Ich war gerade ein paar Tage in der schwäbischen Provinz, obwohl die Provinz dort, wo beinahe jeder Ort ein Weltmarktführerunternehmen beheimatet, längst nicht mehr so aussieht, wie wir uns die Provinz gern vorstellen. Sie hat sich ziemlich verändert. Es gibt dort schlicht alles: Schwimmhallen, Stadthallen, Turnhallen, Grundschulen, Hauptschulen, Berufsschulen, Gymnasien, Fußballstadien, Kinos, Einkaufszentren, Parkhäuser, Musikschulen und so weiter. Es gibt dort nichts, was es nicht gibt. Schwäbische Kleinstädte sind eigentlich Großstädte im Miniformat, dachte ich. Dort wollte ich mir – aber das nur nebenbei – anschauen, ob Flüchtlinge gut integriert sind oder nicht. Und bin deshalb auch zu einer Sitzung des Gemeinderats gegangen, schließlich sollen Journalisten die Dinge aus vielen Perspektiven betrachten.

An jenem Tag kam der technische Ausschuss zusammen, das mag manches, aber sicher nicht alles erklären. Man beriet unter anderem, an welcher Stelle das neue Stadtarchiv gebaut werden solle. Ungefähr 20 Leute saßen in einem großen Rund zusammen, kleine Körbe mit Brezeln und Wurstbrötchen standen auf den Tischen, an der Stirnseite nahmen der Oberbürgermeister und seine beiden Stellvertreter Platz. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass unter all diesen Gemeinderatsvertretern keine einzige Frau war. Und ich war über mich selbst überrascht, wie lange ich doch brauchte, um das zu sehen. Offenbar hatte ich mich an die fehlende Präsenz von Frauen in solchen Gremien auch ziemlich gewöhnt. Den meisten fällt sie gewiss gar nicht mehr auf.

Weshalb erzähle ich das? Nun, weil ich erst mit der Praxis beginnen und hernach zur Theorie kommen wollte, schließlich leitet sich doch das eine aus dem anderen ab: Seit beinahe einem Jahrzehnt diskutieren wir nämlich wieder sehr leidenschaftlich über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Zu Beginn dieses Jahrtausends hatte es noch geheißen, Frauen könnten heute alles werden; viele glaubten, Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen seien auf ganzer Linie erfolgreich gewesen. Aber das war nicht mehr als ein Abwehrgefecht. Inzwischen haben zahlreiche Studien die Benachteiligung von Frauen in Fragen wie Präsenz, Gehalt, Vermögen, Renten et cetera bewiesen, und es galt erneut zu konzedieren: Die Realität hinkt weit hinter diesen Einsichten her. Unsere Gegenwart funktioniert nicht gleichberechtigt.

Auch deshalb wird immer wieder die Einführung diverser Frauenquoten gefordert, nachdem im Jahr 2016 bereits eine 30-Prozent-Klausel für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen beschlossen wurde. Denn Frauen wollen heute, das ist ein Ergebnis dieses neuen Feminismus und ein fundamentaler Unterschied zu früher, nicht mehr nur ein bisschen Gerechtigkeit und ein gewisses Mitspracherecht, sie wollen die Hälfte der Welt. Die Quote ist dabei schlicht eine Frage der Gerechtigkeit oder sagen wir ein Instrument der Integration. Überspitzt formuliert: Wir brauchen endlich auch eine Willkommenskultur für Frauen. Die Integration von Frauen ist mehr als nur ein Thema für Freaks, sie stellt die Gesellschaft vor ähnlich hohe Herausforderungen wie die Integration von Zuwanderern. Eine kulturelle Revolution. In vielen Bereichen sind Frauen nämlich auch noch eine Art Zuwanderer. Oder Neuankömmlinge, Fremde, Außenseiter.

Als kürzlich die amtierende Familienministerin Katarina Barley (SPD) erneut eine solche Frauenquote für Unternehmensvorstände forderte, weil beispielsweise in den deutschen Banken dort im Schnitt weniger als zehn Prozent Frauen vertreten sind, stand in vielen, nicht nur konservativen Medien, Barley würde mit einer Quote "drohen". Das sollte sicher nicht zufällig nach Hysterie und Strafe klingen, nach einer für viele irgendwie abwegigen Idee. Tatsächlich jedoch berief Barley sich dabei auf eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach es, wenn alles weiterginge wie bisher, noch 60 Jahre dauern würde, bis in den Aufsichtsräten und Vorständen der Top-200-Unternehmen gleich viele Frauen und Männer säßen. Also noch mehrere Jahrzehnte, in denen es gut ausgebildete Frauen nicht gleichberechtigt in Führungsgremien schaffen würden.

Die gut ausgebildeten Frauen, das übrigens ist der Hauptgrund für diesen neuen Feminismus gewesen und nicht irgendeine linke, spinnerte Gesinnungsidee, wie es aus konservativen Kreisen oft heißt. Nie zuvor haben so viele Frauen wie heute eine Universität besucht, mittlerweile sind mehr als 50 Prozent aller Hochschulabsolventen weiblich, in den Führungsetagen jedoch sind sie weiterhin stark unterrepräsentiert. Es ist also weniger eine Frage des Könnens als eine der Kultur, der Gewohnheit, die Frauen daran hindert, auf ihr Recht zu pochen, ganz oben mitzureden.

’s isch halt so, diesen Satz habe ich in den vergangenen Tagen in Schwaben oft gehört, vieles wird dort so erklärt. Und hätte ich jemanden nach den fehlenden Frauen im technischen Ausschuss des Gemeinderats gefragt, hätte man mir sicher auch gesagt: ’s isch halt so. Dieses ’s-isch-halt-so war dort mit Händen zu greifen, eine Frau wäre hier aufgefallen, eine Frau hätte hier viel Selbstbewusstsein gebraucht, allein, um sich mit an den Tisch zu setzen, die Blicke der anderen zu ertragen, mit fester Stimme ihre Meinung vorzutragen. Keiner der anwesenden Männer hätte sie von irgendetwas abgehalten, hätte ihre Kompetenzen infrage gestellt. Dennoch wäre eine Frau hier allein gewesen, in der absoluten Unterzahl. Eine Frau wäre hier allen komisch erschienen, wahrscheinlich sogar sich selbst. Allein ihre Präsenz hätte den herrschenden Comment, die Kultur der Gewohnheit, in Zweifel gezogen, und wahrscheinlich hätte sie sich nicht nur gegenüber den Männern behaupten, sondern auch gegenüber ihren Freundinnen rechtfertigen müssen. Was willst du denn da?, könnten sie fragen.

Deshalb wird in der schwäbischen Provinz, wo nichts mehr ist, wie es einmal war, zwischen Männern und Frauen vieles so bleiben, wie es immer gewesen ist. Im Rest des Landes sieht es vielerorten nicht anders aus. Und nur eine Quotenregelung, eine Selbstverpflichtung kann daran etwas ändern. Alle müssten sich zwingen, Männer und Frauen gleichermaßen, an diesem Umstand etwas zu ändern. Von allein tut sich nichts. Und die Töchter werden es genauso machen, wie sie es von ihren Müttern kennen, die es wiederum von ihren Müttern beigebracht bekommen haben.

Kristina Schröder übrigens, jene Ministerin, die sich während ihrer Amtszeit vehement gegen Quoten ausgesprochen hat, hat ihr Bundestagsmandat dem sogenannten Frauenquorum in der CDU zu verdanken, wonach zumindest ein Drittel der Parteiämter und öffentlichen Mandate weiblich zu besetzen sei. Lange hatte man sich in der CDU gegen ein solches Quorum gewehrt, erst wurde es abgelehnt, dann eine Legislatur testweise eingeführt, dann endgültig beschlossen. Außer der AfD haben inzwischen alle im Bundestag vertretenen Parteien eine Quotenregelung. Aber weder Andrea Nahles noch Katrin Göring-Eckardt, Manuela Schwesig oder Katja Kipping wirken wie sogenannte Quotenfrauen. Von Angela Merkel ganz zu schweigen.

Das Faszinierendste für mich ist, dass diese Quoten, wie gesagt, von Männern und Frauen gleichermaßen beschlossen und umgesetzt werden müssen, dass wir daran als ganze Gesellschaft lernen können, wie man scheinbar alternativlose Gesetzmäßigkeiten beeinflussen und verändern kann. Dass wir alle daran wachsen können.

Beim gestrigen SPD-Sonderparteitag in Bonn war es Andrea Nahles, die die stärkste Rede hielt. Einige Beobachter schrieben sogar, die Rede hätte sie zu einer Art heimlichen Parteivorsitzenden gemacht. Vor mehr als zehn Jahren, genauer gesagt im Jahr 2005, war der damalige Vorsitzende Franz Müntefering noch zurückgetreten, weil Nahles gegen seinen Willen zur Generalsekretärin gewählt worden war. Nahles trat das Amt damals wegen Münteferings Rücktritt nicht an. Heute würde sie wahrscheinlich nicht mehr darauf verzichten. Nein, nicht wahrscheinlich, sicherlich sogar.