Am Ende dieser Geschichte bleibt mir keine Wahl: Ich werde in ein Flugzeug steigen, um selbst nachzusehen, wer der Mann ist, der uns alle reich machen will – mich eingeschlossen, denn auch ich habe ihm Geld anvertraut. Sein Name: Aaron Ekert. Seine Firma: die Online-Investmentplattform BitSequence. Sein Ziel: mir und allen anderen seiner Kunden ein "Einkommen für immer" zu bieten; so steht es auf der Webseite. Gleich neben der versprochenen Rendite: drei Prozent – nicht jährlich, sondern täglich. Das bedeutet, wenn man die Tageserträge reinvestiert: Aus zehn Euro würden in einem Jahr fast 500.000 Euro, das wären fast fünf Millionen Prozent Plus. "Die Zukunft ist leuchtend", schwärmt BitSequence auf ihrer Seite und zeigt daneben lachende Gesichter.

Das kling absurd. Einerseits. Andererseits vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über den Kursverlauf des Bitcoin berichten und wieder irgendwer Millionär wird, weil er früh genug gekauft hat. Und es ist ja nicht nur der Bitcoin. Auch der Kurs von Ether, einer weiteren Digitalwährung, ist innerhalb eines Jahres um etwa das 100-Fache gestiegen, der Kurs von Ripple um mehr als das 200-Fache. Zwar ging es jüngst für den Bitcoin und andere Währungen wieder bergab. Aber nach eigenen Angaben hindert das BitSequence nicht daran, mithilfe schlauer Algorithmen auf diesem Markt zu punkten.

Und dann ist da auch noch Sascha Pallenberg, Spitzname Palle, eine Koryphäe auf dem Feld der Technologie-Begeisterten. Er hat das Online-Blog mobilegeeks.de gegründet, auf Facebook und Twitter hat er mehr als 70 000 Follower. Seit Anfang 2017 arbeitet er in der Unternehmenskommunikation von Daimler. Nicht so sehr des Geldes wegen, wie der Kommunikationschef des Autokonzerns bei Pallenbergs Einstellung betonte, sondern weil "dieser Typ vor allem von einer Sache getrieben ist: der Ausschüttung von Endorphinen durch den Zugang zu Unterhaltungselektronik".

Ganz so unwichtig ist Pallenberg Geld wohl aber doch nicht. Im Netz lässt er die Welt laufend wissen, wie viel er schon mit Kryptowährungen verdient hat, auch dank BitSequence. Die Plattform sei sein "persönlichen Favorit", schon nach 34 Tagen habe man so viel verdient, wie man eingesetzt habe. Zwar weist er in seinen Artikeln darauf hin, dass solche Plattformen "hochspekulativ" seien und man seinen Einsatz auch komplett verlieren könne. "Aber", heißt es dann, "lasst euch auch nicht von diversen Bankern erklären, dass dies alles viel zu viel Zockerei wäre." Denn: "Solche Statements kommen genau aus der Blase, die mit ihren Derivaten den letzten großen Crash ausgelöst hat."

Das kommt an. Pallenberg hat BitSequence in wenigen Wochen 170 Kunden vermittelt und Provisionen im Wert von mehr als 22.000 Dollar eingestrichen, das dokumentiert die Plattform auf ihrer Statistik-Seite und er bestätigt die Zahlen auf Anfrage. Auch er selbst hat investiert, und zwar umgerechnet mehr als 25.000 Euro. Sein Einsatz hat sich mittlerweile offenbar mehr als verdoppelt. Pallenberg erlebt ein kleines Wunder: Das Geld vermehrt sich von ganz alleine.

Ich will das Wunder auch mal erleben, auch wenn ich nicht daran glauben kann – und probiere BitSequence aus. Erste Überraschung: Bei der Registrierung genügt die E-Mail-Adresse. Außerdem soll man bestätigen, wer einen empfohlen hat – zum Beispiel Nutzer Pallenberg. Das war’s. Name, Adresse, Telefonnummer darf man für sich behalten. BitSequence hält sich auch nicht mit Fragen auf, die einem hiesige Banken vor Investments stellen müssen: Schon mal mit Wertpapieren gehandelt? Egal. Erfahrungen mit Fremdwährungen? Geschenkt. Finanzielle Verhältnisse? Spielen keine Rolle.

Unkonventionell läuft auch das Investieren: Banküberweisungen sind ausgeschlossen. Willkommen sind hingegen Transfers in Kryptowährungen. Ich überweise aus einem Depot, das ich für Testzwecke angelegt habe, Ether im Wert von 25 Euro. Doch auf meinem Konto bei BitSequence kommen sie nicht sofort an. Das macht mich stutzig. Also gucke ich nach, in der Blockchain. Sie ist die Technologie, die vielen Kryptowährungen zugrunde liegt. Man kann sich die Blockchain vorstellen wie ein Kassenbuch, in dem alle Transaktionen für alle Zeiten öffentlich dokumentiert sind. Zwar sind die Inhaber der Konten nicht so leicht zu erkennen, aber auf welchem Konto wie viel Guthaben liegt, das lässt sich jederzeit überprüfen.

Als ich meine Transaktion nachverfolge, bin ich überrascht: Meine Ether gehen auf einem Konto ein, wo sie zusammen mit anderen Einzahlungen zu einem Paket geschnürt werden, das insgesamt rund 100 Ether umfasst. Gegenwert: um die 100.000 Dollar. Dieses Paket wird dann im Minutentakt wie von Geisterhand weitertransferiert, immer wieder werden kleine Auszahlungen abgezwackt und neue Einzahlungen hinzugefügt. Wozu das gut sein soll? Das will mir BitSequence später auch auf Nachfrage nicht verraten. Ich habe den Eindruck, das Unternehmen versucht seine Spuren mit den permanenten, automatisierten Transfers zu verschleiern. Dadurch könnte es im Fall eines Totalverlusts deutlich schwieriger werden, herauszufinden, was mit den investierten Geldern passiert ist. Bei 25 Euro Einsatz mag das egal sein – aber manche Nutzer haben viele Tausend Dollar investiert.

Was genau passiert mit den Einlagen?

Meine Einzahlung wird meinem Konto erst gutgeschrieben, als ich den Kundendienst per Mail daran erinnere. "Sorry für die Umstände", schreibt mir ein gewisser "Admin" zurück. Als ich mir einen Teil gleich wieder auszahlen lassen will, kostet mich das zwei weitere Mails. Andere Nutzer beklagen in Kommentaren auf Facebook und YouTube ähnliche Probleme. BitSequence scheint Geld lieber einzusammeln als auszuzahlen.

Nutzer wie Pallenberg allerdings belohnt das Unternehmen mit diversen Prämien, wenn sie neue Investoren gewinnen. Es gibt fünf Prozent Provision, außerdem einen Tagesbonus und einen Team-Bonus, der sich nach der Höhe der vermittelten Einzahlungen richtet. Wer 10.000 Dollar Investment vermittele, so rechnet die Webseite vor, erhalte so einmalig 1.850 Dollar Belohnung, außerdem 30 Dollar Prämie täglich.

Experten haben einen Namen für so etwas: Schneeballsystem oder auch Ponzi-Schema, benannt nach Charles Ponzi. Der hatte schon 1920 mit sogenannten Postantwortscheinen spekuliert. Seinen Kunden versprach er 50 Prozent Rendite in 45 Tagen. Und er zahlte Vermittlern ähnlich wie nun BitSequence hohe Provisionen. Wenn ein Investor sein Geld zurückwollte, dann zahlte Ponzi es eben mithilfe neuer Einzahlungen aus. Bis skeptische Anleger und Journalisten den Schwindel enttarnten, zu viele Menschen auf einmal ihr Geld zurückverlangten und das System kollabierte. Ponzi landete im Knast.

Fragt man Pallenberg, ob BitSequence ein Ponzi-Schema sein könnte, schreibt er, er verstehe den Zusammenhang nicht. Es seien ihm keine Kritiker bekannt, die das belegen könnten. Inzwischen gebe es mehrere Hundert Kryptowährungen. "Alleine der Arbitrage-Handel zwischen Börsen in verschiedenen Ländern ist extrem lukrativ." Sehr schnelle Handelsroboter erzielten weitaus höhere Renditen als drei Prozent am Tag, ist Pallenberg überzeugt, dennoch halte er das Versprechen von BitSequence für "sportlich".

Dann verweist er noch auf eine schwarze Liste, auf der Ponzi-Anbieter stehen; sie listet mehr als 100 Schneeballsysteme, BitSequence fehlt. Aber kann man daraus schon schließen, dass BitSequence vertrauenswürdig ist – zumal die Plattform auf anderen schwarzen Listen durchaus auftaucht?

BitSequence selbst verrät im Netz nur wenig darüber, was es macht: "Die Software von BitSequence analysiert durchgehend Marktdaten und gebraucht dabei 100+ technische Indikatoren, um Kauf- und Verkaufssignale mit einem wachsenden Relevanzniveau dank der Algorithmen künstlicher Intelligenz zu entdecken", heißt es recht nebulös. So sei es möglich, "Geld zu machen unabhängig davon, ob der Markt steigt oder fällt".

Als ich anfange Fragen zu stellen, beiße ich schnell auf Granit. Wie BitSequence drei Prozent Rendite am Tag erreichen wolle? Meine namenlosen Gesprächspartner aus dem Support-Chat verweisen mich auf die Statistik-Seite, auf der die Plattform Pallenberg und andere investitionsfreudige Nutzer auflistet. Was mit den Einlagen genau passiere? "Wir sind Krypto-Händler", antwortet mir jemand im Chat, "wir handeln nicht nur mit Bitcoin." Mehr ist nicht zu erfahren.

"Rufen Sie später wieder an!"

Also rufe ich die britische Nummer an, die auf der Webseite von BitSequence angegeben ist. Es klingelt eine Weile. Dann höre ich eine tiefe Männerstimme: "Hallo?"

"Spreche ich mit BitSequence, mit Aaron Ekert, dem Gründer?"

Männerstimme: "Ekert? BitSequence?"

Kindergeschrei im Hintergrund.

"BitSequence heißt die Webseite", erkläre ich, "und da steht unten Ihre Nummer drauf, eine britische Nummer."

Männerstimme: "Aber ich bin in den Vereinigten Arabischen Emiraten!"

Ich: "Dann stimmt die Nummer wohl nicht."

Männerstimme: "Moment, BitSequence sagen Sie? Warten Sie! Ich frage meine Brüder, vielleicht haben sie die Nummer angegeben. Das könnte sein! Rufen Sie später wieder an!"

Als ich später wieder anrufe, hebt niemand mehr ab. Aber im Support-Chat bestätigt mir ein namenloser Mitarbeiter: Ja, man sitze auch in Abu Dhabi, aber ich sollte nicht mehr anrufen, die Telefon-Hotline sei nur für VIP-Kunden. Erst ab einem Investment von 50.000 Euro, erklärt mir der Mitarbeiter, werde man in diesen exklusiven Kreis aufgenommen.

Kurz darauf verschwindet die Nummer von der Webseite. Nun versuche ich es mit einer offiziellen Presse-Anfrage bei dem Unternehmen, das – wie das britische Handelsregister bestätigt – im Oktober 2017 gegründet wurde, und zwar von Aaron Ekert, mit genau einem Pfund Sterling Stammkapital. Doch BitSequence lässt meine Mails unbeantwortet.

Also mache ich mich auf den Weg nach Leeds, wo die Firma laut Handelsregister und ihrer Website ihren Sitz hat. Mit dem Flugzeug geht es nach Manchester, dann weiter mit dem TransPennine Express. Der Zug fährt vorbei an Reihenhäusern mit schmalen Erkern, Regen und Schmutz haben ihnen schwarze Längsstreifen verpasst; hier und da Fabriken, Schornsteine. Geld muss in dieser Gegend noch hart erarbeitet werden.

"Wer Geld haben will, muss arbeiten!"

Unterwegs chatte ich mit BitSequence. Ich frage, ob Pallenberg vertrauenswürdig sei. "Oh ja, großartig, das ist er." Aber dann rät mir mein Gesprächspartner, ich solle mich beim Investieren aber doch lieber auf den Nutzer Goldprofit berufen. "Wer ist das?", frage ich. "Ich", schreibt mein virtuelles Gegenüber, "ich kriege dann den Bonus, my dear."

Etwas später fährt mein Zug in Leeds ein. Die Firmenzentrale soll sich nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt befinden, in einem Haus nicht weit von der zentralen Einkaufsmeile. Frauen und Männer mit Aktentaschen und Einkaufstaschen laufen durch die Straßen, betreten Bürogebäude und Bankfilialen. Haus Nummer 14 ist ein zweistöckiges Backsteinhaus. An der Rezeption sitzt ein glatzköpfiger Portier, er schaut mich fragend an. Ob ich zu BitSequence könne, will ich wissen. BitSequence? Nie gehört.

Im Haus gebe es nur eine Recruiting-Firma und eine Anwaltskanzlei, so der Portier, ein paar Büros belegt außerdem Her Majesty’s Courts and Tribunals Service, eine Einrichtung des Justizministeriums. Ist Ihre Majestät eine heimliche Bitcoin-Händlerin? Unvorstellbar. Ich nenne dem Portier die Internetadresse, auf einem Tablet-Computer steuert er sie an. Nein, sagt er, von der Firma wisse er nichts; das Foto von den lichtdurchfluteten Büroräumen könne nicht von hier sein. BitSequence ist nicht mal eine Briefkastenfirma: Wer Post an ihre offizielle Adresse schicken würde, bekäme sie zurück.

Der Portier wird unruhig, nun klickt er sich aufgeregt durch die Seiten von BitSequence; dann ruft er die Hausverwalterin an: "Wir müssen das hier alles abspeichern", sagt er, "wir müssen das melden."

Am Tresen wartet schon die ganze Zeit eine Frau, sie trägt Ohrringe groß wie Schneebälle. Sie heißt Elizabeth und ist die Putzhilfe. Und sie kriegt sich vor Lachen kaum noch ein. "Drei Prozent Rendite am Tag?", ruft sie. "Ich sage dir: So leicht kommt das Geld nicht zu einem. Wer Geld haben will, muss arbeiten! Hart arbeiten!"

Auf dem Weg zurück zum Flughafen chatte ich dann noch mal mit dem Mitarbeiter, der sich Goldprofit nennt. Meine Fragen nach der gefälschten Adresse interessieren ihn gar nicht. "Hast du dir überlegt, ob du mehr investierst?", will er wissen, "schau dir unsere Statistiken an!" Als ich Aaron Ekert verlange, sagt Goldprofit: "Der ist gerade mit Auszahlungen beschäftigt."

Um mich konnte sich Ekert aber bisher offenbar nicht kümmern. Trotz eindeutiger Mail an den Support habe ich mein Geld bis Redaktionsschluss nicht zurückbekommen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio