Wie wird man eigentlich "rechts"? Ellen Kositza – Hausfrau, Autorin, Redakteurin der Zeitschrift Sezession – antwortet mit einer Kindheitserinnerung. Mit zehn Jahren war sie, ein begeistertes "Pferdemädchen", in ihrer hessischen Geburtsstadt Offenbach an einen Reitstall für Schwerreiche geraten. Das Geld für die Reitstunden verdiente sie durchs Zeitungsaustragen. Hochklassepferde kamen zum Einsatz, mit geflochtenen Mähnen und weißen Bandagen. Zu Märschen und Sinfonien vom Band ritt man Figuren. "Pure Herrlichkeit!", erinnert sich Kositza. "Dressurreiten, echt, ich gerate heute noch ins Schwärmen. Dieser Einklang von Befehl und Gehorsam, in vollkommener Harmonie!"

Später, sagt Ellen Kositza, habe sie – inzwischen vom Pferdefieber abgekommen – mal wieder im Stall vorbeigeschaut. Da habe es Fahrstuhlmusik von Richard Clayderman gegeben, Kuschelrock statt Beethoven. Der Ton sei sanft gewesen, und wenn das Pferd keine Lust hatte, dann eben nicht. Man trug Jeans: Totaler Formverlust im Namen der Zwanglosigkeit, so sah es die dreizehnjährige Kositza. Als herbe Enttäuschung. "Für mich war das", sagt sie, "einer der frühesten Scheitelpunkte, was rechts ist – dass rechts richtig ist." Rechts war erst mal nicht mehr als Formstrenge, Hierarchie, Tradition.

Inzwischen geht es längst um mehr als Formfragen. Eigentlich um alles. Zusammen mit ihrem Mann Götz Kubitschek bildet Kositza, 44, auf dem gemeinsamen Rittergut in Schnellroda in Sachsen-Anhalt so etwas wie ein geistiges Zentrum der Neuen Rechten, auch lebensweltlich. Meist fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf Kubitschek, den dunklen Lord des Dagegenseins, der diese Rolle zelebriert, wo immer man ihn lässt. Aber im Laufe der Jahre ist Ellen Kositza zu etwas geworden, das es in der europäischen Rechten kaum ein zweites Mal gibt: eine stramm rechte Stimme auch und gerade für Frauen. Eine, die als eigenwillig, umtriebig-belesen und auf eigentümliche Weise cool wahrgenommen wird. Man kann es nicht "Feminismus" nennen; dazu sind die Differenzen zu Schwarzer und Co. zu groß. Ellen Kositza sagt: "Geschlechterhändel" interessierten sie. Ihre Alltagskolumne "Das war’s" hat bis zu 20.000 Leser. Und dann ist da die zweimonatlich erscheinende Sezession, die Kositza als Redakteurin und Autorin prägt. Schließlich der Verlag Antaios, der zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse mit Demonstrationen der Gastgeber, Fernsehbildern, Björn-Höcke-Auftritt und Handgreiflichkeiten mit Polizeieinsatz von sich reden machte.

Sie gilt als gefährlich

Ellen Kositza will ein ganz, ganz anderes Deutschland; darin ist sie sich mit Kubitschek einig. Hauptthema und prägendes Lebensgefühl in Schnellroda: der vermeintlich drohende Untergang des deutschen Volkes durch Massenmigration und angebliche Selbstverleugnung. Dass die Zuwanderung aus dem arabischen Raum für die Freiheit von Frauen eine echte Gefahr darstelle, ist im Moment Kositzas Haupteinsatzgebiet. Zweimal im Jahr veranstaltet das mit Kositza und Kubitschek verbundene Institut für Staatspolitik im Gasthof Zum Schäfchen nebenan Sommer- und Winterakademien, zu denen überwiegend jüngere Leute erscheinen. Es geht um Themen wie "Gewalt – Hegung und Entfesselung", "Parteienherrschaft" oder "Macht und Öffentlichkeit". Identitäre berichten von ihren Pirateneinsätzen im Mittelmeer, Dorfjugend trifft auf Burschenschafter trifft auf AfD-Mitarbeiter.

Ist Schnellroda gefährlich? Wird hier, wie manche sagen, die Abschaffung der Demokratie vorgedacht? Zwar lassen sich weder Kositza noch Kubitschek mit expliziten Forderungen dieser Art erwischen. Aber eines ist sicher: Für Kubitschek und Kositza gibt es keine Ambivalenz. Rechts ist gut, und links lügt. Basta. Dabei ist Ambivalenz ein Kernzustand der Demokratie. Aber es gefällt dem Paar eben durchaus, für gefährlich gehalten zu werden.

Ellen Kositza sieht Schnellroda, wo sie und ihr Mann mit sieben Kindern und einer Handvoll Tieren wohnen, als Modell des Gegenlebens, als Widerstandsnest. In den Osten seien sie gezogen, weil der ihnen "weniger gehirngewaschen" erschienen sei, der Westen dagegen als satt und politisch korrumpiert. Das Lebensmotto des Hauses, oft im Gespräch, in Aufsätzen wiederholt: "Etiam si omnes, ego non" – frei übersetzt: Auch wenn alle mitmachen – ich nicht. Es war das Motto, mit dem die bürgerliche Opposition gegen den Nationalsozialismus ihre Haltung zusammenfasste. Kositza nennt als eines ihrer Idole die Widerstandskämpferin Sophie Scholl.

Tatsächlich: Niemand in Schnellroda, überhaupt bei der Neuen Rechten, sieht eine Anmaßung darin, die eigene Gegnerschaft zur Regierung Merkel oder den Verzicht auf Handys und RTL2 zum Widerstand auf Flughöhe der Weißen Rose zu adeln. Es stimmt: Bücher von Antaios wurden von Amazon aus dem Sortiment genommen (nicht direkt Merkels Schuld). Die Deutsche Bank, sagt Kositza, habe ihre Konten gekündigt. Als Kubitschek und Kositza in Erfurt einmal aus dem Kino kamen, wartete ein Trupp der Antifa auf sie. Alles nicht schön, sicher. Aber an einen Nachmittag bei der Gestapo reicht das in Summe doch wohl nicht so ganz heran.

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Ellen Kositza hat weiß blondiertes, langes Haar, trägt aus Protest gegen den Hosenanzug der Businesswoman fast nur Röcke und Kleider, spricht leise und schaut einen in ersten Gesprächen abwartend an. Sie geht nicht davon aus, dass man sich einig wird. Kositza, die mit 16 bei der Offenbach-Post ihren journalistischen Einstand hatte, stammt aus einem konservativ-katholischen Haushalt treuer CDU-Wähler, beide Eltern waren Angestellte. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass schon ihre Mitschüler sie als "anstrengende Einzelgängerin" beschrieben hätten, "deren dauernde Provokationen nerven. Nebenbei: knallrechts." Ein Papakind sei sie gewesen, stets die Erste auf dem Bolzplatz mit den Jungs, "besonders hart im Nehmen". Tja: "freiheitsliebend bis zur Aufmüpfigkeit" – man könnte fragen: Wer ist das nicht? Aber diese Selbstbeschreibung als Rebell gehört bei der Neuen Rechten bis zur AfD zum guten Ton. "Die Angepassten, das sind heute die Linken. Rechts ist richtig, und Linke lügen" – so sagt es Ellen Kositza in einer Onlinebotschaft.