yogalehrerin – berichtete darin, wie Wedel sie 1991 in einem Bremer Hotelzimmer sexuell massiv bedrängt und ihr den Hals zugedrückt habe, sodass sie sich nur mit äußerster Kraft von ihm habe befreien können. Beide Frauen gaben gegenüber der ZEIT eidesstattliche Versicherungen ab. Ehemalige Mitarbeiter einer Filmproduktion erinnerten sich in dem Artikel daran, wie Wedel eine weitere Schauspielerin bei Dreharbeiten sexuell unter Druck gesetzt habe.

Dieter Wedel, der im November 75 Jahre alt geworden ist, dementierte jeden dieser Vorwürfe in einer schriftlichen Erklärung und unterstrich seine Angaben ebenfalls mit einer eidesstattlichen Versicherung. Wedel hat nach einer erfolgreichen Karriere als Fernsehregisseur lange das Theater-Festival in Bad Hersfeld geleitet. Von diesem Posten trat er am Montag zurück. In einer persönlichen Stellungnahme schreibt er, dass er die Festspiele "aus der diffamierenden Diskussion" um seine Person heraushalten möchte. Er betont, dass er jede Form von Gewalt verabscheue, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer.

Nach der Veröffentlichung Anfang Januar erhielt die ZEIT von Lesern und aus der Film- und Medienbranche viel Zustimmung. Schauspielerinnen meldeten sich in der Öffentlichkeit zu Wort und berichteten von unangenehmen bis verstörenden Erfahrungen mit Dieter Wedel, zuletzt im ZEIT-Interview die Schauspielerin und Präsidentin der Deutschen Filmakademie, Iris Berben. Der Bundesverband Schauspiel und die Filmakademie wollen nun eine Beschwerdestelle einrichten.

Es wurde aber auch scharfe Kritik an der ZEIT geübt. Die Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Dieter Wedel wurde als "Hexenjagd" bezeichnet. Ein Mann, für den zunächst die Unschuldsvermutung gelten müsse, werde "an den Pranger gestellt". Mehrfach wurde auch insinuiert, Jany Tempel, Patricia Thielemann und jene ehemaligen Mitarbeiter Wedels könnten gelogen haben. Dieser Vorwurf motivierte wiederum weitere Menschen aus der Filmbranche, ihr Schweigen zu brechen. In den Gesprächen, die sie mit der ZEIT führten, war oft die Wut über Dieter Wedels Selbstverteidigung zu spüren. "Wenn eine Schauspielerin (...) bereit war, aus privaten Gründen mit mir auf ein Hotelzimmer zu gehen, habe ich sie nicht physisch bedrängt oder belästigt oder gar versucht, sie in irgendeiner Form zu sexuellen Handlungen zu zwingen." So schreibt Wedel in seiner eidesstattlichen Versicherung.

"Wenn er das tut, kann ich nur sagen: Er lügt!", sagt dazu etwa der Charakterdarsteller Michael Mendl, der selbst mit Wedel gearbeitet hat. Neben der Schauspielerin Esther Gemsch und Mendl werden hier noch drei weitere Personen zu Wort kommen. Die Vorwürfe reichen bis hin zur Vergewaltigung. Zahlreiche Anschuldigungen lassen sich durch Dokumente aus Archiven belegen, andere durch Aussagen von Zeugen am Filmset und von Freunden und Angehörigen der Frauen.

Am Freitag vergangener Woche hat die ZEIT Dieter Wedel um eine Stellungnahme zu den neuen, detaillierten Vorwürfen gebeten. Darauf antwortete sein Anwalt am Montagmittag, sein Mandant könne der Bitte nicht nachkommen, da er "aus gesundheitlichen Gründen" dazu nicht in der Lage sei. Er liege mit Herzbeschwerden im Krankenhaus. Wenige Stunden später wandte sich Wedel in einer ausführlichen Stellungnahme an die Öffentlichkeit – laut Bild-Zeitung vom Krankenbett aus formuliert. Er sprach von einem "Klima der Vorverurteilung", vermeintliche Zeuginnen hätten versucht, ihn zu erpressen, er habe von Menschen gehört, denen "fünfstellige Beträge für Aussagen" gegen ihn angeboten worden seien. Der Umfang der Darstellungen habe ein für seine Gesundheit und seine Familie erträgliches Maß überschritten. "Deswegen werde ich mich von jetzt an nicht mehr öffentlich äußern", schreibt Dieter Wedel.

Die ZEIT hat keinem Gesprächspartner bei der Recherche zu den Vorwürfen gegen Dieter Wedel Geld bezahlt oder auch nur angeboten. Auch hat dies keine der hier zu Wort kommenden Frauen verlangt. Die Zeuginnen kennen einander nicht, und ihre zitierten Äußerungen sind genau so gefallen.

In der Zürcher Anwaltskanzlei erzählt Esther Gemsch, sie habe die Macht des Regisseurs erlebt, er habe sie fast um ihren Beruf gebracht. Gemsch ist in der Schweiz sehr bekannt, von 1999 bis 2007 hat sie eine der Hauptrollen in der Schweizer Serie Lüthi und Blanc gespielt, sie bekam den Prix Walo und war für den Schweizer Filmpreis nominiert. Allerdings fällt in ihrem Lebenslauf auf, dass sie in den achtziger und neunziger Jahren kaum einen Film gedreht hat.

Im Dezember 1980 hieß Esther Gemsch noch Esther Christinat und war 24 Jahre alt, eine junge, hoffnungsvolle Schauspielerin, die gerade ihre ersten Rollen spielte. Da meldete sich die Künstleragentur Jovanovic aus München, bei der Gemsch unter Vertrag war: Einer der größten deutschen Regisseure, Dieter Wedel, wolle sie casten, es gehe um eine Hauptrolle. Wenn sie die bekomme, bedeute das den Durchbruch, hätten ihre Agentinnen ihr gesagt, so erinnert sich Gemsch. Die Agentur Jovanovic existiert heute noch, Gemschs damalige Agentinnen leben aber nicht mehr.

Im Jahr 1980 sei sie nach Hamburg zu "Doktor Dieter Wedel" gefahren, um sich vorzustellen, sagt Esther Gemsch. Sie nennt den Regisseur – er hat über Erscheinungsformen des Expressionismus promoviert – bis heute so, "um Distanz zu wahren". Wedel habe sie in seiner Wohnung empfangen, dort habe sie auch seine Frau Uschi Wolters kennengelernt. Sie hätten über das Filmprojekt Bretter, die die Welt bedeuten geredet. Während ihres Aufenthaltes in Hamburg habe sie im Hotel Bellevue übernachtet, und noch am selben Abend habe Wedel vor ihrer Zimmertür gestanden. In ihrem Zimmer habe er das erste Mal versucht, sie zu küssen, und sie überall angefasst. Gemsch sagt, sie habe sich sehr bedrängt gefühlt, aber versucht, höflich zu bleiben, und etwas in der Art wie "Jetzt nicht!" gesagt.