Ein Pionier geht voran, sucht neue Wege, kundschaftet aus. Und weil er wagt, was andere sich nicht trauen, bewundern ihn Menschen. Es sei denn, der Pionier erforscht ein Terrain, das niemand betreten möchte. Eines der Defizite, der Einschnitte, der Trauer und der Tränen. Wie beim Erzbistum Hamburg.

Das Bistum ist das jüngste der Republik, vor 23 Jahren gegründet. Es besitzt keine Reichtümer wie Köln oder München, im Gegenteil: Nach Jahren des Missmanagements und der Fehlplanung ist es hoch verschuldet. 79 Millionen Euro fehlen derzeit. Wenn es weiterläuft wie bisher, werden es in vier Jahren 353 Millionen sein. Das haben Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young ausgerechnet. Das Bistum hat sich entschieden, die katastrophale Lage offenzulegen wie kein zweites in Deutschland. Und offensiv damit umzugehen: Wenn die katholische Kirche im Norden eine Zukunft haben will, müssen wir jetzt handeln, ruft der Erzbischof seinen Mitgliedern zu. Andere Bistümer haben auch finanzielle Probleme, aber wir sind die Ersten in Deutschland, die das Problem grundlegend anpacken. Wir haben uns Hilfe von außen geholt, wir haben einen Plan. Die Umsetzung wird schmerzen, aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr, sonst droht die Insolvenz.

Die Kirche zeigt ihre Not und wirbt um Verständnis. Ob die Strategie aufgeht? Erste Antworten auf diese Frage gab es in der vergangenen Woche, als das Erzbistum konkret wurde und drastische Sparmaßnahmen verkündete. Ausgerechnet in dem Bereich, in dem die katholische Kirche in der Hamburger Stadtgesellschaft am präsentesten ist: in den Schulen.

Ein schlichter Konferenzraum in der Katholischen Akademie am Freitag, kurz vor halb zwölf. Draußen verwischt Nebel die Konturen des Michels. Drinnen sitzen Journalisten und warten auf die Verkündigung des Erzbistums. Sie schweigen, als würde in wenigen Minuten nicht eine Pressekonferenz, sondern eine Messe beginnen, und blicken auf eine Stellwand mit drei Fotos. Eines zeigt Erzbischof Stefan Heße, er hält seinen Bischofsstab in der Hand und lacht herzlich. Die drei Männer, die sich nun vor die Stellwand mit den Fotos setzen, lachen nicht.

"Zunächst ein herzliches Willkommen", sagt der Mann links außen. Er heißt Christoph Schommer und ist einer der Pressesprecher des Erzbistums, ausschließlich zuständig für die Abteilung Schule und Hochschule. Er stellt die beiden Männer neben sich vor: Generalvikar Ansgar Thim, im Erzbistum verantwortlich für die Finanzen, und Christopher Haep, der die Abteilung Schule und Hochschule leitet. Der Erzbischof, der die Wirtschaftsprüfer ins Haus geholt und den Kurs der radikalen Offenheit eingeleitet hat, fehlt bei der wichtigsten Pressekonferenz in der Geschichte des Erzbistums. Er habe aber intensiv mit dem Generalvikar darüber gesprochen, wer welche Rolle einnimmt, sagt einer, der die beiden gut kennt. Der Generalvikar gibt die harten Einschnitte bekannt und erklärt sie, der Bischof wird sich erst in den nächsten Wochen wieder öffentlich äußern und das große Ganze in den Blick nehmen. Good cop, bad cop – zu dieser Aufteilung habe ihnen ein Experte für Krisenkommunikation geraten, sagt jemand aus dem Bistum.

Der bad cop also beginnt damit, sein Statement zu verlesen. Er klingt, als würde er predigen. "Heute ist ein wichtiger und zugleich ein schwerer Tag für das Erzbistum Hamburg und damit für viele Schüler, Eltern und Lehrer in unseren katholischen Schulen." Dann sagt er: "Von unseren 21 katholischen Schulen in Hamburg werden wir acht nicht weiterführen können." Und: "Um sowohl den verbleibenden Schulen als auch dem gesamten Erzbistum eine Zukunft mit finanziellen Handlungsspielräumen zu ermöglichen, sind diese Schließungen unumgänglich." Und: "Die betroffenen acht Schulen sind von verschiedenen Experten als nicht tragfähig eingestuft worden."

Anschließend spricht Christopher Haep und sagt das Gleiche in ähnlichen Worten. Er erklärt, dass keine Schule sofort geschlossen werde, und zählt die fünf Schulen auf, die ab sofort keine neuen Schüler mehr aufnehmen werden. Es sind eine Grundschule, zwei Grund- und Stadtteilschulen, eine Stadtteilschule und ein Gymnasium (siehe Kasten). Er nennt auch drei andere Schulen, die doch noch weitergeführt werden könnten, sollte zum Beispiel die Stadt das Bistum unterstützen: eine Grundschule und zwei Grund- und Stadtteilschulen.

Die Fakten sind raus. Jetzt beginnt der Kampf um die Deutung. Die Journalisten fragen, die beiden Männer vor dem Bild des lachenden Erzbischofs antworten, unterstützt von einem Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young.

Verkennt die Kirche nicht ihren Auftrag, wenn besonders in ärmeren Gegenden Schulen dichtgemacht werden?

Es gebe große Einschnitte, aber die katholischen Schulen seien weiterhin offen für alle, auch für einkommensschwache Familien. Das Schulgeld sei das günstigste aller freien Träger in der Stadt.

Wie hoch ist das Defizit, das die Schulen einfahren?

Der laufende Betrieb benötige jährlich Zuschüsse von acht bis 13 Millionen Euro.