Der Fußball ist an vielem schuld, vielleicht sogar an allem, ganz bestimmt aber an Worten wie Nickligkeiten, Rudelbildung, Videobeweis oder Gutenabendallerseits. Worte, die es außerhalb des Fußballkontextes nicht gibt, die da keinen Sinn ergeben. Tatsächlich ergeben diese Worte ja nicht einmal beim Fußball einen Sinn. Trotzdem sind sie in Gebrauch, freitags und samstags und sonntags und montags und dienstags und mittwochs und donnerstags – an jedem gottverdammten Tag, an dem das Fernsehen ein Fußballspiel überträgt. Fällt den Menschen, die diese Fußballspiele übertragen, nichts Besseres ein? Oder anders gefragt: Ist es in Ordnung, wie das Fernsehen Fußballspiele überträgt? Gefährden manche Kommentatoren den Spaß am Fußball mehr, als es die Dominanz des FC Bayern München tut? Und kann man den Videobeweis auch dazu einsetzen, grobe Fouls der Moderatoren zu ahnden?

Vor zehn Tagen endete die Winterpause der Bundesliga, in den kommenden Wochen startet die nächste Runde im DFB-Pokal und die entscheidenden Spiele in der Champions League. All das zeigt das Fernsehen, und weil es auch noch andere Sportarten gibt, für deren Rechte die Sender viel Geld ausgegeben haben, laufen zurzeit die Handball-Europameisterschaft und bald die Olympischen Spiele. Und im Sommer dann findet die Fußballweltmeisterschaft statt – für die Nationalmannschaften in Russland, für die Fernsehzuschauer in der ARD und im ZDF.

Und die Sender machen ja auch vieles richtig: In der ARD moderiert seit dieser Saison Jessy Wellmer die Sportschau am Samstag, und sie tut der Sendung ausgesprochen gut, weil sie die Sportschau nicht wie ihr Kollege Matthias Opdenhövel mit einer Samstagabendshow verwechselt. Die Süddeutsche Zeitung schrieb 2016 zu Recht: "Wellmer gehört zu den Moderatorinnen, die auffallen, weil sie so angenehm locker, unaufdringlich und souverän sind." Es ist die Mischung aus Souveränität und Zurückhaltung, die bei Jessy Wellmer so gut funktioniert. Souverän im Auftreten, in der Sprache – zurückhaltend, weil sie genau weiß, dass das, was sie erzählt, den Zuschauern im Grunde genommen egal ist. Die wollen Fußball schauen. Bereits Anne Will spielte sich nicht in den Vordergrund, als sie die Sportschau moderierte – es hat ihrer Karriere nicht geschadet.

Für Kommentatoren gelten andere Maßstäbe – in der Regel sieht man sie nicht. Und die Kommentatoren, deren Namen kaum einer kennt, weil sie weniger mit Fußball zu tun haben, sondern mit Sportarten, die selten im Mittelpunkt stehen, sind oftmals die besten: Andreas Witte zum Beispiel, ein Basketball-Kenner. Oder Florian Naß, der gerade die Handball-EM kommentiert. Jens-Jörg Rieck, der über Fußballspiele vor allem im Radio spricht und während der Olympischen Spiele Langlauf kommentiert. Sie alle zeichnet eine Kennerschaft des Sports aus, über den sie berichten – und eine Leidenschaft, wenn sie über Kanusport oder Eiskunstlauf reden.

Aber sie alle sind Randfiguren, sie prägen nicht die Sportübertragungen im deutschen Fernsehen. Dazu ist der Fußball zu dominant – und wer es erst einmal in die Fußballstadien geschafft hat, als Moderator oder als Kommentator, den bekommt man da kaum wieder raus. Denn die Fußballleute sind jene, die auf der Straße erkannt werden. Deshalb streben auch die zum Fußball, die dort nichts verloren haben – so wie Wolf-Dieter Poschmann.

Poschmann ging 2016 in den Ruhestand. Er war ein ausgewiesener Experte in den Sportarten Leichtathletik und Eisschnelllauf. So verging zum Beispiel kein Marathon im ZDF, bei dem Poschmann nicht mindestens nach der Hälfte der Distanz auf die Armhaltung der kenianischen Läufer aufmerksam machte. Die sei nämlich so anders als bei Läufern aus anderen Ländern, weil die Kenianer ja auch immer zur Schule laufen und dabei ihre Tasche unter dem Arm tragen würden. Rucksäcke sind in Kenia offenbar gänzlich unbekannt, und ein Marathon ohne die Poschmann-Information war kein richtiger Marathon.

Aber während Poschmann eher zu viel über die Leichtathletik-Disziplinen zu erzählen hatte, wusste er wenig über den Fußball. Es gibt einen hochdekorierten ZDF-Mann, der – wenn man ihn darauf anspricht, dass Poschmann ja kaum Ahnung vom Fußball hatte – entgegnete: "Das ist aber noch defensiv formuliert."

Steffen Simon versucht verzweifelt, Emotionen zu transportieren, ohne ein Verb zu benutzen

Béla Réthy, noch immer im Amt, verwechselt ständig die Münchner Spieler David Alaba und Kingsley Coman und scheint auch sonst von der Schnelligkeit des modernen Fußballs überfordert zu sein. In der ARD hat es Steffen Simon geschafft, dass seine Kommentare ganz ohne Verben auskommen – dennoch versucht er verzweifelt, Emotionen zu transportieren. Ein typischer Simon-Kommentar klingt ungefähr so: "Reus. Reus. Wohin? Ach! Reus. Die Traurigkeit des Genies."